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Dicke Mauern bohren Aus dem Nürnberger Bleiweiß-Bunker wird ein Kinderhort

Während des Zweiten Weltkrieges schützt der Bleiweiß-Bunker in Nürnberg bis zu 1.100 Menschen vor den Bomben. Ab 2019 wird er nun ganz anders genutzt: ein Kinderhort soll einziehen. Doch bis dahin muss massiv gebaut werden.

Von: Christian Schiele

Stand: 08.03.2018

Noch bis vor kurzem wirkte der Nürnberger Bleiweiß-Bunker in der Nürnberger Südstadt, wo während des Zweiten Weltkrieges unter anderen MAN und Siemens ihren Sitz hatten, wie aus der Zeit gefallen. Ab dem kommenden Jahr wird er nun aber ganz anders genutzt. Aus dem ehemaligen Bunker soll ein Kinderhort werden. Doch bis es so weit ist, muss erst einmal gebaut werden – und zwar massiv.

Die Mauern sind zwei Meter dick

Zwei Meter dicke Mauern hat der Bleiweiß-Bunker in Nürnberg – und keine Öffnung, keine Fenster, nichts. Doch das ändert sich nun: Tagelang haben Bauarbeiter erst einmal durch die Betonmauern gebohrt. In die Bohrlöcher fädelten sie ein Spezialseil ein, das mit Diamanten besetzt ist. Und damit sägten sie die Betonmauern und schnitten Quader aus. Drei Tage brauchten sie für eine Fensteröffnung. Zunächst steckten die Quader noch in der Wand. Doch nun sollen sie raus aus der Mauer. Kein leichtes Unterfangen, sagt der Bauherr Peter Schüttler, denn jeder der Quader wiegt elf Tonnen.

"Da haben wir ein Kissen erstellt aus Sand und Autoreifen. Dafür haben wir 60 Reifen organisiert – 40 Lkw-Reifen und 20 normale, und haben dann eineinhalb Meter Sand in der Höhe aufgeschüttet und diese Reifen mit eingebaut. Das ist nun wie ein Kissen und da fallen die Quader wunderbar runter und es passiert nichts."

Peter Schüttler, Eigentümer des Bleiweiß-Bunkers und Bauunternehmer

Erstmals fällt Licht ins Bunkerinnere

Ein einfaches Konzept, das aber die umliegenden Gebäude vor der Wucht des Aufpralls schützt. Und dann ist es so weit: Der erste Betonblock fällt – und es ist kaum zu hören, wie der tonnenschwere Brocken auf das Bett aus Sand und Reifen prallt. Und doch ist es ein erhellender Moment: Zum ersten Mal überhaupt fällt Licht ins Innere des Bunkers. Bei dem ganzen Aufwand – wäre es da nicht einfacher gewesen, den Bunker abzureißen? Nein, sagt der Architekt Patrick Schreiner.

"Alleine dieses Betonschneiden, das wir hier gerade betreiben, kostet 700.000 Euro. Den Bunker abzureißen würde etwa das Fünffache kosten und damit ist die Diskussion am Ende. Also einen Bunker kriegt man nicht wieder weg."

Patrick Schreiner, Architekt und geschäftsführender Gesellschafter der querwärts Architekten

Schutz vor den Bomben der Alliierten

Gebaut wurde der Bleiweiß-Bunker anno 1942 – um die Nürnberger im Zweiten Weltkrieg vor den Bomben zu schützen. Besonders hart war der Fliegerangriff am 2. Januar 1945. Britische Flieger bombten weite Teile der Stadt in Schutt und Asche. Friederike Oberster war damals acht Jahre alt – und flüchtete vor dem Angriff mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in den Bleiweiß-Bunker.

"Da waren ganz viele Menschen und wir haben uns eine Ecke gesucht, wo man sich aufhalten konnte. Aber das war sehr spartanisch. Und man hat ja nur das Nötigste bei sich gehabt. Ich habe meine Puppe mitgenommen, das war für mich wichtig. Meine Schwester hat nichts dabei gehabt – und das war dann fort."

Friederike Oberster, Zeitzeugin

Wo Kinder früher Angst hatten, werden sie künftig lachen und spielen

Denn nach dem Angriff stand von dem Haus, in dem sie vorher wohnte, nur noch die Hülle. Doch dank des Bleiweiß-Bunkers hat Friederike Oberster überlebt. Dort, wo die Kinder früher Angst hatten, sollen sie künftig lachen und spielen. Denn aus dem Bleiweiß-Bunker macht der Bauherr Peter Schüttler nun einen Kinderhort – und investiert dafür knapp vier Millionen Euro. Eine sinnvolle Anlage, findet der Architekt Patrick Schreiner.

"Ich bin aus einer Generation, die mit dem Krieg nichts zu tun hatte, ich hab ihn nicht verantwortet. Was bringt es, diese Gebäude jetzt stehenzulassen? Wir haben hier gerade in der Südstadt in Nürnberg einen ganz großen Druck nach Plätzen, nach Orten, wo Kinder verweilen können, wo Kinder bleiben können, sei es in Kindergärten oder Kinderhorten."

Patrick Schreiner, Architekt und geschäftsführender Gesellschafter der querwärts Architekten

Hortplätze sind noch Mangelware

Hortplätze sind in der Nürnberger Südstadt bislang Mangelware. Doch das ändert sich nun – dank des Bleiweiß-Bunkers. Dort können ab 2019 insgesamt 87 Kinder betreut werden. Sehr zur Freude des Jugendamtes, sagt dessen stellvertretender Leiter Georg Reif.

"Das ist ein sehr ambitioniertes Projekt, aber wir denken, das wird schön und es ist in fußläufiger Nähe zur Holzgartenschule, das heißt, das hilft uns sehr, den Bedarf in diesem Quartier, in diesem Stadtteil künftig abdecken zu können."

Georg Reif, stellvertretender Leiter des Nürnberger Jugendamtes

Aktuell hat das Jugendamt in dem Stadtteil nur 174 Hortplätze – und kann damit gerade einmal 30 Prozent des Betreuungsbedarfs decken. Ab kommendem Jahr sind es dann schon 60 Prozent – auch dank des Bleiweiß-Bunkers.


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