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Zurab Karumidze: Dagny oder Ein Fest der Liebe Geschichte einer Femme fatale

Der Roman des georgischen Schriftstellers bindet das tragische Ende der allseits bewunderten Muse Dagny Juel ein in die aufregende Umbruchszeit der vorletzten Jahrhundertwende in Tiflis (Georgien).

Von: Heinz Gorr

Stand: 10.10.2017

Buchcover "Dagny oder Ein Fest der Liebe" von Zurab Karumidz | Bild: Weidle Verlag, Montage: BR

Die Titelfigur des Romans gab es wirklich: Anfang der 1890er-Jahre ging die norwegische Schriftstellerin Dagny Juel nach Berlin, um Musik zu studieren, wurde dort zu einer allseits begehrten, außergewöhnlichen Frau und zur Muse von Künstlern wie August Strindberg oder Edvard Munch. Zwei Kinder hatte sie aus der Ehe mit dem Polen Przybyszweski; 1901 aber kam der Bruch: Dagny verlässt Krakau mit dem Verehrer Vlad Emeryk und reist nach Tiflis. Vermutlich aus Eifersucht erschießt er die gerademal 33-jährige Dagny und dann sich selbst.

Vor diesem realen Hintergrund begann der in Tiflis geborene Autor Zurab Karumidze zu schreiben. So bewegend das Ende der "nordischen Sphinx" in der damaligen Provinzstadt des russischen Reiches auch war: Karumidze wollte mehr als nur die Geschichte von Dagny:

"Ich war etwas gelangweilt und dachte: Ich brauche noch was anderes, einen Stoff, der Raum für Improvisation lässt. Dann wurde mir klar, dass ich über die Anfänge der Moderne schrieb. Denn Dagny Juel war tatsächlich eine der ersten Frauen der beginnenden Moderne. Für die Kunst und das intellektuelle Leben in Skandinavien war sie das, was Lou Andreas-Salomé für Deutsche wie Rilke oder Nietzsche war."

Zurab Karumidze

Historische Figuren und Zeitströmungen

Also bettet Karumidze seinen Plot in ein ganzes Bündel historischer Figuren und Zeitströmungen, die sich im Georgien der vorletzten Jahrhundertwende bemerkbar machten. Sein Erzähler baut einen Diskurs auf, der sich in die mythischen Welten der Georgier ebenso versenkt wie in die der Antike - beispielsweise die Sage vom Goldenen Vlies. Weitere rote Fäden sind Texte der Volksdichtung oder das populäre Nationalepos vom "Recken im Tigerfell" eines Schota Rustaveli. Die ausufernden, teils in Phantasmagorien mündenden Themenstränge, sollen auf eine  geheimnisvolle Agape, das im Romantitel angekündigte "Fest der Liebe", hinführen. Als Schauplatz wurde Tiflis erkoren, "ein besonderer Ort am Übergang von Okzident und Orient ... ein Ort, an dem sich die Extreme treffen und die Differenz zu Hause ist."

"Ich wollte Georgien sozusagen globalisieren: Georgische Erzählungen, das kollektive Gedächtnis der Georgier, die Mythologie, die Klassiker und andere wichtige Texte für Georgiens Identität wollte ich damit näher an die englischsprechende Welt heranführen. Über das Sprachliche hinaus auch durch Erzählweisen, mit denen man hier vertraut ist."

Zurab Karumidze

Originalsprache Englisch

Es verwundert zunächst, dass Zurab Karumidze für diesen komplexen Roman als Sprache das Englische gewählt hat und nicht seine Muttersprache. Auch dafür hat der promovierte Anglist und ehemalige Fulbright-Stipendiat eine plausible Erklärung:

"Ich wollte dieses Buch eben nicht für Georgier schreiben, sondern für die gesamte Welt: die anglophone wie die deutschsprechende Welt."

Zurab Karumidze

Fesselnde Frauenfigur

Selbst wenn europäische Leserinnen und Leser sich streckenweise im mystisch-esoterischen Geflecht verheddern sollten, im überbordenden Fundus aus Zitaten oder Anspielungen auf Leuchttürme der Menschheits- und Geistesgeschichte von Bach bis Albert Schweitzer, die der Text als verehrungswürdige "Schamanen" bezeichnet: Karumidze hat in der zentralen Protagonistin Dagny Juel-Przybyszewska eine fesselnde Figur, die in seiner Literarisierung als emanzipierte Frau, als Muse für sich steht - eben nicht allein dank ihrer erotischen Aura. Dagny verkörpert eine originäre Femme fatale, jenseits von Carmen und Anna Karenina.

Umsichtige Übertragung ins Deutsche

Verleger Stefan Weidle verdanken wir die so präzise wie umsichtige Übertragung ins Deutsche; so können wir einen der wichtigsten zeitgenössischen Autoren seines Landes schon ein Jahr vor dem nächsten Buchmessen-Schwerpunkt kennenlernen.

"Dahinter stand auch der Wunsch einen Dialog zu etablieren zwischen Ost und West. Ich wollte Georgien annähern an Europa. Denn die Georgier sind - zumindest seit 300 Jahren -  der festen Überzeugung, dass ihre Identität eher eine europäische ist als eine orientalische."

Zurab Karumidze

Zurab Karumidze: Dagny oder Ein Fest der Liebe

Aus dem Englischen von Stefan Weidle
Illustrationen von Levke Leiß
Weidle Verlag, 2017


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