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Eine Tradition stirbt aus Klöppelspitze aus Nordhalben

Sie verzierte die Blusen der feinen Damen, wurde um Tischdecken und Taschentücher herum genäht und auf Bettwäsche für die Aussteuer: Zarte Spitze. Eines der Zentren für Klöppelspitze war über 100 Jahre lang Nordhalben im Landkreis Kronach.

Von: Susanne Roßbach

Stand: 09.09.2020

Klöppeln in Nordhalben | Bild: BR-Studio Franken/Susanne Roßbach

Beate Agten ist hoch konzentriert. Sie sitzt an einem Klöppelkissen, das aussieht wie eine Nackenrolle. Darauf festgesteckt ist ihre Handarbeit. Beate Agten hantiert mit 50 Klöppelpaaren – das sind schmale Holzstäbe, auf denen der Faden aufgewickelt ist. Beim Klöppeln wird immer mit zwei Paaren gleichzeitig gearbeitet. Die anderen werden mit großen Nadeln zur Seite gesteckt.

"Wir sprechen beim Klöppeln von einem paarweisen Verdrehen und Verkreuzen von Fäden, d.h. wenn ich drehe, lege ich innerhalb eines Paares rechts über links und beim Kreuzen zwischen zwei Paaren dann links über rechts. Die Bewegungen sind gegenläufig, damit hält das überhaupt."

Beate Agten

Altes Handwerk in Nordhalben

Beate Agten ist gelernte Textil-Designerin. Sie war fast 30 Jahre lang Leiterin der Nordhalbener Klöppelschule und des Klöppelmuseums und hat vielen Kindern und Erwachsenen das alte Handwerk beigebracht. Sie selbst hat schon als Kind mit dem Klöppeln begonnen.

"Ich komme ja aus einer Region, in der das Klöppeln noch ein bisschen mehr verbreitet ist, also aus dem Erzgebirge. Meine Mutti hat geklöppelt und ich fand als Kind dieses Geklapper wirklich toll. Meine Mutti hat dann gemeint: 'Was, du willst Klöppeln lernen? Du kannst doch sowieso nicht ruhig sitzen.' Sie hat mich aber dennoch bei ihrer Klöppellehrerin mit angemeldet – sprich: Ich klöppel jetzt auch schon so 48 Jahre."

Beate Agten

Ein Zentrum der Klöppelkunst

In Nordhalben hat das Klöppeln eine über 100 Jahre lange Tradition. Mädchen und Frauen stellten Spitze als Meterware her, arbeiteten Tischwäsche und Spitzentaschentücher.

"In Nordhalben wurde das Klöppeln als Heimarbeit eingeführt. Man hat versucht, die Frauen und Mädchen im Ort zu halten. Die sollten also bitteschön Zuhause bleiben, klöppeln, nebenbei Geld verdienen und nicht ins benachbarte Vogtland in die Fabriken abwandern. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es dann weniger, wobei bis auf wenige Ausnahmen die Mädchen das auch heute noch gelernt haben."

Beate Agten

Klöppeln als Hobby

Geklöppelte Ohrringe

Allerdings nicht mehr, um damit Geld zu verdienen, sondern als Hobby, denn mit der Klöppeltechnik kann man weitaus mehr herstellen als traditionelle weiße oder bunte Spitze, sagt Beate Agten und zeigt ein Paar Ohrringe, die sie aus feinem Silberdraht gearbeitet hat. Im Ort steht eine riesengroße Rose aus Kupferdraht, geklöppelte Schmetterlinge schmücken ein Blumenbeet.

Historische Spitzenkragen – wie im Dreißigjährigen Krieg

Auf dem Klöppelkissen liegt festgesteckt der sogenannte Klöppelbrief, also das Muster, das entstehen soll. Ruhig und gleichmäßig bewegen sich die Hände von Beate Agten zwischen den vielen Klöppeln hin und her. Ihre letzte größere Auftragsarbeit war ein Spitzenkragen für ein historisches Kostüm. Zum Hintergrund: Im Dreißigjährigen Krieg gab es lange vor dem offiziellen Friedensschluss 1648 den Frieden von Nordhalben, der in der Regel alle zwei Jahre mit einem Stadtspektakel gefeiert wird.

"Und dort wurde mir aufgetragen: Wir möchten gerne einen Kragen für die Männer, bitte angelehnt an die Zeit. Da musste ich natürlich erstmal recherchieren und schauen: Welche Spitze war Mode? Was hat gepasst. Diesen Kragen habe ich mit Leinengarn gearbeitet. Es war damals das Material für Klöppelspitze. Leinen ist haltbar, Leinen kann ich kochen, das ist sehr robust und durch diese Art des Materials, Leinen ist ja nicht glatt wie Baumwolle, sondern unregelmäßig, hat der auch einen gewissen Stand."

Beate Agten

Klöppeln – "Mediation mit Fäden"

55 Stunden hat Beate Agten an einem Kragen gearbeitet, doch der Zeitaufwand sei ihr nicht wichtig, sagt sie.

"Es geht nicht darum wie lange ich brauche. Klöppeln ist sehr entspannend, es beruhigt. Eine Freundin von mir hat gesagt: Meditation mit Fäden, das wär' für sie Klöppeln."

Beate Agten

Überlebt das Klöppeln in der modernen Welt?

Im Klöppelmuseum von Nordhalben war bis zur Corona Krise eine internationale Spitzensammlung zu sehen. Doch das Museum ist seit Monaten geschlossen. Beate Agten wird es nicht wieder aufschließen. Sie hat mittlerweile eine Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen. Ob und wie das Museum weitergeführt wird, ist unklar, teilte der Nordhalbener Bürgermeister mit. Es scheint, als ob die lange Tradition der Klöppelkunst in Nordhalben zu Ende geht.


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