BR Heimat


0

Evangelische Pfarrhäuser "Nicht Dorfhaus und nicht Villa"

Die Historiker im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim haben schon vielen Gebäudetypen unters Dach geschaut. Nun haben sie evangelische Pfarrhäuser erforscht. Dazu erschien der Begleitband "Nicht Dorfhaus und nicht Villa".

Von: Marion Christgau

Stand: 04.12.2017

Ein Haus unter vielen und doch etwas besonderes, nicht zu luxuriös, aber schon auch standesgemäß – schließlich sind ja auch die Bewohner, der Pfarrer und seine Familie, besondere Gemeindemitglieder. Am Pfarrhaus lässt sich viel erzählen und erfahren über die geistes- und kulturgeschichtliche Entwicklung seit der Reformationszeit. Eine Fülle von Aspekten hat das Buch in den Blick genommen, von baulichen Besonderheiten bis zum Leben und Wohnen des Pfarrers und der Familie:

"Wir haben ja auch immer einen Sonntagsspaziergang gemacht und ich habe dann erst später gemerkt, dass das immer die Gemeindebesuche waren. Wir sind ins nächste Dorf und da hat mein Vater einen offiziellen Besuch gemacht und wir waren halt auch immer dabei."

Luise Beyerlein, Pfarrerskind

Alltag der Pfarrersfamilien

Ihr Vater konnte gut mit den Menschen, erzählt Luise Beyerlein, aufgewachsen in Burghaslach in den 1920er-Jahren als Pfarrertochter. Zeitzeugen wie sie lassen das Buch lebendig werden, lassen den Leser in den Alltag der Familien im Pfarrhaus schauen.

"Also wenn man ins Haus reingekommen ist, war ein Flur und gleich am Anfang das Arbeitszimmer des Vaters mit Klavier und Telefon. Dieses Telefon war allerdings die öffentliche Fernsprechanlage im Dorf. Das hieß es konnte jeder kommen und die Leute kamen auch teilweise nachts, wenn sie zum Beispiel den Arzt brauchten."

Peter Lang, Pfarrerskind

Pfarrerskinder wie Peter Lang berichten von der besonderen Stellung im Ort, vor allem wenn es nach Lausbubenstreichen hieß: "dem Pfarrer seiner wor ah dabei". Ein Leben, das für alle Familienmitglieder nie ganz privat war, sagt Projektleiterin Susanne Grosser, die viele Gespräche geführt hat, in Tagebüchern und Archiven gestöbert hat, um ein möglichst umfassendes Bild des Pfarrhaushaltes zu zeichnen. Eines wurde recht schnell deutlich. Das eine Pfarrhaus gab es nicht.

"Ich denke vom Pfarrhaus existiert so ein Bild als ein Ort der Bildung und der Kultur. Das stimmt sicher auch. Der Pfarrer hatte seine Bibliothek, es gab auch feine Handarbeiten der Pfarrfrauen, die waren aber auch draußen im Garten, um sich selbst zu versorgen, hatten auch riesige Gemüseanbauflächen, die waren aufm Acker, um auch was zu verkaufen, die mussten die große Zahl der Kinder versorgen, das riesen Haus und sie waren zumindest ab dem 19. Jahrhundert als Pfarrfrauen stark in der Gemeinde gefordert. Wir haben ein Beispiel, wo eine Pfarrfrau den Horror vor der ersten Spritze schildert, die sie setzen muss, weil der Arzt sagt: 'Frau Pfarrer, da können sie sich doch drum kümmern.'"

Dr. Susanne Grosser, Mitautorin

Zwischen Familie und Studierstube

Eintauchen in den Pfarralltag zwischen Familie und Studierstube – das geht ganz wunderbar mit dem bebilderten 430 Seiten starken Band, der sich in einem anderen Teil auch den oft markanten Pfarrgebäuden architektonisch widmet. 120 ausgewählte Portraits mit Fotos zeigen die Bandbreite fränkischer Pfarrhäuser. Der Leiter des Fränkischen Freilandmuseums und Mitautor Herbert May ist bei der Thematik übrigens in mehrfacher Hinsicht Fachmann.

"Ich wohne in einem der schönsten Pfarrhäuser Mittelfrankens in Laubendorf. Ein Gebäude, das kurz nach 1900 erbaut wurde und sehr villenartig über dem Dorf thront, ein Hingucker."

Dr. Herbert May, Leiter des Fränkischen Freilandmuseums und Mitautor

Info und Bewertung

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Der Begleitband "Nicht Dorfhaus und nicht Villa" umfasst 430 Seiten und kostet 32 Euro. Das Buch kann im Museumsshop des Fränkischen Freilandmuseums gekauft werden. Interessenten können das Buch aber auch unter www.freilandmuseum.de bestellen.

Früher waren die Pfarrhäuser im Unterschied zu den einfachen Bauernhäusern mit großem Wohnkomfort ausgestattet. Eine Badewanne, eine Toilette am Haus und nicht überm Hof, beheizbare Räume. Fotos im Buch und Grundrisspläne zeigen, welche Ausstattung dem Stand  des Pfarrers in der Gesellschaft angemessen war. Da hatte er es gut, der Herr Pfarrer. Schließlich war er auch gefordert. Oft verstrickt zwischen Amt, Gemeinde und Obrigkeit. Themenaufsätze unterschiedlicher Autoren beleuchten die verschiedenen Rollen der Geistlichen. "Evangelische Pfarrer als Volksaufklärer", ist ein solches Kapitel überschrieben.

"Pfarrer wird jetzt Heilsverkünder, nicht mehr nur Heilsvermittler, d.h. das Wort gewinnt an Bedeutung, die Predigt gewinnt an Bedeutung. Man erwartet mehr von der Bildung des Pfarrers und auch die Vorbildwirkung, die die Pfarrersfamilie haben musste. Also was er predigt das müssen sie in der Realität leben."

Dr. Susanne Grosser, Mitautorin

"Nicht Dorfhaus und nicht Villa – evangelische Pfarrhäuser in Franken" ist ein eindrucksvolles leinengebundenes Buch, das den inhaltlichen Bogen bis in die Gegenwart spannt. Und letztlich fehlt auch ein Blick auf die ungewisse Zukunft dieser besonderen Häuser in den Dörfern und Städten nicht. Mit der Frage "Brennt im Pfarrhaus noch Licht?" und den Gedanken zur Debatte um die Wohnpflicht der protestantischen Geistlichen in den Pfarrhäusern.


0