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Anna Schiener "Kleine Geschichte Frankens"

Das Buch "Kleine Geschichte Frankens" beginnt mit den Heidelberger Frühmenschen vor 600.000 Jahren und endet mit der Ausstrahlung des ersten Frankentatorts im Jahr 2015. Und das alles bringt die Historikerin Anna Schiener auf gut 160 Seiten unter? Ja, sagt unser Autor Marco Nennemann.

Von: Marco Nennemann

Stand: 13.07.2020

Cover "Kleine Geschichte Frankens" | Bild: Verlag Friedrich Pustet

Mein erster, reflexhafter Gedanke: Herrje, schon wieder ein Geschichtsbuch über Franken? Die gibt es doch schon zur Genüge! Wäre denn etwas Neues zu berichten? Hat sich ein neuer, ungewöhnlicher Blick aufgetan? Ja, nein, jedenfalls sehe ich vorne auf dem Cover eine alte Ansicht Nürnbergs, blättere die letzten Seiten auf – und finde eine Zeittafel. Die beginnt mit dem Heidelberger Frühmenschen vor 600.000 Jahren und endet mit der Ausstrahlung des ersten Franken-Tatorts im Jahr 2015. Oha, denke ich mir. Ich werde neugierig.

Übersichtliche Einteilung und verständliche Sprache

Wie schafft es die Autorin Anna Schiener, hier einen Überblick zu geben und dort in die Tiefe gehen zu können? Schafft sie es überhaupt? Die erste Antwort lautet schlicht: Ja. Schiener liefert Bilder, eine übersichtliche Einteilung, eine verständliche Sprache. Zwar kaum Geschichten über starke Frauen (abgesehen von Hermine von Bayreuth), aber dafür erfahre ich etwas über die Herkunft der Franken.

"Wer waren die Franken? Die ersten Nachrichten über die Franken stammen aus der Mitte des 3. Jahrhunderts. Germanische Einzelstämme hatten sich zu einem Bund zusammengeschlossen und wurden in römischen Quellen als Franken (franci) bezeichnet, als die Kühnen, Mutigen, Ungestümen."

Auszug aus dem Buch 'Kleine Geschichte Frankens'

Als Franken vom Atlantik bis zur Ostgrenze Österreichs reichte

Info und Bewertung

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Die "Kleine Geschichte Frankens" von Anna Schiener ist im Regensburger Pustet-Verlag erschienen, und das in der mittlerweile 6. Auflage. Das knapp 200 Seiten starke Buch gibt es für 14,95 Euro.

Sowas geht dem Franken natürlich runter wie Öl! Und die einzelnen Stämme werden von der Autorin auch genannt. Tja, seit dem 3. Jahrhundert ist viel Wasser den Main heruntergeflossen. Wir eilen jetzt mal durch die Geschichte: Im 6. Jahrhundert reichte Franken vom Atlantik bis zur Ostgrenze Österreichs, dazwischen lagen etliche Kriege gegen Alemannen, römische Herrscher und Thüringer. Durch Mainfranken, so schreibt Anna Schiener, zogen jedoch keinesfalls "Scharen von Kriegern und Siedlern in das zu 95 Prozent mit Urwald bedeckte Land, um die Bevölkerung zu vertreiben und das Gebiet in Besitz zu nehmen."

"Das nördliche Bayern wurde eher zu einer Pufferzone im äußersten Osten des Frankenreichs. (…) Die Franken selbst stellten ohne Zweifel die Oberschicht dar, die sich auf Gruppen aus anderen germanischen Stämmen stützte. Das Gebiet wurde zu einem Schmelztiegel unterschiedlicher ethnischer Gruppen."

Auszug aus dem Buch 'Kleine Geschichte Frankens'

Kriege, Leid und grausamste Verwüstungen

Was folgt, ist die planmäßige Besiedelung durch germanische Stämme und die Christianisierung Frankens. Dann, um das Jahr 910 reicht Franken vom Rhein bis zum Fichtelgebirge. Bedeutende Städte wie Würzburg, Eichstätt, Bamberg, Nürnberg und Schweinfurth tauchen auf – aber eben auch Kriege, Leid und grausamste Verwüstungen, alles für die Macht über Franken. Sex and Crime, wer mit wem und wer gegen wen: Jahrhundertelang zerren weltliche und geistliche Kräfte an Franken – und ich verliere den Überblick in diesem ewigen Hin und Her.

Wer baute als Erster in Deutschland Kartoffeln an? Die Oberfranken

Die potenziellen Leser, die ich befrage, wünschen sich von einem Buch über die Geschichte Frankens vor allem Geschichten, Menschliches, Ungehörtes – und das, so muss gesagt werden, bleibt die Autorin dem Leser zwar nicht völlig schuldig, es hätte jedoch gerne etwas mehr sein dürfen. Aber es gibt sie, die Anekdoten: In zumeist halbseitigen Infokästen stellt Anna Schiener uns Menschen aus Franken vor, wie etwa auf Seite 114.

"Fragt man, wer die Kartoffeln in Deutschland einführte und für ihre Verbreitung sorgte, erhält man in aller Regel die Antwort, es sei Friedrich der Große gewesen. Tatsächlich begann man gut 100 Jahre vor Friedrich dem Großen in Oberfranken mit dem feldmäßigen Anbau der für die Ernährung der am Hungertuch nagenden Bevölkerung so wichtigen Knolle. Wohl noch während des Dreißigjährigen Krieges, spätestens 1647/48, ging der Pilgramsreuther (heute Rehau, Lkr. Hof) Bauer Hans Rogler daran, Kartoffeln anzupflanzen, ein Bauer nach dem anderen folgte seinem Beispiel. Der Ruhm, als Erste in Deutschland systematisch Kartoffelanbau betrieben zu haben, gebührt nicht preußischen, sondern oberfränkischen Bauern! Dies würdigte die Stadt Rehau und setzte den Pilgramsreuther Kartoffelpionieren im Jahr 1990 ein Denkmal."

Auszug aus dem Buch 'Kleine Geschichte Frankens'

Als Franken bayrisch wurde

Viel Ruhm, aber eben auch Kränkungen durfte Franken in seiner Geschichte erfahren – wir blenden uns ein in das Jahr 1806, als Franken bayrisch wurde.

"In Franken empfand man die Gebiets- und Verwaltungsreform als einen brutalen und gewaltsamen Akt. Kein Wunder, dass trotz reibungslosen Herrschaftswechsels die Widerstände und antibayerischen Ressentiments kaum beseitigt werden konnten. In Würzburg und Bamberg herrschte eisige Ablehnung nach dem Übergang an Bayern. Dem größten Teil der fränkischen Bevölkerung fiel es schwer zu akzeptieren, dass das freie Frankenland nun einem fremden Fürsten unterworfen war, wie ein Berichterstatter festhielt."

Auszug aus dem Buch 'Kleine Geschichte Frankens'

Alles, was man wissen muss zur Geschichte Frankens, das lässt sich hier entdecken, im Hosentaschenformat. Auch legt die Autorin an verschiedenen Stellen ihren Finger in die alte Wunde der Fremdbestimmung. Daneben gibt es (unter anderem) einen Ausflug ins romantische Franken (Tieck und Wackenroder lassen grüßen), Pioniere der Industriegeschichte werden vorgestellt, Hexenverfolgung, Kunstraub und die Plünderung des "Schatzkästleins Franken" bleiben nicht unerwähnt, ebenso die Rolle Frankens als wirtschaftlicher Motor Bayerns und als Zentrum der nationalsozialistischen Bewegung. Hier wird nichts ausgelassen.

Keine intime Begegnung mit Franken, eher die klassischen Fakten

Fazit: Ich hätte mir mehr Geschichten gewünscht und dafür gerne auf die bisweilen kleinteilige Darstellung der Fehden und Vorherrschaften durch wahlweise Kaiser, Könige, Bistümer, Fürsten, Grafen usf. verzichtet. Die Autorin Anna Schiener bietet hier keine intime Begegnung mit Franken, sondern (ganz klassisch) die Fakten, detaillierte Einsichten, einen konzentrierten Überblick. Dieses Buch ist ein gutes Kompendium über die Geschichte Frankens, es wendet sich an Leser mit Vorwissen oder zumindest einem Faible für Geschichte. Positiv hervorzuheben ist das Ortsregister, da lässt sich prima nachzuschlagen, welche Rolle die eigene Ortschaft in der Geschichte Frankens spielte.


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