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Literatur und Revolution Jüdische Schriftsteller in München 1918/19

Eisner, Landauer, Toller, Mühsam. Vier Namen, vier Protagonisten der Revolution in Bayern. Alle vier gehörten zur schreibenden Zunft, stammten aus jüdischen Familien, waren Idealisten und Pazifisten. Keiner starb eines natürlichen Todes. Über den Tod hinaus wurden sie als "Novemberverbrecher" zu Hassfiguren der antisemitischen Propaganda. Vier Lebensgeschichten ... und die Geschichte der Revolution in Bayern.

Von: Thomas Grasberger

Stand: 03.11.2018 | Archiv

Kurt Eisner, Gustav Landauer, Ernst Toller und Erich Mühsam – vier Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch weisen sie einige Gemeinsamkeiten auf: Alle vier waren revolutionäre Dichter und Politiker. Schreiben, Leben und Kämpfen für eine bessere, gerechtere, friedlichere Welt – das ließ sich in ihren Augen nicht trennen. Zumal in einer Zeit, in der nichts mehr war wie einst, weil Krieg und Tod, Hunger und Seuchen die Mehrheit der Menschen mürbe gemacht hatten.

"Sie träumten von etwas unterschiedlichen Dingen, aber was sie doch verband in ihren Träumen war die Idee, einen demokratischen Staat zu schaffen. Einen Staat, der sich von diesem doch sehr autokratischen, wilhelminischen Kaiserreich unterschied und auch von der Wittelsbacher Monarchie, die durchaus nicht das war, was wir heute als eine moderne Demokratie bezeichnen."

(Michael Brenner, Historiker, LMU München)

München wurde zum Schauplatz für ein politisches Experiment

Novemberrevolution in München 1918

Ausgerechnet München sollte die Weltgeschichte jenen vier Nichtbayern als Schauplatz zuweisen für ein politisches Experiment, das ein halbes Jahr dauerte und dessen Ausgang durchaus offen war. Ein Experiment, bei dem die vier Dichter in unterschiedlichen Phasen ganz vorne mit dabei waren, um die Macht zu übernehmen. Oder wenigstens gelegentlich Teile davon, denn in jenen turbulenten Tagen war es nicht immer leicht zu sagen, wer das politische Zepter in der Hand hielt. Pläne und Ideen gab es jedenfalls reichlich: pazifistische, idealistische, kommunistische, anarchistische.

Für seine Kampfgefährten war Eisner ein Volksheld und Heiliger

Den Anfang hatte im November 1918 Kurt Eisner gemacht, als er die Revolution anführte und die Monarchie in Bayern beseitigte. Für seine Kampfgefährten war er ein Volksheld und Heiliger. Aber bald sollte sich zeigen, dass seine politischen Gegner nicht nur von rechts kamen.

"Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt. Hoch die Republik! Der Arbeiter- und Soldatenrat."

(Gez. Kurt Eisner)

Im neuen Volksstaat Bayern wurden nun an die 7.000 Soldaten-, Arbeiter- und Bauernräte gegründet. Sie waren die Triebfedern der Revolution. Und Eisner stand vorn dran. Aber er wollte keinen Putsch, sondern eine stabile Regierung, trug seinem Erzrivalen Erhard Auer das Innenministerium an. Eisner selbst wurde Ministerpräsident und Außenminister. Aber das zahlenmäßige Übergewicht in der Regierung hatten die Mehrheitssozialdemokraten.

Bald schon wurden die Revolutionsdichter als Volksverhetzer denunziert

Kurt Eisner mit seiner Gattin und dem bayerischen Minister Unterleitner (rechts) in München (Jan./Febr. 1919)

Der unabhängige Sozialdemokrat Eisner und der Anarchist Mühsam lieferten sich erbitterte Rededuelle. Für die Bürgerlichen war's eins. Sie sahen in den Revolutionsdichtern ohnehin nur Spinner, Träumer, Fantasten und weltfremde Kaffeehausliteraten. Und das waren noch die freundlicheren Bezeichnungen. Bald schon wurden jene Stimmen laut, die sie als Verräter, landfremde Elemente und jüdisch-bolschewistisch-anarchistische Volksverhetzer denunzierten. Was die Dichter nicht einzuschüchtern vermochte. Alle vier riskierten ihr Leben. Den offenen Aufrufen zu Mord und Totschlag sollten bald schon blutige Taten folgen.

Der Historiker Michael Brenner

"Gustav Landauer, Erich Mühsam, auch Ernst Toller, waren wahrscheinlich keine besonders begabten Politiker. Aber sie waren von dem Gedanken des Humanismus beseelt. Sie waren Idealisten. Sie wollten eine bessere Gesellschaft aufbauen. Und natürlich wurden sie dann vor allem von den Nationalsozialisten zu Verbrechern gestempelt, die Massaker verübt hätten. Keine dieser Personen war dafür verantwortlich! Aber diese Vorurteile sind bis heute vorhanden und zum großen Teil auch deswegen, weil hier die nationalsozialistische Propaganda langfristig erfolgreich war."

(Michael Brenner, Historiker, LMU München)

Hundert Jahre nach der Revolution scheint sich das langsam zu ändern. Zu bayerischen Integrationsfiguren werden die vier Schriftsteller so schnell wohl nicht werden, aber etwas mehr Gerechtigkeit könnte ihnen widerfahren. Denn Bayerns Weg in eine demokratischere Zeit ist untrennbar verbunden mit ihren vier Namen: Eisner, Landauer, Toller und Mühsam.

Ausstellung zum Thema in der Monacensia:

Dichtung ist Revolution
Kurt Eisner
Gustav Landauer
Erich Mühsam
Ernst Toller


9. November 2018 bis 30. Juni 2019

Monacensia im Hildebrandhaus
Maria-Theresia-Str. 23
81675 München

Telefon 089 4194 72-0
monacensia.info@muenchen.de

Buchtipp:

Dichtung ist Revolution: Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Ernst Toller
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  • Autorin: Laura Mokrohs
  • Taschenbuch: 128 Seiten
  • Verlag: Pustet, F; Auflage: 1 (5. November 2018)
  • ISBN-10: 3791729772
  • ISBN-13: 978-3791729770

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