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Tierischer Gesang Auch Vögel sprechen Dialekt

Nicht nur Menschen sprechen Dialekt, sondern auch Tiere – genauer gesagt Vögel. Die Melodien von Singvögeln hören sich tatsächlich regional total unterschiedlich an. Sie pfeifen in Mundart, oder vielleicht besser in "Schnabelart".

Von: Tanja Oppelt

Stand: 21.11.2019

Singender Buchfink | Bild: picture-alliance/dpa

Dass sich die Melodien von Singvögeln regional unterscheiden, ist wissenschaftlich schon bekannt. Aber wie sehr sich die Vogeldialekte unterscheiden, davon sind auch Ornithologen immer wieder überrascht. Der Hobby-Ornithologe und Vogelstimmenexperte Robert Pfeifer aus Bayreuth war im Bayerischen Wald unterwegs, als er seinen Ohren nicht traute.

"Ich kam in den Nationalpark Bayerischer Wald und hörte eine Stimme immer und immer wieder und wusste nicht, was es war. Ich musste lange suchen, bis ich mal so einen Vogel, der die unbekannte Stimme geäußert hat, sehen konnte. Und dann war es unser ganz normaler Buchfink. Dort aber hat der Regenruf – das ist ein Ruf der speziell vor Regen vorkommt – ganz anders geklungen. Unser Regenruf in Bayreuth klingt wie 'trüb trüb trüb' aber dort klang es wie 'huit huit', ganz weich und melodisch. Das hätte ich nie dem Buchfink zugeordnet."

Robert Pfeifer, Vogelstimmenexperte

Goldammer-Ruf auf fränkisch und auf sächsisch

Der eine Buchfink sagt "trüb", der andere "huit", das kann schon mal vorkommen bei Dialekten. Da ähneln Vögel der mundartlichen Vielfalt der Menschen. Die Goldammer zum Beispiel ist ein besonders herzlicher Vogel. Ihr Ruf heißt lautmalerisch übersetzt in die menschliche Sprache: "Wie wie wie wie wie – hab ich Dich liiieeb." Bei der Goldammer in der Fränkischen Schweiz hört sich das ganz anders an als bei sächsischen Goldammern aus der Nähe von Görlitz.

Haben Sie sich den fränkischen und den sächsischen Vogelgesang im Beitrag angehört? Als ob sie es sich von den Menschen abgehört hätte, klingt auch die sächsische Goldammer irgendwie kehliger und weniger weich als ihre fränkische Artgenossin. Überhaupt gibt es viele Parallelen zwischen den menschlichen und den Vogel-Dialekten. Denn auch bei den Singvögeln gilt: 'Gelernt wird der Dialekt dahamm!'

"So wie der Mensch von seinen Eltern den Dialekt übernimmt, so übernimmt auch die junge Vogel, wenn er im Nest aufwächst, von seinem Vater – bei den Vögeln singen in der Regel ja nur die Männchen – den Gesang. So wird das weitergegeben und zeigt sich in solchen Dialektgebieten."

Robert Pfeifer, Vogelstimmenexperte

Das Vogelweibchen 'schaud ned gern übern Dellerrand'

Der Bayreuther Ornithologe Robert Pfeifer beschäftigt sich seit langem mit Vogelstimmen und weiß: Das Vogelweibchen schaut 'ned gern übern Dellerrand'. In der Heimat ist's am schönsten, und die größten Chancen beim jungen Vogelweib hat der Jüngling, der in ihrem Dialekt am schönsten pfeift.

"Das Vogelmännchen, das den Gesang vorträgt, will sagen: 'Hier bin ich, ich hab ein schönes Revier besetzt, ich bin ein toller Kerl. Ich singe einen schönen Gesang in meinem Dialekt und suche ein Weibchen. Und ihr Rivalen, haltet Euch fern. Ich bin der Revierinhaber und halte das Revier besetzt.'"

Robert Pfeifer, Vogelstimmenexperte

Ein Vogelweibchen bevorzuge beim Partner den Dialekt, den es selbst spricht, sagt Pfeifer. Das sei auch bei Menschen manchmal ein bisschen so. Wobei: es sollen ja – beim Menschen – durchaus schon Franken mit Oberpfälzern glücklich geworden sein und andersherum. Bei Singvögeln ist das eher unwahrscheinlich, auch deswegen, weil Vögel – obwohl sie fliegen können – gerne in der Gegend bleiben, in der sie geboren sind, oder wieder dahin zurückkommen, wenn es sich um Zugvögel handelt. Ist auch kein Wunder, denn die Vögel in fremden Ländern versteht ja kein Mensch, Verzeihung kein Vogel. Wenn ein deutscher Zilp Zalp einen Artgenossen aus Sibirien hört, versteht er nur Bahnhof.

Dialekte dienen der Arterhaltung der Evolution

Zilp Zalp, Zilp Zalp – so wie er heißt, so pfeift der Vogel auch, und wird von seinesgleichen auf den Nachbarbäumen dabei auch gut verstanden. Letztendlich haben Dialekte bei Singvögeln einen ernsten Hintergrund: Sie dienen der Arterhaltung und der Evolution, sagt Vogelstimmenexperte Robert Pfeifer:

"Wenn es Verpaarungen vermehrt innerhalb eines Dialektgebietes gibt, kann das eine Entwicklung in Gang bringen, die irgendwann die Abgrenzung zum benachbarten Gebiet vorantreibt, dass vielleicht in ferner Zukunft hier zwei Vogelarten entstanden sind."

Robert Pfeifer, Vogelstimmenexperte

Vögel haben keine "Hochsprache"

Und einen deutlichen Unterschied zum Menschen gibt's bei den Singvögeln dann auch: Im Gegensatz zu uns haben Vögel keine "Hochsprache". Sie singen immer, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, ihr Dialekt ist ihr ein und alles. 


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