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Christoph Pitz Tilman und die Nackten

Tilman Riemenschneider gilt als einer der bedeutendsten Künstler zwischen Spätgotik und Renaissance. Er hat das mittelalterliche Franken geprägt. Christoph Pitz hat ihn zum Protagonisten seiner Novelle "Tilman und die Nackten" gemacht.

Von: Julia Dechet

Stand: 10.03.2020

Buchcover "Tilman und die Nackten" | Bild: echter-Verlag

Jeder, der schon einmal einen Spaziergang durch die Würzburger Altstadt gemacht hat wird vermutlich vor ihr gestanden haben: Die Marienkapelle am Marktplatz, im Herzen der Stadt am Main. An der Fassade des Südportals fallen zwei Figuren besonders auf: Adam und Eva. Um genau diese beiden – und um den Künstler, der sie geschaffen hat – dreht sich das Buch "Tilman und die Nackten" von Christoph Pitz.

"Ich bin ja von Haus aus auch ein bisschen Historiker – und da denkst du dir: Wo kommt das her? Wo kommen diese Art von Figuren aus dem Nichts plötzlich her?"

Christoph Pitz, Autor

Tilman Riemenschneider: Bildhauer und Bildschnitzer

Die Original-Figuren an der Marienkapelle kommen aus dem Kopf von Tilman Riemenschneider. Einem Mann, der zur damaligen Zeit – um 1500 – als Bildhauer und Bildschnitzer Würzburg und ganz Franken geprägt hat. Autor Christoph Pitz lässt in seiner Novelle Einblicke in den Kopf von Tilman Riemenschneider zu.

"Da ist er vor allen Dingen Künstler, seiner Kunst verschrieben. Die Menschen um ihn herum kümmern sich um Gesellschaft und Politik, müssen ihn gegen Anfeindungen verteidigen. Die geben sich teilweise als Freunde aus und hintergehen ihn dann, weil sie Angst vor der neuen Kunst haben, die er da erschaffen will. Was das für Menschen genau waren, das können wir heute schwer rekonstruieren."

Christoph Pitz, Autor

Adam und Eva – nackt

Dennoch erschafft der Autor eine eigene kleine Welt. Würzburg im Mittelalter, mit Streitereien im Stadtrat, Machtkämpfen in der katholischen Kirche und blutigen Bürgeraufständen – keine einfache Zeit für einen gewissermaßen revolutionären Künstler wie Riemenschneider: Die nackten Figuren von Adam und Eva sorgen im damaligen Würzburg für Furore – auch unter seinen Kollegen der Gilde mit seinem Konkurrenten Martin Lederer.

"…und denkt an meine Worte. Er wird unser aller Ansehen in den Staub treten mit seinem gotteslästerlichen Tun, wenn wir es nicht verhindern. Er spricht davon, dass ein neues Zeitalter der Kunst angebrochen sei, aber ich habe seine Zeichnungen in der Ratskanzlei gesehen, Meister Til verhöhnt mit seinen Figuren die Gottesmutter und er spottet unserem Handwerk, indem er sie splitternackt und wollüstig im Fleisch und lächerlich verrenkt darstellt. Er will die alten Traditionen…'

Martin Lederer hielt in seiner leidenschaftlichen Tirade, den Mund vor Überraschung weiterhin geöffnet, unvermittelt inne, denn Tilman war ihm gegenüber gerade durch die Pforte getreten."

Aus dem Buch 'Tilman und die Nackten' von Christoph Pitz

Info und Bewertung

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Das Buch "Tilman und die Nackten" von Christoph Pitz ist im Würzburger "echter"-Verlag erschienen. Es umfasst 152 Seiten und kostet 9,90 Euro.

Dreht sich also die gesamte Novelle nur um zwei nackte Figuren? Nein, Christoph Pitz gibt einen Einblick in die damalige Zeit, baut immer wieder historisch so geschehene Ereignisse in die Geschichte mit ein.

"Zum Beispiel, dass der alte Scherenberg gedrängt wurde, einen Nachfolger, einen Mitregenten zu benennen und sich das Domkapitel dann nach der Sonntagsmesse versammeln sollte und er seinem Nachfolger das Barett auf den Kopf setzen würde, die hat es wirklich gegeben. Er hat sich das Barett dann selbst aufgesetzt mit dem Satz, den ich zitiere 'Ich sehe hier keinen, der würdiger ist, als diesen.'"

Christoph Pitz, Autor

Historische Ereignisse und erdachte Szenen

"Tilman und die Nackten" thematisiert ein Zusammenspiel – aus Kunst und Gesellschaft, aus Faszination und Unverständnis, aus alter und neuer Welt, aus historischen Ereignissen und erdachten Szenen. Gerade dieses Zusammenspiel ist spannend. Und mit dem jungen Michelangelo oder Christoph Kolumbus treten auch diverse Berühmtheiten der damaligen Zeit auf.

"Da ging es mir um den Epochenwandel, mit wenigen Worten klarzustellen, in was für einer Zeit man lebt. In der Zeit, als Tilman das Neue ans Portal der Marienkapelle gestellt hat – die Welt war im Begriff sich zu verändern."

 Christoph Pitz, Autor

Christoph Pitz: Historiker, Germanist, Wahl-Würzburger

Das kommt also dabei heraus, wenn ein Historiker, Germanist und Wahl-Würzburger ein Buch schreibt. Genauer gesagt eine historische Novelle. "Tilman und die Nackten" ist das erste von aktuell zwei Büchern dieser Art, wie Thomas Häußner vom "echter"-Verlag in Würzburg erklärt.

"Die beiden laufen unter dem Reihentitel 'Würzburger historische Novellen', es ist also erzählte Geschichte, jeweils eine Episode aus Würzburgs Geschichte. Der Autor lehrt also nicht Geschichte, sondern erzählt sie – vor dem Hintergrund historischer Tatsachen."

Thomas Häußner, echter-Verlag

"Tilman und die Nackten" lebt von einer bildlichen Sprache und an manchen Stellen auch von lockeren, humorvollen Dialogen. So beispielsweise in einer Szene in Florenz, als der junge Michelangelo seinen Künstlerkollegen Boticelli zurechtweist.

"Ich bin euch gefolgt, da ich mir schon dachte, dass Ihr Meister Tilman den falschen Weg weisen würdet."

"So, dachtest du dir…"

"Ja, denn in Plastik hätte diese Venus keinen Stand, sie fiele um. Die Hüfte ist schief, die Bauchmuskeln sind die eines Mannes, die Schlüsselbeine sind zu kurz…"

"Die was für Beine?" Boticelli vermochte seine Verärgerung kaum zu beherrschen.

"Die Schlüsselbeine. Der Knochen, der das Schultergelenk stabil macht."

"Bursche. Du hast eine gewisse Begabung, das sehe auch ich, aber dein Hochmut verwirrt dir den Sinn."

Aus dem Buch "Tilman und die Nackten" von Christoph Pitz

Von der italienischen Kunst inspiriert

Der historische Tilman Riemenschneider war nie in Italien – in der Novelle von Christoph Pitz besucht Riemenschneider aber Florenz und lässt sich von der italienischen Kunst inspirieren.

"Da wir diese Menschen zeitgleich in ein und derselben Welt vorfinden und es bei Riemenschneider um eine Kunstentwicklung geht, die er aus dem Italienischen genommen haben muss, obwohl er selbst dort nie war, habe ich mir den Spaß gegönnt und ihn im Skulpturengarten Lorenzo di Medicis mit Michelangelo zusammengebracht. Michelangelo habe ich so grimmig gezeigt, wie er beschrieben wurde."

Christoph Pitz, Autor

Novellen für eine Nischen-Leserschaft

Der große Erfolg der zwei bereits erschienenen Würzburger historischen Novellen blieb bisher aus, wie Thomas Häußner vom "echter"-Verlag einräumt. Gedacht sind die Geschichten aber auch eher für eine Nischen-Leserschaft. Dennoch ist der Geschäftsführer des Verlags überzeugt.

"Auf die Art und Weise, wie hier Geschichte erzählt wird, bekommt man selbst einen unterhaltsamen Zugang zu Würzburgs Geschichte, findet man einen neuen Blick auf die Vergangenheit und es ist also auch als Novelle durchaus lesenswert, auch für nicht unbedingt an Stadthistorie Interessierte."

Thomas Häußner, echter-Verlag

Interessante Mischung aus Historie und Fiktion

"Tilman und die Nackten" – äußerlich nicht gerade das ansprechendste Buch, der Einband einfarbig orange gestaltet und mit einer trostlos dreinschauenden Figur – einem mutmaßlichen Selbstporträt Riemenschneiders. Dennoch liest sich die Geschichte gut und zeigt auf den knapp 150 Seiten eine interessante Mischung aus Historie und Fiktion.


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