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Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken Das Poesiealbum – eine Spurensuche

Für Kinder war das Poesiealbum früher fester Bestandteil der Schulzeit. Das kleine Büchlein war ein soziales Medium, vergleichbar mit heutigen wie Facebook, Instagram oder TikTok. Doch woher kamen die Poesiealben? Und was kam nach ihnen?

Von: Petra Nacke

Stand: 10.06.2021

Mit den heutigen Freundebüchern wurde das Ende der klassischen Blanco-Poesiealben eingeläutet, nach denen man heute im Buchhandel meist vergebens sucht. Damit wurde ein Schlussstrich unter eine Form der Erinnerungskultur gesetzt, die unzählige Generationen begleitete. Wir kennen also das Ende des klassischen Poesiealbums und werden uns später genauer damit befassen. Wo aber liegen seine Anfänge?

"Die Vorläufer der Poesiealben, so wie wir sie heute kennen, sind die Stammbücher. Die Stammbücher sind ein Kind der Reformation, wenn man es so sagen will. Die ersten Formen von Stammbüchern lassen sich fassen an der Wittenberger Universität, tatsächlich im Umfeld von Martin Luther und Phillip Melanchthon, und man muss sich das so vorstellen, dass Studenten aus dem Umfeld dieser Professoren quasi als Autographen-Jäger aufgetreten sind. Die haben also versucht, handschriftliche Zeugnisse der großen Reformatoren einzusammeln. Also ein persönliches Zeugnis ihrer Professoren, die sie sich eben in Büchern, die sie auch selbst mitgebracht hatten, dann eben eingesammelt haben."

Christine Sauer, Kunsthistorikerin und Bibliothekarin

Autogrammjäger der Renaissance – die Anfänge des Poesiealbums

Es waren Autogrammjäger der deutschen Renaissance, die mit dem Sammeln von schriftlichen Erinnerungen in Alben begannen. Und die beiden großen Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon hatten bald alle Hände voll zu tun, um das Erinnerungsbedürfnis ihrer akademischen Fans zu befriedigen.

"Also in ihren letzten Lebensjahren müssen sie große Zeitkontingente darauf verwendet haben, weil, wir haben zu hunderten das Zeugnis, dass eben Studenten diese Eintragungen gesucht haben. Das ist richtig Kult gewesen, sich dort so etwas abzuholen, und allein, dass wir eben von hunderten von Einträgen wissen und auch einige noch erhalten haben – das ist wie heute die Groupies, so muss man sich das vorstellen."

Christine Sauer, Kunsthistorikerin und Bibliothekarin

Stammbücher: heißbegehrte Sprüche voller Hirnschmalz

Die Mode sich handschriftliche Zeugnisse seiner Professoren zu holen, sagt Christine Sauer, blieb nicht auf die Wittenberger Universität beschränkt, sondern griff rasant um sich. Die derart umschwärmten Pädagogen ließen sich nicht lumpen und stecken jede Menge Hirnschmalz in die heißbegehrten Devotionalien.

"In den Stammbüchern ist natürlich unter den Gelehrten sehr viel Wert darauf gelegt worden, dass man ein Zitat findet, das auf den Stammbuchhalter passt. Da wurde dann zum Teil auch damit gespielt, also man musste den Kontext kennen, aus dem dieses Zitat entnommen wurde, man musste vielleicht auch darauf achten, ob irgendwelche Wörter verändert wurden, kann man ja auch, um etwas persönlich an jemanden anzupassen. Also da hat der Gelehrte aus dem Fundus seines Wissens geschöpft und natürlich zum großen Teil klassische, antike Dichter aufgegriffen."

Christine Sauer, Kunsthistorikerin und Bibliothekarin

Anscheinend wurde der Zeitaufwand dann aber doch irgendwann zu groß oder die Nachfrage nach geistreichen Sprüchen stieg zu rasant.

"Je mehr sich ein Stammbuch etabliert, dann erwächst auch eine ganze Industrie drum herum. Es gab also tatsächlich schon sehr früh, gerade im 17., 18. Jahrhundert ganze Anthologien, wo man solche Verse zusammengetragen hat, speziell für den Stammbuchgebrauch und wo man dann eben als Eintragender nachschauen konnte."

Christine Sauer, Kunsthistorikerin und Bibliothekarin

Die Büchlein wurden weiblich  

Damit hätten wir vielleicht schon eine Erklärung dafür, warum in Poesiealben so oft ähnliche oder identische Verse auftauchen. Eine andere Frage ist, wann wurde das Büchlein, das ja in einer rein akademischen Männerwelt sein Wurzeln hat, eigentlich weiblich?

"Mir persönlich sind die ersten Frauen aus dem 17. Jahrhundert bekannt, die dann eben auch um Stammbucheinträge angefragt wurden. Das sind Frauen, die zum Teil eben auch im universitären Umfeld gelebt haben, deren Väter Professoren gewesen sind, die sind dann von ihren Vätern unterrichtet worden zum Beispiel in orientalischen Sprachen, und die Studenten haben dann eben auch bei diesen Frauen sich Stammbucheinträge abgeholt. Das ist die eine Form, die es gab."

Christine Sauer, Kunsthistorikerin und Bibliothekarin

Denn Frauen trugen darüber hinaus auch zur Gestaltung der Bücher bei und legten damit gewissermaßen den Grundstein für unsere Vorstellung vom Aussehen eines Poesiealbums.

"Es gab sehr viele Stammbuchhalter, die waren künstlerisch interessiert, die waren Kunstsammler. Und die haben sich besonders oft auch Eintragungen mit Bildern gewünscht. Und Frauen haben sich natürlich in der damaligen Zeit auch künstlerisch betätigt, es gab Malerinnen, die hat man dann um ein Bild – ein Blumenbild etwa – gebeten und die haben sich entsprechend dann auch in den Stammbüchern verewigt. Und dann gab es als dritte Möglichkeit noch Frauen aus dem engen privaten Umfeld, die zum Beispiel sehr gut sticken konnten, und die haben dann auch Stickbilder in das Album eingeklebt und sich dann noch mit einem kurzen handschriftlichen Eintrag dazu vermerkt."

Christine Sauer, Kunsthistorikerin und Bibliothekarin

Geburtsstunde der Poesiealben im 19. Jahrhundert

Die Stickbilder könnten eine Vorform der Glanzbilder sein, die später so typisch für die Posiesalben wurden. Bis dahin war es aber noch eine Weile. Und es dauerte ebenfalls, bis Frauen diese Form der schriftlichen Erinnerungskultur für sich entdeckten.

"Das ist eine Entwicklung über Jahrhunderte gewesen, dieser Übergang, dass das eben nicht nur eine Elite von Studierenden ist, in der diese Tradition des Stammbuchs eben vorherrscht, und dass es beschränkt ist auf ein männliches Umfeld vor allen Dingen – schon allein deshalb, weil an den Universitäten nur Professoren und Studenten gewesen sind. Und dann diese Entwicklung, dass immer andere gesellschaftliche Schichten, auch Frauen eben ein Stammbuch geführt haben, das geht eben bis in das 19. Jahrhundert hinein und dann wird es zu etwas, was allgemein verbreitet ist. Dann kann man tatsächlich auch von Poesiealben reden."

Christine Sauer, Kunsthistorikerin und Bibliothekarin

Man geht davon aus, dass die Geburtsstunde des Poesiealbums in der Form, wie wir es heute kennen, zwischen 1830 und 1850 lag. Mitten in der Zeit des sogenannten Biedermeier. Europa befand sich im Übergang zur Moderne. Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege waren Grenzen neu gezogen und Machtbefugnisse umverteilt worden.

Auch in dem Teil des Kontinents, der später einmal Deutschland werden sollte, vollzogen sich gravierende politische, kulturelle und soziale Umwälzungen. Zudem warf die industrielle Revolution ihre Schatten voraus. Es waren enorm verwirrende Zeiten für die Menschen. Und die reagierten, indem sie sich in die Geborgenheit der eigenen vier Wände zurückzogen. So wurde die Epoche des Biedermeier zum Inbegriff der häuslichen Idylle. Spuren davon haben sich in den Poesiealben bis hinein ins späte 20. Jahrhundert erhalten.

Warum Blumensprache so beliebt war

Die Einträge der frühen Poesiealben bestanden, wie schon bei den Stammbüchern, meist aus zwei Elementen: einer bildlichen Darstellung auf der einen, und einem Text auf der anderen Seite. Blumen tauchen dabei immer wieder auf – sowohl in den Versen wie auch in der Dekoration. Und das kommt nicht von ungefähr, sagt Dr. Christine Sauer.

"Die Blumensprache gehört ganz eng zum Frauenbild auch in der damaligen Zeit. Frauen haben eben vor allem Blumen gemalt, Blumen gestickt, das war eben das, was man für den Hausrat zur Ausgestaltung auch gebraucht hat und deshalb kommen in den Gedichten eben auch ganz häufig Blumen vor, weil man das eben auf die Bilder auch beziehen konnte, die man in ein Stammbuch einklebt. Und man muss auch bedenken, dass da quasi auch eine ganze Industrie mit drangehangen hatte in der damaligen Zeit. Dass eben gedruckte, kleine Bildchen in großer Zahl verfügbar waren gerade im 19ten Jahrhundert, so dass man da dann den handschriftlichen Beitrag eben auch entsprechend bildlich aufwerten konnte."

Christine Sauer, Kunsthistorikerin und Bibliothekarin

Die Poesie der heilen Welt – jüdische Oblaten und Glanzbilder

Informationen zur Ausstellung

Die Ausstellung "Die Poesie der heilen Welt. Jüdische Oblaten und Glanzbilder aus früheren Zeiten" ist noch bis 28. November 2021 im Jüdischen Museum Franken in Schnaittach zu sehen.

Mit diesen gedruckten, kleinen Bildchen, den Glanzbildchen, auch Oblaten genannt, hat sich Monika Berthold-Hilpert im Rahmen ihrer Arbeit beschäftigt. Sie hat für die Schnaittacher Außenstelle, des Jüdischen Museums Franken eine Ausstellung mit dem Titel "Die Poesie der heilen Welt. Jüdische Oblaten und Glanzbilder" kuratiert. Dafür wurden ihr von vielen Menschen aus der Umgebung alte Poesiealben zur Verfügung gestellt. Neben der Suche nach jüdischen Glanzbildern, stand dabei auch noch eine andere Hoffnung im Raum.

"Vielleicht finden wir auch Poesiealben von Menschen, die jüdische Freunde hatten in den 20er, 30er Jahren oder sogar noch vorher und die in diese Poesiealben geschrieben haben. Oder wir finden vielleicht sogar, was wir im Heimatmuseum Schnaittach auch gefunden haben, zwei Poesiealben von jüdischen Mädchen aus dem 19. Jahrhundert. Da haben wir dann zwar keine Glanzbilder, keine Oblaten, aber einfach Inschriften, Einträge von jüdischen Freunden und Familienmitgliedern."

Monika Berthold-Hilpert, Kuratorin

Poesiealben gestatten einen Blick in die Vergangenheit, mehr noch, meint die Kuratorin: es ist sogar möglich, einzelne Biografien im begrenzten Rahmen nachzuverfolgen und daraus wiederum Rückschlüsse zu ziehen.

"Da ist der erste Eintrag aus dem Jahr 1890 und zieht sich hin bis zum Jahr 1911. Das Mädchen, dem dieses Album gehört hat, ist 1873 geboren, also die war jetzt auch nicht mehr wirklich jung. Und in vielen dieser älteren Alben sieht man, dass die Menschen älter sind, die reinschreiben und je weiter die Zeit fortschreitet, man in die 30er, 40er und 50er kommt, werden diejenigen, die sich in diesen Alben verewigen, immer jünger."

Monika Berthold-Hilpert, Kuratorin

Deutschland – Weltmarktführer beim Druck von Oblaten-Bildchen

Und noch etwas kann man aus den alten Alben herausspüren: den Zeitgeist. Die Dauerbrenner bei den Glanzbildmotiven sind, egal in welchem Jahrzehnt, Herzen, Engel und Blumen.

"Gerade die mit den Blumen, die werden ja immer noch produziert und ganz offensichtlich gibt es da immer noch Sammler ohne Ende, die sich auf diese Dinge stürzen, obwohl es inzwischen in ganz Deutschland nur noch eine einzige Firma gibt, die diese Oblaten Bildchen herstellt. Und Ende des 19ten Jahrhunderts, Anfang des 20sten Jahrhunderts war Deutschland hier der Weltmarktführer. Da haben größere Fabriken, kleinere Hinterhofdruckereien Hunderttausende, wenn nicht Millionen dieser Bildchen jedes Jahr rausgeknallt und verkauft. Ganz viel auch für den Verkauf in die USA. Und wo sehr viele dieser Bildchen hergestellt wurden, das war in Leipzig."

Monika Berthold-Hilpert, Kuratorin

Und all diese vielen Bilder, sagt Frau Berthold-Hilpert, wollten eines ausdrücken: die schöne, heile Welt. Bis ins 20. Jahrhundert spiegelt sich in den Poesiealben der Geist des Biedermeier, der, verknappt gesagt, aus dem Einigeln im heimeligen Nest und dem Ausblenden der Realität vor den Fenstern bestand. Man schuf sich eine eigene Welt: hübsch, putzig, heil.

Freundebücher lösten Poesiealben ab

Ein Eintrag in ein Freundebuch

Es war ein schleichender Prozess, aber irgendwann in den 1990er Jahren wurde das Poesiealbum fast unbemerkt vom sogenannten Freundebuch abgelöst. Vielleicht ist es kein Zufall, dass dies in etwa zeitgleich mit der Verbreitung des Internets geschah. In Freundebüchern findet man keine Blankoseiten mehr. Stattdessen auf kunterbuntem Untergrund jede Menge Fragen, die das Kind zu beantworten hat. Fragen mit dem Charme eines Formulars vom Einwohnermeldeamt. Damit dies nicht zu offensichtlich ist, tragen die Freundebücher so schreiendlustige Titel wie Mein Superduper-Kritzelkratzel Freunde-Album, mein Krickel-Krakel-Kicherkacke-Freundebuch oder Mein Kinder Künstler Freundebuch.

Kein Platz zur freien künstlerischen Entfaltung

Wer hier jedoch auf die Möglichkeit zur freien künstlerischen Entfaltung seines Kindes hofft, hofft vergebens, denn dafür ist schlichtweg kein Platz vorgesehen. Ein gezeichneter Frosch erklärt gleich zu Beginn die Marschrichtung: "Du füllst deine persönliche Doppelseite aus. Mit deinem Namen. Los geht’s. Zack Zack!" Anschließend wie immer: Alter, Adresse, Telefonnummer, Datum. Damit das nicht zu sehr nach Steckbrief klingt, dürfen auch Antworten auf solche Fragen gegeben werden: So würde ich am liebsten heißen; das mach ich gern; das interessiert mich gar nicht; davon hab ich schon mal gekotzt.

Erinnern wir uns an die Wurzeln des Poesiealbums, die uns Dr. Christine Sauer so bildreich geschildert hat, an die Autogrammjäger der Renaissance, denen ein handschriftlicher, ganz persönlich nur auf sie abgestimmter Sinnspruch ihres Mentors fast als Reliquie galt. All das ist heute kaum mehr möglich.

"Und das raubt dem Poesiealbum die ganze Persönlichkeit, die man in einen Eintrag hineinlegen kann, weil man eigentlich nur noch ein Formular ausfüllt. Der ganze Reiz, einen Eintrag auf den Stammbuchhalter, einen Freund oder eine Freundin, auch wirklich zuzuschneiden, ganz mit seinem persönlichen, Handschrift und Bildsprache zu füllen, das ist einfach weg."

Christine Sauer, Kunsthistorikerin und Bibliothekarin

Das Poesiealbum ist Vergangenheit mit seinen biederen Versen, den süßlichen Glanzbildern, den selbstgezogenen Bleistiftlinien und liebevoll ausgestalteten Zeichnungen von Kinderhand. Damit ist ein Stückchen Kultur verloren gegangen. Aber es ist müßig, darüber traurig zu sein oder sich zu ärgern, denn wie heißt es schon so treffend beim mitten im Biedermeier geborenen Wilhelm Busch, der gern und oft zitiert wurde: Nörgeln ist das allerschlimmste, keiner ist davon erbaut;
keiner fährt, und wär’s der Dümmste, gern aus seiner werten Haut.


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