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Zigaretten an der Isar Kleine Stummel – große Umweltverschmutzung

Sie liegen an Bushaltestellen, auf Berggipfeln oder einfach auf dem Gehweg: Zigarettenkippen. Die kleinen Stummel sehen harmlos aus, in Wirklichkeit enthalten sie aber Gift und sind nicht biologisch abbaubar. Eine Umweltsauerei, gegen die immer mehr Menschen vorgehen.

Stand: 07.11.2018

Zigarettenkippen an der Isar | Bild: Julia Haas

Am Anfang hat sich Hartmut Keitel nur über die großen Sachen aufgeregt: Einweggrills oder kaputte Schlauchboote zum Beispiel. Aber dann wurden die Hassobjekte immer kleiner und der Ärger immer größer. Kleine, beige Stummel – überall. Mit seinem Verein, "Deine Isar" kämpft Hartmut Keitel gegen Zigarettenkippen in München.

Hartmut Keitel kämpft mit seinem Verein "Deine Isar" gegen Müll und Zigarettenkippen in München.

Wenn das Wetter gut ist, herrscht reges Treiben an der Isar rund um die Reichenbachbrücke. Die Menschen sitzen am Wasser, unterhalten sich und rauchen. Die Kippen schnippen sie achtlos ins Wasser oder in den Kies. "In einem Quadratmeter Isarstrand liegen rund 40 Kippen", weiß Hartmut Keitel.

Eine Kippe pro Liter Wasser genügt, damit Fische darin sterben

In den Stummeln stecken etwa 4000 Chemikalien, viele sind giftig, einige krebserregend. In den Filtern sammeln sich beispielsweise Nikotin, Arsen und Blei. Eine Zigarettenkippe genügt deshalb schon, um etwa 50 Liter Wasser zu verseuchen. Hartmut Keitel vermutet, dass viele Raucher ihre Kippen schlicht aus Unwissenheit auf den Boden werfen, manche aber auch aus Bequemlichkeit. "Das Problem ist, dass eine Kippe sehr klein ist und deshalb leicht aus dem Bewusstsein verschwindet, man schnippt sie weg und sieht sie nicht mehr. Wenn man eine Plastiktüte wegwirft, die sieht man immer noch."

Um Natur und Gewässern zu schaden, müssen Raucher die Stummel nicht einmal direkt ins Wasser werfen. Landen sie auf dem Boden, lösen sich die Giftstoffe sobald es regnet und landen dann im Grundwasser. So gelangen laut Forschern der Technischen Universität in Berlin beispielsweise pro Stummel zwei Milligramm Nikotin in die Umwelt. Nikotin ist ein Nervengift.

Hartmut Keitel in der Isar.

Für Kleinstlebewesen und Fische können die Kippen sogar tödlich sein, weil sie das Wasser verpesten oder die Tiere daran ersticken. Schon eine Kippe pro Liter Wasser genügt, damit die Fische darin sterben, das ergab eine Studie an der Universität San Diego.

Doch nicht nur die giftigen Stoffe in den Stummeln sind ein Problem. Die Filter selbst bestehen aus Kunststoff und sind nur sehr schwer biologisch abbaubar. "In Salzwasser kann es bis zu hundert Jahre dauern", sagt Kerstin Schotte von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Jährlich werden laut WHO vier Billionen Zigarettenstummel weltweit weggeworfen. Viele davon landen im Meer und da bleiben sie dann auch.

Hartmut Keitel kann nicht mehr wegsehen

Mittlerweile bemühen sich viele Menschen, etwas gegen diese Umweltsauerei zu unternehmen, so wie Hartmut Keitel in München. Der 53-Jährige wohnt fußläufig zur Isar und geht jeden Tag von seiner Wohnung zu seinem Büro im Schlachthofviertel. Jeden Tag an der Isar entlang, jeden Tag am Müll entlang - und das, nachdem die Isar so aufwendig renaturiert wurde. Irgendwann konnte er nicht mehr wegsehen. Angefangen hat er vor sieben Jahren mit einem Plakat, das er nachts an die Brückenpfeiler geleimt hat.

Seitdem designt er immer wieder Plakate, dreht Kinowerbespots oder gibt Isarseminare, bei denen Schulklassen untersuchen, wie viel Müll sie in einem Quadratmeter Isar finden. Diesen Sommer hat er außerdem eine Rikscha zur Wechselstube umfunktioniert und kalte Getränke gegen Zigarettenkippen getauscht. Etwa 30.000 Kippen hat er so gesammelt.

Noch keine Lösung in Sicht

Bei den Massen an Kippen, die jedes Jahr einfach auf den Boden geworfen werden, sind solche Projekte aber trotzdem nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Die WHO hofft auf eine europaweite Regelung. Denn Ende Oktober stimmte das EU-Parlament einem Vorschlag der EU-Kommission zu, um Plastikmüll in Zukunft zu vermeiden. Auch Tabakfilter sind in diesem Vorschlag enthalten.

Demnach sollen sich die Hersteller in Zukunft an den Kosten für die Abfallbewirtschaftung, die Säuberung der Umwelt und an Sensibilisierungsmaßnahmen beteiligen. Zigarettenfilter, die Plastik enthalten, sollen langfristig zudem verringert werden. "Es gibt Alternativen, zum Beispiel Filter auf Papierbasis", sagt Kerstin Schotte von der WHO. So sei immerhin das Müllproblem gelöst. Das Giftproblem bleibt allerdings.


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