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Anneliese Hübner "Von Martinsgänsen, Weihnachtsbäumen und Heiligen Nächten"

Für ihr drittes Weihnachts-Buch hat die Rödentaler Autorin Anneliese Hübner Weihnachtsbräuche aus Coburg und dem Coburger Land zusammengetragen. Dabei stieß die Heimatforscherin und Mundartdichterin auch auf einen Brauch, den sie selbst noch nicht kannte.

Von: Anja Bischof

Stand: 03.12.2020

"Von Martinsgänsen, Weihnachtsbäumen und Heiligen Nächten" ist das jüngste Werk der Autorin Anneliese Hübner aus dem Rödentaler Stadtteil Einberg. Ein Gemälde aus den Kunstsammlungen der Veste Coburg ziert den Umschlag. Es wird Johann Georg Friedrich Rauscher (1790 – 1856) zugeschrieben.

Heischebräuche: Kinder, die pfeffern gehen

Viele der alten Weihnachtsbräuche im Coburger Land, über die sie in diesem Buch schreibt, beziehen sich auf die Kinder. Darunter auch einige Heischebräuche: Bräuche, bei denen um Gaben gebeten wird. Das sogenannte "Weihnachts- und Neujahrspfeffern" gehört dazu. Das Weihnachts- und Neujahrsglückwünschen ist vielen Coburgern noch heute gut in Erinnerung. Auch die Töchter von Anneliese Hübner sind in den 1970er Jahren noch mit der Rute "pfeffern" gegangen.

"Bei den Eltern, bei den Verwandten, bei den Nachbarn. Da haben wir gesagt: 'Ich pfeffer mein Herr Nachbar, wenn er mich sieht, dann lacht er. Gibt er mir an guten La is er mein guter Nachbarschma.'"

Töchter von Anneliese Hübner

Das Christkindlesläuten – ein fast vergessener Brauch

Bei der aufwändigen Recherche für ihr Weihnachtsbuch ist die Frankenwürfel-Trägerin Anneliese Hübner zu ihrem eigenen Erstaunen auf einen Brauch gestoßen, den sie selbst noch nicht kannte. Im Buch hat sie ihn natürlich festgehalten. Es handelt sich um das Christkindlesläuten, einen fast vergessenen Brauch, der dazu führte, dass in der Christnacht noch vor dem Morgengrauen die Kirchenglocken geläutet wurden.

"In manchen Ortschaften wurde noch bis in die 1950er-Jahre früh zwischen vier und fünf Uhr geläutet. Herzog Kasimir hat 1626 einen Gottesdienst befohlen in der Christnacht, morgens um vier Uhr. Dieser Gottesdienst hat sich dann im 18. Jahrhundert verloren. Man hat nur noch in Erinnerung an Casimirs Christmess geläutet. Kein Mensch wusste dann mit der Zeit mehr, warum."

Anneliese Hübner, Autorin

Brauchtum bereichert das Miteinander

Solche Fragen zu klären und die alten Bräuche an die junge Generation weiterzugeben, betrachtet die 74-jährige Anneliese Hübner als ihre Aufgabe. Brauchtum bereichere nicht nur ihr Leben, sagt sie, und ihre Augen leuchten dabei, sondern das Miteinander.

"Das Brauchtum gibt im familiären und im gemeinschaftlichen Tun dem Leben auch Halt und Ordnung. Brauchtum ist ein Kulturgut und gehört zu den Grundwerten jeglicher Kultur."

Anneliese Hübner, Autorin

Büchermachen – der Lebenssinn von Anneliese Hübner

Mit Hingabe, Ausdauer und Leidenschaft ist die ehemalige Verwaltungs- und Bibliotheksangestellte seit Jahrzehnten der Tradition auf der Spur. Ihr Name steht auf den Covern von 14 Mundart- und Brauchtumsbücher, die sie im Eigenverlag veröffentlicht hat.

"Für mich ist Büchermachen eigentlich mein Lebenssinn. Man muss ja neben Familie und Beruf wissen: Wie gewichte ich mein Leben, welchen Dingen möchte ich mich widmen."

Anneliese Hübner, Autorin

Schon in jungen Jahren war Anneliese Hübner, die damals noch Frank hieß, fasziniert von den Geschichten, die sich die Menschen um sie herum erzählten. 1946 wurde sie in Coburg geboren und wuchs in der Einberger Dorfschmiede auf. Dort hatte ihre Familie, die aus dem Banat (Rumänien) geflohen war, nach dem Krieg Unterschlupf gefunden. Ihre Liebe zur Mundart stammt aus dieser Zeit. Im Buch "Von Martinsgänsen, Weihnachtsbäumen und Heiligen Nächten" hat sie unter anderem ein in den 1970er-Jahren selbst verfasstes Mundart-Gedicht abgedruckt. Es ist überraschend aktuell und wird bei ihren Lesungen am häufigsten gewünscht. Ein Auszug:

"Bei uns wär des ned passiert, des mit der Maria und dem Josef.
Bei uns wär des ned passiert, dass se kein Zimmer kriecht und in den Stall gemüsst ham.
Bei uns wär des ned passiert, dass kei Ammfraa der Maria beigstandn hot in ihrer schwarn Stund.
In unnerer Straß gehen a wieder zwei rum, a Mo und a Fraa. Die Fraa kriecht a Kind.
Bei de Nachbarn warn se a scho und ham Kinnerwäsch gfochtn.
Da solln se ka kinner nei in na Welt setz, wenn sas ned ernährn könn.
Fraa, mach ned auf. Wer weiß, was die von uns wölln."

Mundart-Gedicht von Anneliese Hübner

Bevor Anneliese Hübner ein Buch schreibt, wälzt sie selbst welche. In den 1960er- und 1970er-Jahren sind Werke herausgekommen, die für die Autorin zu wertvollen Quellen wurden.  

"Die Volkskunde vom Karl Sigismund Kramer, Hochstift Bamberg, Herzogtum Coburg. Er hatte mit Studenten das Staatsarchiv ausgewertet in Bezug auf Brauchtum. Da hatte ich ein Gerüst. Was muss ich suchen. Auf der anderen Seite war ganz wertvoll der Karl-Heinz Goldmann mit seinen Weihnachtsbräuchen in Franken. Da war auch Coburg schon oft drin."

Anneliese Hübner, Autorin

Auch zum Telefon hat Anneliese Hübner oft gegriffen. Vor allem die Pfarrer aus dem Coburger Land konnten ihr immer wieder Fragen beantworten. Wenn sie zu Lesungen bei Seniorentreffen eingeladen wurde, kam sie häufig mit neuen Informationen wieder nach Hause. Ihr drittes Weihnachtsbuch ist ein Schatzkästchen voller zu Papier gebrachter mündlicher und schriftlicher Überlieferungen. Von der Reformation bis heute. Vom Martinstag bis Lichtmess, den gesamten Weihnachtsfestkreis umspannend. Doch ob "Von Martinsgänsen, Weihnachtsbäumen und Heiligen Nächten" bei den Lesern gut ankommen würde, da war sich Anneliese Hübner anfangs nicht sicher.

Das Buch ist so gut wie vergriffen

Doch schon kurz nach dem Erscheinen des Buches im Herbst 2019 war es so gut wie vergriffen. Nur noch wenige Exemplare gibt es heute im Coburger und im Rödentaler Buchhandel. Anneliese Hübner hat den richtigen Riecher gehabt. Ihre Überzeugung, dass Brauchtum immer aktuell ist, haben die vielen Leser ihres Buches mehr als bestätigt.


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