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Die Bayern und die Böhmen Das bajuwarisch-bohemianische Bierknödel-Gen

Der Schriftsteller Bernhard Setzwein lebt an der bayerisch-böhmischen Grenze, ist ein Wanderer zwischen den Welten und ein Brückenbauer. Er erzählt von der langen und wechselvollen Geschichte der Beziehung zwischen den Bayern und den Böhmen, trifft Nachbarn diesseits und jenseits der Grenze, entlarvt überholte Klischees und entdeckt viele Gemeinsamkeiten. Beste Voraussetzungen für eine wunderbare Freundschaft ...

Von: Bernhard Setzwein

Stand: 17.03.2018 | Archiv

Sie ist eine der ältesten Grenzen, die der europäische Kontinent kennt, und sie verläuft auf dem Kamm des geologischen Urgesteins der Böhmischen Masse. Auf der einen Seite davon leben die Bayern, auf der anderen die Böhmen.

Der Knödel - kugelrund oder scheibenförmig?

In Scheiben geschnittener, böhmischer Hefeknödel

Doch so geschieden sind Diesseits und Jenseits der Grenze gar nicht. Das Gepräge von Landschaft und Vegetation, von Tierwelt und Menschenwelt ist sogar ziemlich verwandt, wenn nicht sogar identisch. Hier wie da sitzen auf den Kirchtürmen Zwiebelhauben, hier wie da gehört auf den Marktplatz ein Wirtshaus, darinnen sitzen Menschen, die lieben Bier und Schweinernes. Nur bei den Knödeln machen sie Unterschiede: Die einen mögen sie kugelförmig, die anderen aufgeschnitten in Scheiben.

Vielleicht ist das alles ein Erbe einer gemeinsamen Abstammung ...

Versöhnliche Tafel an der bayerisch-böhmischen Grenze, am Begegnungsort Grafenried

Lange hieß es, die "bajuvarii" seien "Menschen aus Böhmen" gewesen, die ins Land von Donau, Isar und Lech eingedrungen seien, um hier den Stamm der Bajuwaren zu gründen. Demnach wären wir quasi eine "bucklerte Verwandtschaft". Inwieweit das zutrifft, versucht der an der bayerisch-böhmischen Grenze lebende Autor Bernhard Setzwein herauszufinden. Er hat mit einer Frühgeschichtlerin von der Universität München über den angeblich gemeinsamen Gen-Pool gesprochen, und er hat Menschen getroffen, denen es längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist, über die Grenze hin- und her zu wechseln. Manche haben sogar schon "hinüber" geheiratet. Und diese schier unaussprechlichen Konsonantenhäufungen auszusprechen gelernt.

Die Dokumentarfilmerin Lenka Ovčačková

In Prag, im Stadtteil Vinohrady, lebt Lenka Ovčačková. Eigentlich stammt sie aus Südmähren, wo sie in einer kleinen Ortschaft nahe der heutigen tschechisch-slowakischen Grenze aufgewachsen ist. Sie arbeitet an der Prager Universität, ist aber auch Dokumentarfilmerin. Sie hat sich schon viel mit dem Leben an dieser sensiblen Scheidelinie beschäftigt, die zwei Völker voneinander trennt … oder vielleicht ja gerade erst in eine besondere Nähe zueinander bringt.

Lenka Ovčačková beim Filmen

"Ich muss sagen, dass die Faszination durch die Grenze natürlich teilweise durch meine Abstammung gegeben wird, weil ich aus den Weißen Karpaten stamme. Das ist ein Gebiet, das direkt an der slowakisch-mährischen Grenze liegt.

Schon damals als Kind habe ich darüber nachgedacht, was ist eigentlich die Wesenheit von diesem Anderen und ist das überhaupt anders. Kann man eigentlich über das Andere sprechen?

Ja, und dann durch die Studien, durch meinen Lebensweg und auch dadurch, dass ich relativ früh angefangen hab, deutsch zu lernen, hab ich ja festgestellt, dass wahrscheinlich in meinem vorigen Leben ich etwas mit der Sprache zu tun hatte, weil sie mir sehr nahe ist. Dann hab ich auch in mir wahrgenommen, dass es sehr wichtig ist, diese Brücken zu schlagen. Und ich hab dann angefangen, meine eigenen Filme zu machen und hab mich auf die Grenzgebiete konzentriert, weil dort wird nämlich dieses Zusammensein auf eine wirkliche Weise gelebt.

Man spricht nicht nur drüber, aber man muss eigentlich miteinander auskommen und man muss auch versuchen, die Wege zu suchen, falls etwas nicht funktioniert. Weil meiner Meinung nach ist eigentlich der Mensch an sich überall gleich.

Natürlich kann man das geschichtlich unterschiedlich deuten und sagen, ja, wir stammen jetzt von diesem Stamm und die anderen stammen von diesem Stamm. Das kann natürlich sein, ja. Aber was ist eigentlich die Wesenheit der Menschen an sich?"

(Lenka Ovčačková, Dokumentarfilmerin)

Gedanken, die einen nicht loslassen - oder: Jeder fünfte Bayer trägt in Wahrheit das Los in sich, ein Böhme zu sein

"Von den insgesamt über 12 Millionen [Flüchtlingen nach dem 2. Weltkrieg] hat Bayern bis 1950 1,9 Millionen aufnehmen müssen, was damals 21 Prozent, später circa 19 Prozent seiner Bevölkerung ausmachte: Jeder fünfte Einwohner Bayerns ist mithin ein Vertriebener."

(Alois Schmid und Katarina Weigand aus 'Schauplätze der Geschichte in Bayern', 2003)

Völkerverbindende Aktivitäten zwischen beiden Seiten der Grenze

Manches bleibt wohl ein ewiges Rätsel in den Beziehungen zwischen Bayern und Böhmen, und dennoch sieht Wolfgang Schwarz, 'Kulturreferent der böhmischen Länder' beim Adalbert-Stifter-Verein in München, die beiden Völker insgesamt auf einem guten Weg.

Seiner Meinung nach kommt den Vertriebenen dabei ein entscheidendes Verdienst  zu – insbesondere auch deren Nachkommen, denn es sind oft die Kinder und Enkel der sogenannten Erlebnisgeneration, die sich die letzten Jahre über – vorurteilsfreier, als das den Älteren oft möglich war – aufgemacht haben nachzuschauen, was das eigentlich für ein Land ist, aus dem ihren Eltern und Großeltern stammen.

Ein Stück Böhmen in Bayern: 70 Jahre Neugablonz

"Was die Beziehung heute zu den Tschechen anbetrifft, sind die bayerisch-böhmischen Beziehungen ohne die Vertriebenen eigentlich für mich – aus heutiger Sicht, das war durchaus vor 20 Jahren noch anders – nicht mehr denkbar, weil sie einfach eine ganz neue Ebene in diese Beziehungen einbringen, nämlich auch die Kenntnisse und die Heimatliebe der Menschen, die aus dieser Region stammen, die wir einfach sonst in der bayerischen Bevölkerung nicht hätten.

Das sind sicherlich Anknüpfungspunkte, die sowohl von bayerischer, aber auch von tschechischer Seite bislang vielleicht noch nicht genügend erkannt wurden, um diese völkerverbindenden Aktivitäten zwischen beiden Seiten der Grenze und zwischen den Menschen auf beiden Seite der Grenze einfach mehr zu fördern und auch mehr zu unterlegen mit Gemeinsamkeiten aus der Geschichte."

(Dr. Wolfgang Schwarz, 'Kulturreferent der böhmischen Länder' beim Adalbert-Stifter-Verein in München)


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