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Tief in Bayern Kellergeschichten aus dem Freistaat

Sie sind unterirdisch und bergen meist überirdische Genüsse: die Keller. Wer mit uns hinuntersteigt in Bayerns dunkle Gemäuer, den erwarten sinnenfreudige, genussreiche, skurrile und manchmal auch gruselige Geschichten.

Von: Wolf Gaudlitz; Online-Fassung: Ulrike Ecker

Stand: 11.04.2018 | Archiv

So wie viele Menschen ein dunkles Geheimnis haben, so haben Häuser ihre Keller: verborgen, verschlossen, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, oft unheimlich. Dunkel ist es im Keller, manchmal feucht. Und doch ist das eine Schatzkammer, ein Lager für Vorräte, der sichere Hort für schlechte Zeiten. Man steigt aus dem Tageslicht hinunter in eine andere Welt.

Wenn Kellerkinder reif werden

Zoigl-Bier

Unter dem Anwesen von Reinhard Fütterer, dem Schafferhof in Neuhaus in der Oberpfalz, Heimat der berühmt-berüchtigten Altneihauser Feierwehrkapelln, verbirgt sich ein in Granit gehauener Felsenkeller, wo das Lebenselixier der Oberpfälzer gelagert wird: das Zoigl-Bier. Reinhard Fütterer braut die untergärige, nicht filtrierte, nicht pasteurisierte Spezialität in seiner Freizeit. "Mir ham koane Geista im Keller, mir ham nur an Zoigl herin", sagt er auf die Frage nach der im angeblichen im Geheimgang eingemauerten "Weißen Frau".

Bergkäse

Um ihrem Beruf nachzugehen, muss die Sennerin Gudrun Beck erst hinaufsteigen und dann wieder hinunter. Hinauf auf die Alpe Oberberg bei Gunzesried im Oberallgäu, die sie zusammen mit ihrem Sohn Matthias betreibt, und dann hinunter in den Keller. Denn nur dort, im Kühlschrank der Natur, reifen die Käselaibe, die bis zu 45 Kilo schwer sind. "Die Feuchtigkeit, die der Käse braucht, kommt vom offenen Boden", erklärt sie. "Da braucht es keine künslichen Eingriffe von außen".

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Genießen: Spuk & Speis

800 Jahre geht die Schlossgeschichte von Fürsteneck nördlich von Passau zurück. In der Mitte der Schlossanlage steht eine barocke Kirche; dem Gemäuer angegliedert ist ein Gasthof. Was man außen nicht sieht: den gewaltigen Eiskeller; der früher die Eisblöcke zur Kühlung des Bieres lieferte. Heute gibt es dort "Dinner mit Kerzenschein und Gruseleffekt". Und manche Gäste glauben sich von Geistern umgeben. Schlossherr Adrian Förster und seine Frau Brigitte haben für derlei Spukgeschichten nicht viel übrig. "Es spukt immer so weit, was jeder Mensch zulässt", sagt Wirtin Michaela Windorfer.

Wein, Essig, Likör

"Das Leben ist zu kurz, als dass man von schlechtem Wein kosten sollte", sagt Ernst Gebhardt, der Weine, Essig und Liköre feilbietet in Sommerhausen/Unterfranken. In seinen Gewölbekellern, die noch älter sind als die Gebäude, die sie tragen, reifen Geistiges und Geistliches: Weine, Gewürzliköre und Essigessenzen. Er betreibt die Kellerei bereits seit Generationen und schon vorher geisterte das "Blaue Männle" durch die Gemäuer.

Alp-Käse

In den 90er Jahren war Thomas Breckle vom Stiftskeller Kempten noch Ski-Langläufer der Deutschen Nationalmannschaft. Die Leidenschaft für den Käse kam erst später, mit einem anderen Sport, dem Mountain-Biken. Bei den Touren auf die Almen und Alpen entdeckte er seinen besonderen "Riecher", die Fähigkeit gute Käse-Qualität schon in der frühen Reifephase zu erkennen. Er sagt: "Wir leben von dem, was uns der Keller zur Verfügung stellt!"

In Neubauten dient der Keller meist profanen Zwecken, als Heizungs- oder auch als Partykeller, als Hobbyraum und als Lager für die Winterreifen und den Christbaumschmuck oder auch als Sauna ...

"Guat eing'schenkt!"

Rosemarie Gries, Klosterbräuwirtin Ebrach bei Bamberg

Die heutige Wirtin erinnert sich noch gut, wie sie als junges Mädchen mit einem Literkrug zum Bierholen geschickt wurde; wie sie auf dem Heimweg, wenn der Durst und die Versuchung zu groß wurden, verstohlen einen kräftigen Schluck nahm. Da musste schnell eine Lösung her: Brunnenwasser - und schon war wieder "Guat eing'schenkt!" und der Großvater zufrieden. Der ließ sie dann zur Belohnung einen Schluck vom Bier nehmen.

Wie zum Beispiel bei Familie Meissner im schwäbischen Senden. Als sie sich 1982 ihr Haus kaufte, bekam sie überraschenderweise einen ganz besonderen Keller dazu, einen Luftschutzbunker, Baujahr 1961.

Vom Schutz- zum Saunakeller
In den 60er und 70er Jahren wurden aus Angst vor dem Atomkrieg öffentlich und privat solche Schutzräume gebaut.
Doch schon lange hat der Bunker eine neue Funktion: "Ja, der Lieblingskeller ist schon die Sauna, weil ich da in Ruhe liegen und lesen kann, das ist mein Lieblingskeller, dieser Bunker da", sagt der Hausherr.

Der Autor - Kurzporträt

Wolf Gaudlitz hat sich "Tief in Bayern" in die Unterwelt begeben, in Jahrhunderte alte Keller, wo das Bier lagert und Wein und Käse reifen, wo sich nicht nur Lebensmittel ganz ohne elektrische Kühlung halten, sondern auch Geschichte und Geschichten - von der eingemauerten "Weißen Frau", dem "Blauen Männle" oder von damals, als man im Bunker Schutz vor den Bombenagriffen suchte.

Wenn Wolf Gaudlitz nicht gerade die Katakomben der bayerischen Genüsse erforscht, zieht es ihn zu den "Catacombe dei Cappuccini" in seiner Wahlheimat Palermo, wo der Autor, Filmemacher, Fotograf, Schauspieler und Pantomime seit 35 Jahren auch lebt. Und dazwischen? Dazwischen unternimmt er immer wieder ausgedehnte Reisen in entlegene Regionen: zu den Inuit Grönlands, den Tuareg der Sahara oder den Indianern Lapplands und Amerikas.

Wolf Gaudlitz hat zahlreiche Radio-Features, Kurzfilme, Dokumentar- und Spielfilme produziert - darunter "Palermo flüstert" oder "Sahara Salaam". Zu den bekanntesten gehört der international erfolgreiche Film "Taxi Lisboa".

Die Musik zur Sendung

Aus dem "tiefen Bayern" stammen die Kellergeschichten, untermalt werden sie jedoch mit Klängen aus dem tiefen Süden: mit den Kompositionen des Giacomo Cuticchio Ensembles, das in Sizilien zu Hause ist.

Mehr zu Komponist und Interpreten finden Sie hier als Download.


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