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Wenn Politiker knutschen Zum Tag des Kusses

Händedruck, Verbeugung – oder gar ein Kuss. Heute ist Internationaler Tag des Kusses, und der ist auch auf höchst offiziellen Ebenen ein ganz besonderes Ritual mit langer Tradition. Jasmin Brock über echte und angedeutete Küsse in der Politik.

Von: Jasmin Brock

Stand: 06.07.2018

Washington, USA 27. April 2018: Staatsbesuch von Angela Merkel in der USA - 27.04.2018 NUR FUER DEN DEUTSCHEN MARKT !! v.li. US Praesident Donald Trump begruesst Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit einem Kuss auf die Wange, vor dem Weissen Hauses in Washington. | Bild: picture-alliance/dpa

Merkel und Macron, Macron und Trump, Trump und Merkel: Hat es alles schon gegeben. Geschmatzt, angedeutet und gehaucht. Laut Knigge hat der Kuss als Begrüßungsgeste eigentlich gar nichts im beruflichen Umfeld verloren. Zu intim, zu viel Potential für Missverständnisse. Das Busserln zwischen mächtigen Staatsoberhäuptern ist trotzdem auf zahlreichen Fotos dokumentiert. Aber nicht in jedem Land gleich häufig.

The European style kiss

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron in Berlin.

Nein, die aktuelle politische Lage in der Bundesrepublik feuert die Kusslaune von Merkel und Co. sicherlich auch nicht gerade an. Vielleicht hätte ein Kuss zur Begrüßung so manchen Konflikt zumindest ein bisschen entschärft. Wie man mit einem Begrüßungskuss gleich zu Beginn eines politischen Treffens ein Statement setzen kann, zeigt jedenfalls der Franzose Emmanuel Macron: Bei einem offiziellen Besuch im April hat der Staatspräsident den US-Regierungschef Donald Trump an sich gezogen. Statt dem rabiat-dominanten Trump-Handshake gab es erst einen, dann einen zweiten Wangenkuss. Einer amerikanischen Fernsehkommentatorin entglitt dabei ein hörbar überraschtes. "Oh, the European style kiss". Aber woher kommt die Tradition des Wangenküssens überhaupt?

"Im vorkaiserlichen Rom begrüßten sich die Senatoren durch das Küssen. So wurde auch Cäsar begrüßt von den Gleichgestellten. Das ist die Tradition des altrömischen Patriziats."

Dimitri Zakharine, Historiker

Gleichgesinnt mit Kalkül

Auch dass man die gleichen Werte teilt, sollte traditionell so ausgedrückt werden, so Zakharine. Heute dürfte das aber einem gewissen Kalkül gewichen sein, vermutet Kommunikationstrainerin Nandine Meyden.

"Das hat natürlich schon eine Symbolkraft. Ich glaube schon, dass die meisten Politiker das schon sehr bewusst inszenieren."

Nandine Meyden, Kommunikationstrainerin

Der sozialistische Bruderkuss

Erich Honecker und Sowjet-Parteichef Leonid Breschnew

Im letzten Jahrhundert gab es eine ganz besondere Art der Inszenierung: den sozialistischen Bruderkuss. Seine Wurzeln hat dieses Ritual schon im mittelalterlichen Christentum. Weltberühmt ist ein Foto von 1979: Der Moment, in dem sich die Lippen von DDR-Politiker Erich Honecker und Sowjet-Parteichef Leonid Breschnew innig berühren.

"Die sozialistische Gemeinschaft nach dem Krieg etabliert sich als Gemeinschaft der Brüdersaaten, so heißt sie auch. Die verbrüderten sozialistischen Staaten. Diese Art der Gemeinschaft wird angezeigt durch den Bruderkuss."

Dimitri Zakharine, Historiker

Welt ohne die Reichen

Auch Arbeiter haben im 20. Jahrhundert so ihre Klassenzugehörigkeit ausgedrückt: Das impliziert eine Welt ohne die Reichen. Eine Gemeinschaft, in der alle familiär miteinander verbunden sind. So meinte es auch der Apostel Paulus im frühen Mittelalter.

Kusszwang

Bleibt die Frage, ob sich Politiker heute bei der -  im wahrsten Sinne des Wortes aufgedrückten -  Kussbegrüßung wirklich wohl fühlen. Manchmal haben die obersten Staatschefs und -chefinnen vielleicht auch einfach keine andere Wahl ...


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