Bayern 2


199

Zum 100. Geburtstag Willi Graf, das Weiße-Rose-Mitglied, das zu Unrecht unbekannt ist

Willi wer? So könnte man etwas salopp fragen, wenn von Willi Graf, dem Widerstandskämpfer der Weißen Rose, die Rede ist. Zwar ist bekannt, dass er dem Verschwörerkreis um die Geschwister Scholl angehört hat. Auch sind etliche Schulen in Deutschland nach ihm benannt. Aber letztlich stand und steht sein Wirken doch sehr im Schatten der anderen Weiße-Rose-Mitglieder. Zu Unrecht. Denn seine Rolle war eine bedeutende.

Von: Tilmann Seiler

Stand: 02.01.2018

Willi Graf, Mitglied der Weißen Rose | Bild: SZ-Photo

Am 18. Februar 1943 werden die Geschwister Scholl festgenommen, die Weiße Rose fliegt auf. Schnell wird dem Mitstreiter Willi Graf klar, dass auch seine Stunden in Freiheit gezählt sind. Er ahnt, was ihn erwartet, als er in seine Schwabinger Wohnung zurückkehrt, so die Historikerin und Weiße-Rose-Expertin Miriam Gebhardt:

"Er war an dem Vormittag noch in einer Vorlesung gewesen. Zurück in der Kaserne hat er am Nachmittag von der Festnahme der Scholls erfahren, hatte überlegt zu fliehen, hat sich anders entschieden - als er gegen Mitternacht nach Hause kam, hat ihn die Gestapo schon erwartet. Seine Schwester ist ihm entgegengelaufen und hat gesagt: Die Herren warten schon auf dich. Er wollte dann noch seine Wehrmachtsuniform anziehen, weil er dachte, er kommt besser davon, aber das haben ihm die Gestapo-Männer nicht mehr erlaubt."

Miriam Gebhardt, Weiße-Rose-Expertin

Willi Graf findet die Nationalsozialisten von Anfang an abstoßend

Mit der Festnahme ist das Schicksal von Willi Graf besiegelt: Tod durchs Fallbeil. Von allen Weiße-Rose-Mitgliedern ist sein Weg in den Widerstand der wohl erstaunlichste. Graf wächst in Saarbrücken auf, in einem streng gläubigen, aber angepassten Elternhaus. Forderungen des Vaters, sich mit den Nazis zu arrangieren, weist Graf zurück – er findet die NS-Ideologie von Anfang an abstoßend, anders als seine späteren Freunde. Miriam Gebhardt:

"Er war der einzige der Gruppe, der von Jugend auf völlig immun war gegen den NS, der nicht mit der HJ geliebäugelt hat. ‚Sondern treu blieb seiner katholischen Jugendorganisation, auch nachdem die verboten war, in eine kleine elitäre Organisation eintrat, in der es auch darum ging, den katholischen Glauben und den Individualismus gegen den NS zu verteidigen."

Miriam Gebhardt

Willi Graf hatte den gefährlichsten Job in der Weißen Rose

Mit Kumpels, die in die Hitlerjugend eintreten, bricht Graf. Er streicht sie aus dem Adressbuch und notiert: "Ist in der HJ." Zu Menschen, denen er vertraut, baut er dagegen eine enge Bindung auf. Etwa zu Hans Scholl, dem er 1942 als Medizinstudent in München begegnet. Scholl führt ihn in kritische Diskussionszirkel ein und dann in die Weiße Rose. Als Sanitäter im Osten wird Graf Zeuge der Wehrmachts-Verbrechen. Er beschließt, das Regime aktiv zu bekämpfen. An den berühmten Flugblättern der Weißen Rose schreibt er kaum mit. Dafür obliegt ihm der vielleicht gefährlichste Job:

"Er ist gereist, mit Passierscheinen durch Deutschland und hat versucht, alte Kameraden zu motivieren, finanziell zu helfen oder Flugblätter zu verteilen. Oder aktiv mitzumachen. Und das war sehr gefährlich, weil er erstmal herausfinden musste, wie viel er preisgeben darf, denn sonst hätte die Gefahr bestanden, dass er und seine Freunde denunziert werden."

Miriam Gebhardt

Bekanntlich werden nicht die Rekrutierungsreisen den Verschwörern zum Verhängnis, sondern die leichtsinnige Flugblatt-Aktion in der Münchner Uni. Am 19. April 1943 fällt gegen Willi Graf das Todesurteil – doch die Verhöre gehen erstmal weiter. Der Grund: seine weitverzweigten Kontakte in die Widerstandsszene.

"Er ist ja als einziger nicht sofort nach der Veruteilung hingerichtet worden, sondern musste noch sechs Monate auf die Hinrichtung warten. Die Gestapo hat versucht, weitere Namen aus ihm herauszupressen. Er ist standhaft geblieben und hat es geschafft, dass über ihn nicht noch weitere Namen bekannt wurden, und er hat damit Leben gerettet."

Miriam Gebhardt

In der Todeszelle hat der 25-Jährige viel Zeit, über sein Handeln und dessen historische Bedeutung nachzudenken. Die geliebte Schwester Anneliese ernennt er im Abschiedsbrief quasi zu seiner Erinnerungsbeauftragten. Anneliese Knoop-Graf dazu 2008:

"Du sollst dazu bestimmt sein, mein Andenken und Wollen aufrecht zu erhalten und allen Freunden meinen letzten Gruß: Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben."

Anneliese Knoop-Graf

Nach der Hinrichtung im Gefängnis Stadelheim wird Willi Graf in München beigesetzt und nach dem Krieg in die saarländische Heimat übergeführt. Seine Botschaft bleibt auch am 100. Geburtstag aktuell: Widerstehe dem Bösen, folge dem Guten.


199