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Gekonnte Entschleunigung oder aller Laster Anfang? Der Müßiggang

Dass der Müßiggang in Bayern eine Tugend ist, kann man nicht behaupten. Müßiggang ist aller Laster Anfang heißt es. Dabei ist stetige Anfang nichts anderes als ein unmenschlicher Tanz ums Goldene Kalb.

Von: Tanja Gronde

Stand: 06.10.2021 | Archiv

Dass der Müßiggang in Bayern eine Tugend ist, kann man nicht behaupten. Unlängst stritt der Stadtrat von Ebersberg darüber, ob es einen Müßiggang geben soll. "Müßiggang" hätte eine namenlose Allee am Stadtrand heißen sollen. Manche lobten die Idee, öffentlich einen Entschleunigungsstreifen für bewusste Auszeiten zu installieren. Doch die Gegner siegten. Man müsse sich schämen, eine Straße zu haben, die Müßiggang heißt, meinten sie.

"Das wäre schon schön gewesen, wenn in einer Kreisstadt auch ein Müßiggang da gewesen wäre. Aber mei. Es san noch nicht alle soweit. Wenn man die ersten zwei Zeilen bei Wikipedia liest, ist das halt so: Da ist der Müßiggänger ist der Sandler der Gratler; aber wenn man weiterliest ist der Müßiggänger auch was anderes."

Uli Proske, Bürgermeister Ebersberg

Dem Müßiggang haftet also auch im 21. Jahrhundert noch der üble Nachgeschmack der Faulheit an, der Unproduktivität. "Müßiggang" liegt nah am Begriff der Faulheit. Der Begriff ist eine Erfindung der Arbeitsgesellschaft. Auch Luther hat den Müßiggang verurteilt. Immerhin aber hat er die gute Muße, die Raum gibt nachzudenken, bei sich selbst zu sein, unterschieden vom Müßiggang, der aller Laster Anfang ist. Den hat er verurteilt, weil schon der Apostel Paulus sagt: "Wer nicht arbeitet, soll auch nichts essen". Beten und arbeiten ist seit der Mönchsregel des Hl. Benedikt von Nursia fest in der abendländischen Kultur verankert. Was arbeiten bedeutet, weiß man - was beten heißt, ist heute dagegen weitgehend unbekannt: Einhalten, Innehalten, Auszeiten genießen - sowas gibts nur mehr in netzfreien Zonen. Hotels werben mit Zimmern ohne WLAN, Ruhezellen für Gestresste. Oder eben Meditation im Kloster, im Zen-Zentrum: Stille und Kontemplation dort finden, wo sie einst selbstverständlich war. Wo man neben der Arbeit halt auch noch zum müßigen Beten gekommen ist.

Langeweile dagegen ist kein Müßiggang. Dabei waren beide früher näher beisammen, denn grundsätzlich ist es eine "Lange Weile". Eben eine Zeitspanne. Auch das Warten war früher noch vor der Industrialisierung keine tote oder gestohlene Zeit. Vielmehr war es doch so: Wenn man auf einander wartete, dann war man sich wichtig und wert. Im Wort Warten liegen auch Sehnsucht und Liebe, nicht nur Warten auf unpünktliche Züge, Zahnfüllungen oder Zeit totschlagen auf dem Einwohnermeldeamt, sondern auch jemandem "Aufwarten", der "Wärter" von jemandem sein. Der Müßiggänger war ein Genießer.

"Muße ist letztlich Zeitvergessenheit. Arbeit ist Zeit-Versessenheit, das ist was ganz anderes. Und die Zeitvergessenheit ist das, was wir eigentlich suchen. Wenn wir über Zeit reden, haben wir ein Problem mit der Zeit. Und die Problemlosigkeit mit der Zeit ist eigentlich die Muse. Und das anzustreben ist es eigentlich und nicht, die Probleme zu lösen mit der Zeit, sondern die Probleme gar nicht erleben zu müssen oder auch organisieren zu müssen. Das ist sozusagen eher Muße."

Karlheinz Geißler, Wirtschaftspädagoge und Zeitentschleuniger

Der Mensch hat sich mit der Erfindung der Uhr seiner Zeit entfremdet, und wurde sozusagen uhrzeitgläubig. Die Taktung des Seins im Sekundenrhythmus, nicht in der des Herzschlags. Arbeit wird nach Arbeitszeit bezahlt. Wer rastet, der rostet. Damit ist der Stundenlohn der Erzfeind der Muße. Der Müßiggang dagegen ist ein Sinnspender.

Martin Liebmann - Verein zur Verzögerung der Zeit und Peter Kees - Kurator Arkadien Festival Ebersberg.

Ebersberg im Frühsommer 2021. An zahlreichen Orten in der Stadt passieren Performances oder Installationen - im Rahmen des Festivals ARKADIEN. Dahinter steckt der Verein zur Verzögerung der Zeit. Der Verein wurde vor über 30 Jahren gegründet, weil eine Gruppe von Philosophinnen und Philosophen sich der Beschleunigung der Arbeitswelt entgegenstellen wollte und auch erforschen wollte, wie sich Selbstoptimierung und auch Effizienz auf Gesellschaft und Kultur auswirken.

"Wenn wir doch immer mehr technische Errungenschaften haben, die uns alles bequem machen und Zeit sparen sollen. Wieso haben die Menschen immer mehr das Gefühl, dass die Zeit ihnen durch die Finger rennt und dass alles immer schneller wird?"

Martin Liebmann, Verein zur Verzögerung der Zeit

"Faul zu sein ist harte Arbeit!" schreibt der Philosoph Martin Liebmann. Dieses absichtslose Nichtstun durchzuhalten: Da liegen und in den Himmel schauen, ohne die To-Do-Liste durchzugehen. Schaufensterbummel ohne Kaufabsicht. Zeit vertrödeln ohne darüber nachzudenken wo man die Zeit dann wieder einspart, die man jetzt grad vertut. Ein Teufelskreis. Denn wir leben in einer Gesellschaft, die Schnellsein belohnt. Wir beschleunigen unseren Alltag und glauben damit Zeit zu sparen, die wir dann in der Freizeit wieder ausgeben, allerdings immer irgendwie gehetzt.

Ein besonderer Parkplatz.

Mitten an der Hauptstraße nach Wasserburg steht eine "Innehaltestelle". Keine Bushaltestelle, sondern ein Wartehäuschen zum expliziten Warten und Innehalten Eine Einladung mal auf sich drauf zu schauen und in sich hinein statt immer nur aus sich heraus. An einem Parkplatz nahe des Einkaufszentrums ist ein Schild angebracht: Entschleunigter Parkplatz : 10 Euro kostet das Parken hier für 30 Minuten, 1 Euro, wenn das Auto hier einen Tag steht, ab 2 Tagen gibt es einen Kaffee gratis. Doch den Behörden war dieser Müßiggang ein Dorn im Auge und man reagierte prompt auf die Installation, die im Rahmen des Arkadien-Festivals statt fand: Abmahnung!

"Ich bekam ein Anschreiben der unteren Straßenschutzbehörde dass sowohl die Innehaltestelle als auch der entschleunigte Parkplatz, die im öffentlichen Raum waren, Amtsanmaßung seien und ein Straftatbestand. Dieser Ärger ist ja auch etwas was ein Festival provozieren will."

Peter Kees, Kurator des Festivals Arkadien

Uban Audio. Der Ideenhaber und Künstler Florian Tuercke.

Beim Arkadien-Festival drehte sich alles darum, aus dem Alltag rausgerissen zu werden: zum Beispiel eine viel befahrene Straße in Wohlklang zu verwandeln: Am Marktplatz Ebersberg steht ein weißer Transporter mit Klappstühlen davor: Darauf sitzen Menschen mit Kopfhörern und haben einen verzückten Ausdruck im Gesicht. Dabei starren sie direkt auf eine extrem befahrene Staatsstraße, die mitten durch den Ort führt, schauen auf LKW und Feierabendpendler. Aber das Projekt Urban Audio verwandelt Verkehrslärm in Musik. Florian Tuercke hat ganz spezielle Saiteninstrumente gebaut: Der Schall der lauten Straße trifft auf E-Gitarrensaiten, bringt diese zum Schwingen.

"Mein Ansatzpunkt bei dem Projekt ist, dass jeder Lärm den Geist stresst. Und ein gestresster Geist ist nicht offen für neue Gedanken, mag auch nicht lange an so einem Lernort verweilen. Das heißt, wir haben in unseren in unseren Innenstädten, in unserem öffentlichen Raum, also in unserem menschlichen Lebensraum durch den Verkehr etwas geschaffen, was eigentlich nicht besonders menschlich ist. Dieses Chaos versuche ich mit meinen Instrumenten in eine musikalische Ordnung zu fassen. Und dabei zeigt sich, dass es nicht die Dynamik des Verkehrs ist, die uns unangenehm ist, sondern nur die Frequenzgänge, die da vorherrschen: Eine Herde Büffel, die über die Steppe rast, oder einErdbeben oder Vulkanausbruch - all das geht einher mit tieffrequenten, lauten Geräuschen. Und unsere Vorfahren sind vor genau diesen Geräuschen weggelaufen."

Florian Tuercke, Künstler

"Ich setze mich dahin. Und ich höre keinen Straßenlärm, sondern höre zarte Saitenklänge. Es hat mich sofort runter gebracht, sofort entschleunigt. Quintessenz war: ich bin danach einen Kaffee trinken gegangen und habe nichts getan. Einfach mal schauen, die Menschen beobachten, den Verkehrs beobachten und das in aller Ruhe und in Friedlichkeit und mit sich und der Umwelt im Reinen. Das bringt einen sofort zu der Essenz des Seins zurück."

Passantin

Neugierige Menschen halten also inne, betrachten Bekanntes aus einer anderen Perspektive, treten in Distanz zum Alltag. Wer nicht innehält, sich Einhalt gebietet, sich selbst anhält, der muss weiterlaufen. Wie eine Maschine. Es gibt unzählige Apps für Entspannungstechniken und Entschleunigungspraktiken. Sie alle aber haben ein Ziel: uns am Ende produktiver zu machen. Verkauft werden Schlafroboter und Ratgeberbücher. Die hört man dann am besten, während man gleichzeitig in die Arbeit pendelt, joggen geht oder bügelt. Wann haben Sie zuletzt einfach mal nur dagesessen? Es braucht Mut, aus dem Treiben auszusteigen, es kostet allein schon Überwindung bloß kurz mal nichts zu tun. Dabei ist es ja irgendwie auch Luxus. Innehalten, Einhalten ist ein Aushalten-können der eigenen Unbedeutsamkeit. Ein Sich-Hingeben in die Unsicherheit, Aufgehen in der Stille, im Nachklang der eigenen Gedanken. Geben wir dem Müßiggang die Chance, uns zur Muße zu führen. Was immer dann auf uns wartet...


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