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100 Jahre Freistaat Bayern - wer hat's erfunden?

Wir feiern Bayern - unter diesem Motto will die Staatsregierung das ganze Jahr über zwei bedeutende Jubiläen feiern: Zum einen 200 Jahre Bayerische Verfassung von 1818 - sie hat den Bayern unter anderem Grundrechte und ein Parlament gebracht. Zum anderen 100 Jahre Freistaat Bayern. Da ist das Gedenken allerdings nicht ganz einfach.

Von: Michael Zametzer

Stand: 20.03.2018

Karikatur von Kurt Eisner, der triumphal den bayerischen Löwen reitet | Bild: picture-alliance/dpa/Mary Evans Picture Library

100 Jahre Freistaat Bayern - ja, bei diesem Titel kommt einiges an Bildern hoch: Bayernkitsch Berge, Seen, der Himmel weiß-blau, zwei Trachtenkinder sitzen im saftig-grünen Gras mit Laptops auf dem Schoß, im Hintergrund die Silouette einer international erfolgreichen Auto-Schmiede. Freistaat Bayern, das ist ein Label, eine Marke.

Dabei bedeutet Freistaat zunächst lediglich: Republik. In den 1960er Jahren aber lädt sich dieser Begriff positiv auf, sagt Ferdinand Kramer, Historiker an der Ludwig-Maximilians-Universität München:

"Es war dieser widerspenstige Freistaat in der Bonner Republik, es war die Föderalismus-Politik Bayerns, die sich mit diesem Begriff geschmückt hat, und dann ist auch die Suche nach den Ursprüngen des Begriffes losgegangen und hat dann eben immer wieder auch zu Eisner geführt."

Ferdinand Kramer, Historiker

Kurt Eisner ruft Freistaat aus

Und dieser Sozialdemokrat Kurt Eisner hat am 8. November 1918 den Freistaat Bayern ausgerufen - und er war der erste Ministerpräsident. Ein Berliner Jude, Journalist und Mitglied der unabhängigen USPD. Die hatte sich während des Ersten Weltkriegs von der mehrheitlichen MSPD abgespalten, als es zum Streit über die Bewilligung von Kriegskrediten gekommen war.

Eisner war Pazifist - seine kriegskritischen Schriften und Reden hatten ihn 1918 ins Gefängnis gebracht. Das bedeutet: Die CSU muss 2018 eine sozialistische Revolution feiern.

"Vielleicht ist es für eine bürgerliche Regierung und Partei schwierig, Revolutionen zu feiern, das spielt sicher eine Rolle und dann ist sicherlich auch die sozialistische Provenienz der Revolution ein Grund zur Abgrenzung gewesen."

Ferdinand Kramer, Historiker

Gedenken am Ort der Ermordung

Tatsächlich gibt es einige Orte in München, die an Eisner erinnern: Allen voran der Ort seines Todes - nahe dem früheren Sitz des Landtags in der Münchner Innenstadt. Er fällt am 21. Februar 1919 dem Attentat eines Nationalisten zum Opfer. Seit 1989 erinnert ein bronzenes Bodendenkmal daran. 2011 kam eine Glaskonstruktion unweit des Marienplatzes hinzu. Ein offizieller Gedenkort von Seiten der Staatsregierung fehlt aber bis heute.

"Das liegt sicherlich daran, dass der Freistaat Bayern 28 Jahre vor der CSU gegründet wurde, die heute staatstragende Partei hat mit der Ausrufung des Freistaats überhaupt nichts zu tun, dementsprechend möchte man natürlich auch Geschichtspolitik dahingehend betreibend, dass diejenigen, die für die Demokratie gekämpft haben, ja gar keine Christsozialen waren, in Bayern."

Markus Rinderspacher,SPD

Spaenle: "Sehr deplatziert"

Markus Rinderspacher, der Chef der SPD-Fraktion im Landtag, hat deshalb gefordert, den 8. November 2018 zum einmaligen Demokratie-Feiertag zu erklären. CSU-Mehrheit und Staatsregierung lehnen das aber bislang ab.

"Ich halte von einem eigenen Feiertag in Bayern aus Anlass des 8. November inhaltlich gar nichts. Wir müssen sehen, dass der 8. auf 9. November historisch sehr aufgeladen ist, wir haben den Hitlerputsch, an den zu erinnern ist, wir haben die Reichspogromnacht, an die zu erinnern ist und erinnert wird, und wir haben den Fall der Mauer. Das ist eine historische Umgebung, die ich für sehr deplatziert halte."

Ludwig Spaenle

Historiker sieht Handlungsbedarf

Stattdessen plant die Staatsregierung einen Staatsakt mit geladenen Gästen. Ob Feiertag oder öffentliches Gedenken - der Historiker Ferdinand Kramer sieht im Umgang der bayerischen Politik mit dem Demokratischen Andenken Handlungsbedarf.

"Dieses Land lebt in einer jetzt über 70 Jahre doch jetzt sehr erfolgreichen, insgesamt sehr erfolgreichen demokratischen Tradition, und wenn man eben eine Erinnerungspolitik der Demokratie in den Blick nimmt, dann scheint mir da momentan eines der größeren Defizite in unserer Geschichts- und Erinnerungspolitik zu liegen."

Ferdinand Kramer, Historiker

An die Väter und Mütter der gültigen Bayerischen Verfassung von 1946 gibt es heute auch kaum Erinnerung, sagt Kramer. Ministerpräsident war damals übrigens Wilhelm Hoegner - ein Sozialdemokrat.


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B. Mazzetti, Dienstag, 20.März, 10:11 Uhr

10. Sozialdemokratische Schönfärberei

Sowohl für Eisner 1918 als auch für Hoegner 1946 gilt: Beide kamen nicht durch Wahlen ins Amt. Der eine per Gewalt durch Revolution, der andere per Ernennung durch den amerikanischen Hochkommissar.

Zum Begriff Freistaat:
Aus der Rücktrittserklärung von König Ludwig I. 1848: "... Treu der Verfassung regierte Ich. Dem Wohl des Volkes war mein Leben geweyhet, als wenn ich eines Freystaats Beamter gewesen, so gewissenhaft ging ich mit dem Staatsgute, mit den Staatsgeldern um...."

  • Antwort von Obermüller, Dienstag, 20.März, 12:48 Uhr

    Wilhelm Hoegner war von 1945 bis 1946 und 1954 bis 1957 Bayerischer Ministerpräsident. Seine zweite Amtzeit war sehr wohl das Ergebnis von freien Wahlen, zur ersten Amtszeit wurde er in der Tat von der amerikanischen Besatzungbehörde ernannt. Nur der Vollständigkeit halber das gehört nun mal auch zur gesamten Wahrheit.

Libera res publica, Dienstag, 20.März, 09:19 Uhr

9.

Wie wäre es statt eines "Feiertags" einen einmaligen "Gedenk- u. Mahntag 8./9. November als Ambivalenz zwischen Glück und Abgrund" auszurichten.
Im Gedenken bzw. zur Mahnung an:
- Ausrufung des Freistaats Bayern (8.11.1918)
- Ausrufung der deutschen Republik (9.11.1918)
- Niederschlagung des Hitler-Ludendorff-Putschs (9.11.1923)
- Reichsprogromnacht (9.11.1938)
- Georg Elsers Attentat auf Adolf Hitler (8.11.1939)
- Fall der Berliner Mauer bzw. der innerdeutschen Grenze (9.11.1989)
Übrigens: Am 8. November 1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen in Würzburg eine neuartige Strahlung und beschrieb diese wissenschaftlich.

  • Antwort von Da Hias, Dienstag, 20.März, 10:37 Uhr

    Genau meine Rede, schon seit der Debatte um Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober statt 17. Juni. Feiern und Gedenken und Nach-Denken über die Geschichte und was wir daraus lernen können (sollten, müßten..) würde sicher nicht schaden.

  • Antwort von Da Hias, Dienstag, 20.März, 10:55 Uhr

    ... noch Ergänzung: Ich meine das nicht als einmaligen Gedenk-/Mahntag, sondern durchaus ganz klar als alljährlichen gesetzlichen Feiertag am 9. November. anstatt 17. Juni, 3. Oktober etc.......

  • Antwort von Truderinger, Dienstag, 20.März, 11:24 Uhr

    Äußerst interessanter Ansatz!

Obermüller, Dienstag, 20.März, 09:03 Uhr

8. Historische Umgebung

Minister Spänle hat, was die "problematische historische Umgebung" des 8. / 9. November angeht, sicher nicht Unrecht, jedoch fäist wohl unbestritten der Tag der Proklamation des Freistaats Bayern durch einen Sozialdemokraten im Jahr 1918 mit einigen Jahren Abstand das zurückliegenste Ereignis um diesen Zeitraum.
Abwarten bis Bayern wieder mal von einem Sozialdemokraten regiert wird übersteigt wohl momentan das Vorstellungsvermögen nur einer Generation. Leider.

Mani, Dienstag, 20.März, 08:54 Uhr

7.

FREI sind wir unter der Fuchtel von Merkel schon lange nicht mehr!

  • Antwort von Truderinger, Dienstag, 20.März, 09:01 Uhr

    Och Gottchen, wer sperrt Sie denn ein? Die Grenzen sind offen und zwar in beide Richtungen! Darüber würde ich mal nachdenken!

  • Antwort von Mani, Dienstag, 20.März, 12:06 Uhr

    Genau das ist das Problem, hoffentlich "leiden" Sie nicht irgendwann mal darunter!

Truderinger, Dienstag, 20.März, 08:49 Uhr

6.

Für mich markiert der 8.11.1918 den Beginn einer Übergangsphase, an deren Ende die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte stand. Das soll die Lebensleistung und die hehren Absichten Kurt Eisners keineswegs schmälern. Wenn man bedenkt, auf welch widerwärtige Weise auch heute wieder völkisch-nationale Kräfte offen demokratischen Politikern drohen, sollte man vielleicht eher darüber nachdenken, seines Todestages zu gedenken.