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Der Maler Heinz Braun "Lieber Idiot als Beamter"

Er malte am Ende um sein Leben: Heinz Braun wurde als Schauspieler bekannt, sein größtes Talent war jedoch die Malerei. Anstatt als Beamter auf ewig Briefe auszutragen, pinselte er seine Seele auf Leinwände - und starb dabei viel zu früh.

Von: Christoph Leibold

Stand: 09.11.2019 | Archiv

"Das gibt's nur in München: Ein Filmschauspieler und Maler, der Briefträger ist", titelte 1978 die Abendzeitung.

Doch Heinz Braun war weit mehr als bloß ein bayerisches Unikum. Mehr auch als nur das Film-Faktotum von Herbert Achternbusch, der ihn in seinem Figuren-Panoptikum als Kardinal, Reporter, Schulrat und auch als Briefträger Heinz besetzte. Denn Braun entwarf sein eigenes Panoptikum, malte Portraits von Freunden, Familienangehörigen und Künstlerkollegen. Und immer wieder auch von sich selbst.

"Das Jahr war ein Schlachtfeld"

Bei der Bundespost wurde Heinz Braun immer wieder verhaltensauffällig. So schmiss er schon mal schlechtes Kantinenessen aus dem Fenster. Er bemalte Pakete, ehe er sie austrug. Manchmal warf er sie auch einfach weg. 1966 erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Ein erstes Anzeichen wahrscheinlich, dass er seinen Brotberuf nur noch schwer ertragen konnte. Er selber kommentierte sein Kunstschaffen in dieser Zeit später folgendermaßen:

"Mystische Formen – chaotische morbide Bilder. Das Jahr ein Schlachtfeld."

Georg Ringsgwandl

"Ich hab den Heinz Braun kennengelernt in den 80er Jahren in einer verregneten Nacht auf einer hoffnungslosen Straßenkreuzung in Germering, da ist er gerade mit der Roswitha Pross, einer Bekannten von mir, eine Fotografin, durch Germering gestrichen. Er war einfach eine spezielle, leicht verhaute Figur, wo man sofort gesehen hat auf den ersten Blick, dass das nicht der normale Mitbürger ist. Der hat einfach etwas Wildes boheme-artiges im weiteren Sinne, was Ungewöhnliches an sich gehabt. Der hat so gesprochen, dass der normale Mensch gedacht hat, der ist komplett gaga."

(Georg Ringsgwandl)

Begegnung mit Achternbusch

Herbert Achternbusch (1998)

Ein Schlüsselerlebnis für Heinz Braun war die Begegnung mit Herbert Achternbusch, den er 1974 kennenlernte.

Mit ihm zusammen machte er sechs Filme. Später zwei weitere mit Klaus Lemke. In Achternbuschs "Die Atlantikschwimmer" war Braun als Briefträger Heinz zu sehen, in "Servus Bayern" als Reporter Knallhart.

Die Begegnung mit dem anarchischen Feuerkopf Achternbusch entfachte auch in Heinz Braun einen Widerstandsgeist, der bis dahin, wenngleich nicht auf Sparflamme, so doch längst noch nicht lichterloh gebrannt hatte. Braun lernte die bayerische Boheme jener Zeit kennen. Schauspieler wie Sepp Bierbichler und dessen Schwester Annamirl. Die Fotografin Roswitha Pross. Später die Musiker Georg Ringsgwandl und Hans-Jürgen Buchner alias Haindling. Künstler und Lebenskünstler. Seinen eigenen Kleinfamilienalltag und die Berufsroutine des Postlers empfand Heinz Braun vor diesem Hintergrund zunehmend als Gefängnis.

Am Ende malte er gegen sein Sterben an

Heinz Braun, Selbstbildnis im Acker, 1982

Als absoluter Autodidakt, der nie eine Kunstakademie von innen gesehen hatte, schleuderte er seine Seele auf Leinwände, Spanplatte oder Papier und entwickelte über die Jahre mit expressivem Pinselstrich, Erde und Kuhmist seinen ureigenen, unverwechselbaren Stil.

Am Ende malte er gegen sein Sterben an.

Heinz Braun entschied sich für die Freiheit des Künstlerdaseins

Wäre er nicht im Alter von erst 48 an Krebs gestorben, er hätte einer der ganz großen deutschen Künstler seiner Generation werden können. Doch auch in den wenigen Jahren, die er hatte, schuf er ein unvergleichliches Werk, das noch immer viel zu wenig bekannt ist.

Christoph Leibold hat Weggefährten von Heinz Braun getroffen und zeichnet das Portrait eines Malers, der seinen Brotberuf als Briefträger an den Nagel hängte, und damit die sichere Existenz des Beamten auf Lebenszeit gegen die Freiheit des Künstlerdaseins eintauschte, getreu seiner Maxime: "Lieber Idiot als Beamter ..."


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