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Historische Route über die Dachstein-Ostschulter 175 Jahre Jubiläums-Klettersteig am Dachstein

Im September 1842 bestieg der Wiener Naturwissenschaftler Friedrich Simony erstmals den Hohen Dachstein, und zwar exakt an der oberösterreichisch-steirischen Grenze.

Von: Andreas Burman

Stand: 15.09.2018

Auf historischer Route über die Dachstein-Ostschulter | Bild: BR; Andreas Burman

Als er den Gipfel erreichte, freute er sich über die weite wunderbare Rundumsicht. Zugleich war er heilfroh, überhaupt oben zu sein, denn, so notierte er, es sei in den Felsen „ein recht abscheuliches Klettern“ gewesen. Daher beschloss Simony, im nahe gelegenen und noblen Bad Ischl Sponsoren für den Bau einer „Gangbarmachung“ zu finden. Dank vermögender Geber, darunter Fürst Metternich, konnte er den Auftrag tatsächlich erteilen. Am 16. September 1843 war es dann soweit: Simony gelangte auf dem ersten bekannten Klettersteig zum Dachstein-Gipfel und verbrachte auch gleich die Nacht dort oben. Der nun 175 Jahre alte Route über die Dachstein-Ostschulter ist heute als Simony- oder Jubiläums-Klettersteig bekannt.

Schöner Schulter-Tiefblick auf die Ramsau

Bergführer Heli Rettensteiner sitzt auf der kleinen Holzterrasse der Seethalerhütte, die von der Bergstation der Seilbahn zu Fuß in einer halben Stunde über den Hallstätter Gletscher zu erreichen ist. Er erzählt, dass der Klettersteig von Friedrich Simony im Wesentlichen gleichgeblieben ist. Noch immer sind Eisen von der ersten Generation drin sowie von 1930 und 1978. Zuletzt hat ein Hüttenwirt und Bergführer aus der Region schöne geschmiedete Trittstifte angebracht.

Theresa, Sebastian und Hannah, drei junge Ärzte aus Schladming, hochzufrieden nach dem Jubiläumsklettersteig

Wir schultern unsere Rucksäcke und gehen wenige hundert Meter über den Gletscher. Heli zeigt auf die schroffe, nahezu senkrechte Talseite des Felsaufbaus, in den wir gleich einsteigen wollen. Es ist die Ostschulter des vier Kilometer langen Dachsteinmassivs, das in Jahrmillionen aus Dolomit- und Kalkgestein entstanden ist, eine der mächtigsten Wände, die es im Alpenraum gibt. An die 1000 Meter bricht sie an der höchsten Stelle ab. Kein Wunder also, hier viele schöne Kletterrouten entstanden sind, zum Beispiel der Steiner-Weg, der 1909 erstmals von den Gebrüdern Steiner geklettert wurde – damals ein Meilenstein im Felsklettern und eine lange Tour mit 40 Seillängen im vierten bis fünften Schwierigkeitsgrad.

Auf einem schmalen Holzbrett queren wir über eine etwa zwei Meter klaffende, tiefe Spalte zwischen dem Gletscherrand und Fels. Dann geht es beinahe senkrecht am Drahtseil entlang nach oben. Hände und Füße finden, mitunter nach einigem Hin- und Hertasten, doch immer zuverlässigen Halt. Nach 30 Höhenmetern haben wir das Steilstück mit der Einstufung bis C für „sportlich“ geschafft und stehen da, wo der Klettersteig noch vor rund 20 Jahren erst begonnen hat. Damals war hier alles noch vergletschert, und man sieht noch schön reingemeißelte Stufen im Fels. So lassen sich die weiteren Aufstiegsmeter viel einfacher klettern, abwechselnd in den Schwierigkeitsbereichen A und B, durchgängig bis zum Gipfel, also genau richtig für Ungeübte und Einsteiger. Auf der Höhe der sogenannten Schulter hat man dann die Hälfte schon hinter oder besser gesagt unter sich – und den ersten Tiefblick in die Ramsau, ins Ennstal. Rechts ist der Randkluft-Anstieg mit dem beeindruckenden Bergschrund zu sehen, der nur mit Hilfe von Steigeisen, Pickel und Seil zu bewältigen ist.

Bergstation Dachstein-Seilbahn und Dachstein-Südwand (gegenüber)

Ohne Drahtseilsicherung geht es flach über einige Felsbrocken weiter zur Nordflanke, die wir problemlos auf dem Mecklenburger Band queren, benannt nach dem Erstbegeher von 1856, dem Herzog von Mecklenburg. Das Band mündet in die historische Simony-Route, den sogenannten Randkluft-Aufstieg. In steiler Kletterei geht es nun die verbleibenden einhundert Höhenmeter zum Gipfel. Früher war der Randkluft-Anstieg die letzten hundert Höhenmeter nicht versichert, man musste nur an den Bügeln ohne Drahtseil hinaufklettern. Inzwischen wurde auch dieses Stück komplett versichert. Hans Prugger, ein Ramsauer, baut und kontrolliert seit bald 20 Jahren die inzwischen 19 Klettersteige am Dachstein.

Immerhin das Gipfelkreuz erreicht die 3000er-Höhe.

Nach insgesamt einer guten Stunde haben wir auf 2996 Meter den Hohen Dachstein bestiegen. Die Spitze des Gipfelkreuzes kratzt an der Dreitausender-Grenze, bunte Wimpel flattern an den Spannseilen im Wind. An die zwanzig Kletterer genießen zur verdienten Brotzeit das Rundum-Panorama und den Blick in die steilabfallende Wand. Simonys Ergriffenheit vor 175 Jahren lässt sich gut nachvollziehen

Dachstein-Gebirge und Seethalerhütte


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