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Faustisches Bayern Eine mephistophelische Erkundung

Wer schon immer wissen wollte, was Goethe, Faust und Mephisto mit Bayern zu tun hatten und haben - oder zumindest haben könnten -, der sollte diese Sendung hören … und sich dabei ins Fäustchen lachen.

Von: Thomas Kernert

Stand: 10.03.2018 | Archiv

Faust, "der Mensch", ist ungeduldig, unbescheiden und "unbehaust". Ähnlich der Bayer: Auch ihn bedrängen immer wieder Schübe starker Orientierungslosigkeit, die ihn entweder lähmen oder aber in einen hyperaktiven Hansdampf verwandeln. Den ewigen Fragen menschlicher Existenz ist er ähnlich intensiv ausgeliefert wie der Held des Goethe-Dramas. Weshalb er, der Bayer, denn auch ähnlich skrupellos auf teuflische Unterstützung zurückgreift wie einstens Faust.

Der Bayer und sein Teufel sind Dialektiker erster Güte!

Des Bayern alchemistisch-moralische Grundannahme: Was krumm ist, kann durch krumme Methoden prinzipiell nicht krummer werden, sondern, wer weiß, vielleicht sogar gerade!! Der Bayer und sein Teufel sind Dialektiker erster Güte! Mit dieser Methode stürzen sie sich ins Leben und ins Laster, gieren nach Anerkennung, Erfolg und ewiger Weisheit und lassen kein Gretchen am Wegesrand verblühen.

"Es ist so schwer, den falschen Weg zu meiden …"

Klaus Maria Brandauer als Mephisto im gleichnamigen Film von István Szabó aus dem Jahr 1981

... bekennt Mephisto an irgendeiner Stelle. Mit der Rundumbetreuung seines Geschäftsfreundes Faust kennt er sich aus. Stets ist er verfügbar, stets erfüllt er alle Wünsche, löst alle Probleme und - ist diskret. Was immer Faust mit seiner "cupiditas", seiner Lust, seiner "concupiscentia", seiner Wissbegierde und seiner "superbia", seinem Hochmut verbockt, setzt Mephisto wieder auf gerade Gleise. Faust strebt unermüdlich-dilettantisch vorwärts und Mephisto räumt unermüdlich-professionell hinter ihm auf ...

"Wie hättst du, armer Erdensohn,
Dein Leben ohne mich geführt?
Vom Kribskrabs der Imagination
Hab' ich dich doch auf Zeiten lang kuriert;
Und wär' ich nicht, so wärst du schon
Von diesem Erdball abspaziert."


Natürlich ist Mephisto Anstifter, er ist aber auch Fluchthelfer und Tatortreiniger. In allen drei Funktionen desinfiziert er Faust und macht ihn so für den Faust-Zuschauer erträglich und für den Faust-Interpreten, nach einigen mehr oder minder komplexen Schönheitsoperationen, zu …

einem "sich als Geist wissenden Geist" …
"einer willensstarken, in alle Fernen schweifenden Seele" …
"einem leidenschaftlichen Forscher in einsamen Nächten" …
 "einem reinen Humanisten" …
"einem reinen Germanen" …
"einem Grenzüberschreiter" …
"einem Prototyp des modernen Menschen“…

Willi Jaspers, Kulturwissenschaftler und ehemaliger Professor für deutsch-jüdische Literaturgeschichte benennt die Achillesferse, wenn er schreibt:

"Weil Goethe den Teufel vermenschlicht und zum Kumpanen erklärt, wird Faust von der Schuld für Verbrechen und sexuelle Verfehlungen entlastet. Diese Entlastung erleichterte den Deutschen die Identifikation mit Goethe und seinem Helden … Die Frage nach Schuld und Sühne stellt sich nicht."

(Willi Jaspers, Kulturwissenschaftler)

Und weil’s so schön ist, kommt der ewig Strebende am Ende seiner suboptimalen "Bemühungen" völlig ungeschoren, völlig straffrei, dafür aber mit Pauken und Trompeten in den Himmel.

Irgendetwas fehlt immer!

Ein Mann genießt seine Maß Bier in einem Biergarten unter blühenden Kastanien

Und dennoch: Die Augenblicke wirklicher Erfüllung sind auch in Bayern nicht ganz so  zahlreich wie die Zwiebeltürme. Und selbst die 50. Meisterschaft des großen FCB würde, so steht zu befürchten, den Bayern nicht mit dem Bayern versöhnen. Irgendetwas fehlt immer! – Zum Glück gibt es da zumindest "Faust Bayrisch Hell", ein Bier aus Unterfranken. Bei einer gepflegten Maß unterm Kastanienbaum, wenn das schräg einfallende Licht der Abendsonne das Hopfenkaltgetränk in Gold verwandelt, könnte das große alchemistische Lebensexperiment gelingen … Dann könnte er plötzlich da sein, der Augenblick, zu dem man sagen möchte: "Verweile doch!"

Thomas Kernert hat strebend sich bemüht, dem Faustischen in Bayern auf die Schliche zu kommen …

Literaturhinweise:

Der bayerische Faust. Als Tragikomödie Goethe volkstümlich nachgeschrieben

  • Autor: Michl Ehbauer
  • Illustrator: Hans Jörg Schuster
  • Gebundene Ausgabe: 211 Seiten
  • Verlag: Ludwig Verlag (Juni 1998)
  • ISBN-10: 3778734741
  • ISBN-13: 978-3778734742


Der Faust in der Krachledern

  • Autor: Michl Ehbauer
  • Gebundene Ausgabe: 235 Seiten
  • Verlag: Süddt. Verl. (1960)
  • ASIN: B0000BHNB2

"Der Faust" in Kötzting

Nach Johann Wolfgang von Goethe
Bairisch von Johannes Reitmeier und Thomas Stammberger

Nach dem Jedermann wagte sich die Festspielgemeinschaft Kötzting e.V. 1991-1993 an Goethes Faust im bäuerlichen Gewand. Die Terassenarchitektur des offenen Geländes wurde mittels weißer Ebenen ergänzt und die Spielbereiche dadurch erweitert.
1993 verfilmte der Bayerische Rundfunk den Kötztinger Faust.
2007/08 wurde die Inszenierung nochmal auf dem Ludwigsberg gezeigt.

Veranstalter: Festspielgemeinschaft Kötzting E.V.


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