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T. Korber/E. Tannert "True Crime Franken"

Geschichten, Filme und Podcasts über wahre Verbrechen werden immer beliebter. True Crime nennt sich das Genre. Nun gibt es auch eine Sammlung echter Kriminalfälle aus Franken: "True Crime Franken" – geschrieben von Tessa Korber und Elmar Tannert.

Von: Tobias Föhrenbach

Stand: 02.06.2021

"Jede Geschichte hat Lücken. Je weiter sie zurückliegt in der Historie, umso größer sind diese Lücken. Was sie nie wissen ist, wie es in den Leuten ausgeschaut hat. Aber das ist etwas, das Literatur fast immer zu zeigen versucht."

Tessa Korber, Autorin

Infos zum Buch:

"True Crime Franken" von Tessa Korber und Elmar Tannert ist am 26. Mai 2021 im Ars Vivendi Verlag erschienen, umfasst 223 Seiten und kostet 16 Euro.

Auch in diesem Fall – der Anthologie "True Crime Franken" von Tessa Korber und Elmar Tannert. Wahre Kriminalfälle aus den drei fränkischen Regierungsbezirken haben sie sich vorgenommen, die sich vom frühen 13. bis ins späte 20. Jahrhundert so ereignet haben. Eine um beim Thema zu bleiben akribische Ermittlungsarbeit der beiden Autoren. Was geben die Stadt-Archive her, was die Zeitungsberichte und was sagen die Zeitzeugen?

"Dann kam es uns auch darauf an, dass die Fälle in irgendeiner Form interessant sind. Seien sie besonders politisch bedeutsam, besonders blutig, oder kriminalhistorisch interessant. Manchmal ging es auch einfach darum, dass sie in einem selbst etwas ausgelöst haben, dass ein Funke springt, dass man sagt, ja dieser Mörder, dieses Opfer, dieses Geschehen hier, das interessiert mich. Darüber will ich arbeiten."

Tessa Korber, Autorin

Echte Kriminalfälle – aus unterschiedlichen Blickwinkeln

Und das funktioniert bei diesem Buch sehr gut. Das persönliche Interesse der Schriftstellerin und des Schriftstellers an den Fällen überträgt sich auch auf den Leser. Durch die vielen verschiedenen Erzählperspektiven kann man den Kriminalfällen aus unterschiedlichen Blickwinkeln folgen. Auch sprachlich ist man ganz nah dran, so nähern sich die Autorin und der Autor teils den jeweiligen zeitlichen Epochen an und spielen mit der Erzähl-Form. Das macht das Geschehene noch plastisch und realistischer. Und darum geht’s ja auch.

True Crime wird immer beliebter

True Crime – sowieso ein Genre, das sich in den letzten Jahren einer zunehmenden Anhängerschaft erfreut. Aufgepeppte Podcasts ziehen Millionen von Abonnementen, Onlineplattformen laden alle User dazu ein, ihre eigenen Theorien zu den Kriminalfällen zu streuen, effektvolle TV Serien und True-Crime Magazine großer Verlage stillen die Sensationsgier. Diese Anthologie, erschienen beim Ars Vivendi Verlag, wirkt dagegen angenehm unaufgeregt und ist gemacht mit viel Liebe zum Detail und einem Fokus auf das Innenleben der Protagonisten. Man wird belohnt mit Nervenkitzel und Erstaunen darüber, dass diese Fälle sich hier in Franken wirklich so abgespielt haben.

"Verbrechen ist letztlich immer ein Teil der Sozialgeschichte, auch wenn es kein genuin politisches Verbrechen ist. Verbrechen sind immer ein Indikator dafür, wie eine Gesellschaft aussieht, wie sie begangen werden. Klassisches Beispiel: Gaiganz, wo ein ganzes Dorf, in dem eine ganz normale Kirchweihschlägerei eigentlich stattgefunden hat, überrollt wird von dem Drum und Dran der Machtergreifung und der Gleichschaltungsabsichten der Nationalsozialisten. Die aus diesem normalen Dorfmord ein Politikum machen, das das Leben aller betrifft, die auch nur entfernt dabei gewesen sind."

Tessa Korber, Autorin

Gaiganz

"Da sie das nicht gestehen wollten, wurden neunzehn von ihnen zu einem Zug formiert, Bürgermeister und Pfarrer voran. Zu Fuß trieb man sie aus dem Dorf, die Landstraße entlang. Forchheim war das Ziel, angeblich, um sie dort in Schutzhaft zu nehmen. Denn vor Zorn des betrogenen Volkes, das eines seiner edelsten Jünglinge beraubt worden war, konnten die Hundertschaften vor Ort sie unmöglich beschützen. Also trieb man sie über die Straße. Hängte ihnen Schilder um und rief den Passanten und allen, die es hören wollten, zu, um was für Spitzbuben es sich dabei handelte: Um Mörder, Verschwörer, Volksfeinde, Verräter. Es fanden sich rasch genug, die sie anschrien und anspuckten auf ihrem Weg. Nachbarn waren das und Fremde. Sie fanden sich überall. Die Gaiganzer stolperten durch ein Spalier aus Hass. Möglich, dass nicht alle ankämen. Möglich, dass sie irgendwo den Armen ihrer halbherzigen Beschützer entrissen und an einen Baum gehängt wurden. Möglich war alles in jedem Moment." Auszug aus 'True Crime Franken'

Die Entwicklung der Gerichtsbarkeit und der Polizeiarbeit

Doch nicht nur über politische und gesellschaftliche Umstände der jeweiligen Zeit erfährt man eine Menge, sondern auch über die historische Entwicklung der Gerichtsbarkeit und der Polizeiarbeit. So konnte etwa ein Fall aus Reichelshofen, in dem ein Büttnermeister seine Schwester mit einem Bügeleisen erschlug, nur aufgrund einer damals ganz neuen aus Großbritannien importierten Methode der Blutspuruntersuchung gelöst werden. Und auch andere bemerkenswerte Erkenntnisse hat das Schriftsteller-Ermittlerduo gewonnen.

"Bei den Recherchen zu den 60iger Jahren ist mir aufgefallen, dass man da sehr oft auf den Hinweis stößt, dass die Polizeiarbeit in der Zeit und gerade auf dem Land noch sehr lax gewesen sein soll. Deswegen, weil man um jeden Preis vermeiden wollte, die Fehler der vorausgegangenen Diktatur zu wiederholen. Niemals jemanden unschuldig einsperren, verdächtigen, hinter Gitter bringen usw. Was aber dann tatsächlich zu Ermittlungspannen geführt hat, oder zu Fällen, bei denen überhaupt nicht ermittelt wurde."

Elmar Tannert, Autor

Kuriose und erschütternde Kriminalfälle

Ein Königsmord in Bamberg aus dem Jahr 1208, 1686 der Betrug eines Alchemisten in Kulmbach, ein Weindiebstahl in Volkach 1504 – die Auswahl der Kriminalfälle ist abwechslungsreich. Besonders durch Mark und Bein geht einem dabei der jüngste Fall der Anthologie aus dem Jahr 1972. Der von Kuno Hofmann, eine Geschichte, die bundesweit vor allem wegen ihrer blutigen Details für Schlagzeilen sorgte. Der Täter wurde für einen Doppelmord und Grabschändungen in Nürnberg verurteilt und kam 2004 nach 26 Jahren Gefängnis frei. Es sind Fälle wie dieser, die einem vor Augen führen, dass die Realität meist schockierender ist, als die Fiktion. Und oftmals auch um einiges kurioser.

"Sehr kurios fanden wir den Fall des Bamberger Domherren Adolph Freiherr von und zu Dalberg. Der Fall spielte sich ab 1780 ungefähr ab. Kurz gesagt war es so, dass sich dieser Bischof eines nächtlichen Ruhestörers dadurch Herr werden wollte, indem er seinem Hauspersonal befahl sich ein Gewehr zu schnappen und den dann nachts auf der Straße einfach niederzuschießen. Das war eine, ich möchte schon fast sagen, schrille Operngestalt, auf die wir da gestoßen sind."

Elmar Tannert, Autor

Wahrhaftige Fälle – mit fiktiven Elementen

Alles True Crime? Nicht ganz. Die Fälle sind wahrhaftig, aber oft werden fiktive Personen und Nebenstränge hinzugefügt, um die Geschichte besser erzählen zu können. Wie viel Fiktion ist also dabei? So wenig wie möglich sagen die Autoren. Und wenn man das liest, ist man tatsächlich etwas irritiert an manchen Stellen, ob sich das wirklich so abgespielt haben mag? Manchmal will man es vielleicht aber auch gar nicht so genau wissen, und wenn doch, dann gibt es auf den letzten Seiten zu jedem Fall erläuternde Hintergründe, die Licht ins Dunkel bringen.

"Sie müssen, wenn sie ins Erzählen kommen, immer Entscheidungen treffen. Wer erzählt, aus welcher Perspektive, rückblickend, dabeiseiend, resümierend, in welchem Tonfall. Da gibt es so viele Entscheidungen, die die ihren sind als Schriftsteller. Handwerklich ist das immer spannend, also egal, wie viele Vorgaben man gemacht bekommt zu einer Geschichte. Das ist immer nur eine Herausforderung, das ist ein Anreiz, ein Antrieb, den eigenen Zugriff zu finden auf das, was da zu erzählen ist, dann auf die eigene Weise zu tun."

Tessa Korber, Autorin


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