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Elfie Pertramer Eine bayerische Ausnahmekünstlerin

Elfie Pertramer war eine Ausnahmekünstlerin und Erfinderin vieler Fernsehformate. Bereits Anfang der 50er Jahre machte sie sich über das Genre Heimatfilm lustig, das sie kabarettistisch zerlegte. Eva Demmelhuber führte Gespräche mit Wegbegleitern und sichtete als erste den Pertramer-Nachlass im Münchner Literaturarchiv Monacensia.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 08.12.2018 | Archiv

Als Kind fühlte sie sich ungeliebt und unverstanden, war jedoch ein Ausbund an Ideen und Streichen und lernte früh, ein Lachen einzufangen, das ihr galt, oder die unglückliche Ehe der Eltern zu befrieden. Sie etablierte die persönlich gefärbte Reportage, schaute nicht auf die Glitzerwelt, sondern filmte in Hinterhöfen. Ihre Serie "S' Fensterl zum Hof" war ein Straßenfeger. "Arbermandl" wird seit 30 Jahren im Bayerischen Fernsehen zu Weihnachten wiederholt.

Elfie Pertramers Sohn Wolfi Fischer

"Sie war halt eine umwerfende Persönlichkeit. Der sind die Männer nachglaufn, mit der wenn ich aufs Oktoberfest ganga bin, des war der reine Albtraum. Elfie! Elfie! Des ganze Zelt! Und wenn i mit ihr die Maximiliansstraß nunter gangen bin, i hab immer 20 Meter hinterher gehen miassn, weil ich war ja a Hippie, und dann hats gsagt: 'Du, dass des die Leeit net sehn, dass Du zu mir ghörst.' Dann hab ich halt aus 20 Meter Entfernung, wenn jemand gsagt hat: 'Grüß Gott Frau Pertramer', dann hab i gsagt: 'Mama, wer warn des?'"

(Wolfi Fischer, Sohn)

Auf der Suche nach der Zauberformel, die die Welt zusammenhält

Elfie Pertramer als Kellnerin auf der Wiesn 1960

Sie drehte mit Heinz Rühmann, Willy Fritsch, Grete Weiser, Heinz Erhardt, Hans Clarin, Hans Moser oder Georg Thomalla. In den 50er und 60er Jahren war sie ein Superstar, die bayerische Antwort auf Sophia Loren und Marylin Monroe, die sie hinreißend parodierte. Einem Veitstanz gleich fegte sie von Auftritt zu Auftritt, die Münchner Prominenz aus Politik und Showbiz warb um ihre Gunst. Elfie Pertramer war ganz oben. Und dann bekam sie "den Nonsens-Kater", wie sie in ihren Tagebüchern schreibt.

1971 wirft sie alles hin, fährt nach Sardinien. Auch dort findet sie nicht die Zauberformel, die die Welt zusammenhält. Sie bereist Indien und Tibet, beschäftigt sich mit der Mystik, dem Buddhismus, lebt mehrere Jahre bei bayerischen Kapuzinerinnen in Assisi, kehrt zurück und dreht wieder Dokumentationen. Sie wird krank, kann sich nicht mehr bewegen, viele Schicksalsschläge ereilen sie. Sie bleibt eine Suchende: nach Wahrheit, nach dem Sinn des Lebens.

Pertramer-Nachlass in der Monacensia

Die Autorin Eva Demmelhuber

Eva Demmelhuber führte Gespräche mit Wegbegleitern und sichtete als erste den Pertramer-Nachlass im Münchner Literaturarchiv Monacensia, Tagebuchaufzeichnungen, unveröffentlichte Schriftstücke, Selbstzeugnisse. Ihre Sendung ist der Versuch einer Annäherung an eine große Künstlerin, die mit ihrem Schaffen Radio-, Fernseh- und Kabarettgeschichte schrieb.

Elfie Pertramer starb am 16. November 2011, ist aber allen, die sie je erlebt haben, unvergessen geblieben.

Elfie Pertramers facettenreicher Nachlass

Elfie Pertramer im Film "Wo die alten Wälder rauschen" (1956)

Mehrere Pappschachteln, ein Umzugskarton, eine vernagelte Holzkiste. Und eine 16  mm Filmrolle. Audiokassetten: Gedichte, mehrstündige Lesung der "Passion Christi" aus den Aufzeichnungen der Heiligen Katharina von Emmerich, Hunderte von blauen Programmheften "S’Fensterl zum Hof-Theater" in der Herzogstraße 82, die Fernsehserie hatte Elfie Pertramer in den 50er Jahren berühmt gemacht, Stapel von Manuskripten: Gedichte, Erzählungen, Lieder, alles handschriftlich, sogar die Drehbuchentwürfe und Drehbücher, große, kräftige Schrift, schwungvoll, selten Korrekturen.

Rollenfotos mit und ohne Gretlfrisur in Tracht mit Volksschauspielern wie Beppo Brem, Michl Lang oder Ludwig Schmid-Wildy; zwischen dem Durcheinander der Duft von Räucherstäbchen, der das kreative Chaos in den Zauber dieser so vielschichtigen, charmanten Künstlerin taucht mit dem unverwechselbaren Schmelz in der Stimme.

Elfie Pertramer als verführerische Femme fatale mit Zylinder und Zigarettenspitze schmachtend an einem Laternenpfahl, als Marylin Monroe im Glitzerlicht, als fürsorgende Ehefrau mit Heinz Rühmann, als Lumpensammlerin, als böhmischer Hundefänger, als Rockerbraut, Bürstlverkäuferin, als Teppichhändler, Stripteasetänzerin, als chice und mondäne Traumfrau der 60er in einem roten Cabrio Alfa Romeo, Elfie unter Palmen auf der Promenade de la Croisette, dem berühmten Boulevard in Cannes.

Fotos von Heiligen, italienischen Klöstern, von Assisi, Arezzo, von Sardinien, von indischen Tempeln und buddhistischen Klöstern. Und daneben das Kostüm ihrer Traumrolle, der "roten Mariann aus Tirol": Lederwams, Leinenrock und rote Zopfperücke.


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