Bayern 2


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Zeit für Bayern Weihnachtsmagazin

Alle Jahre wieder gibt’s ein Zeit-für-Bayern-Weihnachtsmagazin. Heuer mit Geschichten über Nikolaus und Weihnachtsmann, die laute stade Zeit, Geleucht und Gelichter im Vorgarten und eine Klosterweihnacht. Viel Vergnügen!

Von: Gerald Huber

Stand: 15.12.2020 | Archiv

Von Nikolaus bis Weihnachtsmann

Haben Sie Ihre Weihnachtsgaben beieinander? Ohne geht es schließlich selbst in den härtesten Zeiten nicht. Geschenke gehören in die Winterwochen zwischen Martini und Heiligdreikönig, wo einerseits der Heilige Martin seinen Mantel mit dem Bettler teilt und andererseits Gold, Weihrauch und Myrrhe dargebracht werden. Dazwischen bringen Nikolaus und Krampus ihre Gaben, man überweist was für die Sternstunden und andere mildtätige Angelegenheiten, dann kommt eh Weihnachten und danach werden Christbäume ersteigert und gleich wieder gestiftet für den guten Zweck, auf Neujahr kriegen Postbot, Müllmann und Zeitungsfrau was und danach brauchen noch die Sternsinger was. Geschenkezeit halt.

Die Römer haben am 25. Dezember ihren wichtigsten Staatsfeiertag begangen, den Tag der Geburt des unbesiegbaren Sonnengottes, gleichzeitig offizieller Geburtstag des göttlichen Kaisers. Und wo kommt die Sonne her? Aus der tiefsten, längsten Nacht: So war am Tag vorher der große Festtag des Gottes Saturn, des Herrn der Nacht und Unterwelt, und Hüter aller Reichtümer und Schätze. Die Römer waren ein altes Bauernvolk und wussten, dass letztlich aller Wohlstand aus dem Boden, aus der Saat, von Saturn kommt. Saturn und Saat teilen sich die gleiche jahrtausendealte Wortwurzel. Und weil er halt einmal der Gott des Überflusses war, pflegten die Römer am Festtag des Saturn, am 24. Dezember, sich gegenseitig Geschenke zu machen. Diese urheidnische Vorgeschichte haben die Reformatoren um Martin Luther wahrscheinlich nicht so recht auf dem Schirm gehabt, als sie den Kinderbeschenker Nikolaus zusammen mit allen anderen Heiligen abgeschafft und stattdessen dem Heiligen Christ am 24. Dezember das Geschenkebringen für die Kinder aufgehalst haben. Und sie haben auch nicht bedacht, dass damit die Leut ganz durcheinanderkommen. Bringt jetzt das Christkind die Geschenke oder der Sinterklaas, respektive der Santa Claus? Oder gleich der Weihnachtsmann, der kein Anderer ist als der uralte Herr Winter gleichzeitig ein Alter Ego des Gottes Saturn? Und der Nikolaus davor: ist das ein Heiliger Bischof oder nicht eigentlich doch ein Weihnachtsmann oder ein Knecht Rupprecht oder sogar ein Heiliger Martin, respektive Pelzmärtel? Den meisten ist das heutzutag ganz wurscht! Und vielleicht ist es das auch. Der Hans Schütz aus Weißenohe war ein Nikolaus im Weihnachtsmannkostüm. Ganz arglos. Und mit 55 Jahren Dienstzeit immerhin einer der dienstältesten überhaupt…

Stade Zeit

Als stade Zeit wird der Advent gern tituliert. Gut, heuer hat es tatsächlich den Anschein als könnte das mit der staden Zeit stimmen. Aber heuer ist und bleibt eine Ausnahme – hoffentlich. Stad war die Adventszeit nie. Das liegt unter anderem daran, dass die Leute in traditionellen Bauerngesellschaften im Winter generell viel mehr Zeit für gemeinschaftliche Vergnügungen haben. Die Römer haben vor ihrem Saturngeschenkefest die Saturnalien gefeiert, die übermütiger Freizeit gewidmet waren, mit gut essen, viel trinken, sich verkleiden, Spiel und Spass. Als dann das Christentum Staatsreligion im Römischen Reich geworden ist, hat man die winterliche Festzeit in die Tage nach Weihnachten verlegt und davor eine Vorbereitungs- und Fastenzeit eingeführt – den Advent. Aber die Leute haben sich das feiern trotzdem nicht nehmen lassen; und so klingen die alten Saturnalien vor Weihnachten heute noch an. Mit Lärm und Schabernack gespickte Bräuche und Rituale, die den Advent zu einer der kulturell intensivsten Zeiten des Jahres machen.

So waren wie schon im alten Rom die winterlichen Wochen auch im Europa des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit eine einzige große und meistens lärmende Festzeit. Die Festtage reichten von Anfang November bis mindestens Neujahr und Dreikönig – und weit darüber hinaus. Mit einem besonders intensiven Kern an den Advents- und Weihnachtstagen. Und selbst die eigentlichen Weihnachtsfeiertage waren da nicht ausgenommen. Ganz im Gegensatz zu heute, wo man Weihnachten in protestantischer Tradition als innerliches Fest der Familie sieht, beschränkte sich das familiäre Feiern damals eher auf das ausgiebige gemeinsame Schmausen. Und selbst dazu wurden oft genug weitere Verwandtschaft, Freunde, Bekannte eingeladen. Meistens aber war sogar das Schmausen öffentlich, wie das ganze Weihnachtsfest. Gefeiert und Allotria getrieben wurde in Kirchen, Schulen, Wirtshäusern, auf Straßen und Plätzen.

Nicht einmal Weihnachten selbst war also immer Stille Nacht. Und schon gar keine stade Zeit war der Advent vorher – war er nie. Jedes große Fest - und Weihnachten ist schließlich das größte im Jahr – jedes große Fest braucht mehr oder weniger geschäftige Vorbereitung: Plätzerlbacken daheim und Geschenkebesorgen, Chöre und Orchester, überhaupt Musikanten müssen proben für die großen Auftritte, Häuser und Kirchen gilt es sauber zu machen und zu schmücken. Nehmen sie zum Beispiel die niederbayerische Marktgemeinde Wallersdorf, speziell die dortige Pfarrgemeinde. Die war all die Jahre berühmt für ihren riesigen Christbaum in der Kirche. Ein Christbaum, wie es in dieser Größe und Pracht keinen zweiten in Bayern gegeben hat. Die ganze Gemeinde musste zusammenhelfen, um ihn in die Kirche zu bringen, aufzustellen und mithilfe eines großen Gerüsts zu schmücken. Und heuer? Fällt das aus. Wie so vieles anders ist in diesem seltsamen Jahr. Und wie geht’s den Wallersdorfern dabei?

Geleucht und Gelichter

Wie finster die Welt vor der Erfindung des elektrischen Lichts einmal war, mag man sich heute kaum noch vorstellen. Nachdem Oskar von Miller 1882 die erste Fernübertragung elektrischer Energie von Miesbach nach München gelungen war, begann sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts das elektrische Licht zuerst die Städte und dann die Dörfer Mitteleuropas zu erobern. Von vielen wurde es freudig begrüßt, die wenigen, denen das Elektrisch, wie man sagte, unheimlich war, wurden als Ewiggestrige verspottet. Nur manchen, wie etwa dem Münchner Schriftsteller Lion Feuchtwanger, gelang es, das Unbehagen in Worte zu fassen. In seinem 1930 erschienenen Roman Erfolg schrieb Feuchtwanger über die Bayern und ihr Land:

"Das Wasser ihrer Flüsse verwandelte sich in Elektrizität, schlanke Masten der Überlandleitungen schwangen sich, grauglänzend, filigranhaft klar, in die leichte Luft. Ihr schöner, finsterer Walchensee mußte sich verschandeln lassen durch ein großes Werk, das Bogenlampen leuchten machen sollte und Wagen antreiben. Das Gesicht des Landes änderte sich."

Lion Feuchtwanger

Und wie es sich verändert hat. Vorbei der Zauber des kleinen Lichts, das aufstrahlt in schwarzen Nächten. Heute müssen viel schwerere Geschütze aufgefahren werden, um das omnipräsente künstliche Geleucht und Gelichter zu überstrahlen. Jetzt kann man sagen (und viele tun das auch): Wie geschmacklos: Lichtergirlanden, die Haus und Garten überwuchern, blinkende Riesensterne, gewaltige Weihnachtsmänner und Rentiere, die die Vorgärten bevölkern!

Aber waren die glänzenden Feste der finsteren Jahreszeit nicht schon immer von Exzessen geprägt? Perchtengruppen vermehren sich immer wieder unkontrolliert, die Fratzen der Krampusse und ihr Benehmen werden immer schrecklicher - bis irgendwelche Brauchtumsbewahrer kommen und dem Einhalt gebieten. Danach bleibts eine Zeitlang ruhig und gesittet, bevor langsam und allmählich neue Ungebührlichkeiten aufkommen. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit haben immer mal wieder Krippenspielschauspieler in den Kirchen gerauft, Sternsinger und Anklöpfler sich um die besten Gaben vor den Häusern geprügelt. Advent und Weihnachten sind halt schon immer Gefahr gelaufen, dass des Guten zu viel geschieht.

Nachgerade harmlos mutet da beispielsweis das amerikanische Weihnachtsuniversum im Garten einer Familie in der Haydnstraße in Bamberg an. Jeden Nachmittag um 16 Uhr gehen dort Dutzende von Gebläsen an, die die Figuren aufrichten. Um Punkt 22 Uhr gehen sie wieder aus, die Weihnachtsmänner sacken in sich zusammen, es wird still und dunkel. In den 6 Stunden dazwischen stehen die Besucher teilweise Schlange. Was die einen für geschmacklos halten, an dem freuen sich eben die andern. Ganz ehrlich und ohne Falsch…

Klosterweihnacht

Es gibt vermutlich so viele verschiedene Arten Weihnachten zu feiern, wie es Menschen gibt. Aus dem eigenen Haus und Garten einen weihnachtlichen Freizeitpark zu machen ist sicher nicht jedem gegeben. Andererseits kann man auch nicht verlangen, dass Weihnachten für jeden stille und heilige Nacht ist. Ja nicht einmal hinter der christlichen Idee muss jeder stehen. Das Fest ist schließlich älter als das Christentum. Schon in der Steinzeit hat man die Wintersonnenwende gefeiert, Babylonier, Ägypter, Griechen Römer - alle haben zu dieser Zeit die Geburt des höchsten Herrn gefeiert. Bei den Ägyptern und später Griechen und Römern hieß dieser Gott, der als sein eigener Sohn jedes Jahr aufs Neue zur Wintersonnenwende zur Welt kam Horus, Aion, Harpokrates oder Dionysos. Er galt als der personifizierte Kosmos, als Weltaltergott, dem die Aionen, die Äonen, also Werden und Vergehen im Jahreslauf und natürlich Zeit und Ewigkeit, die Geburt der Zeit schlechthin unterlagen.

Übrigens: Der Name Horus ist verwandt mit dem indoeuropäischen Wort y-or, das soviel bedeutet wie Zeit, Jahreslauf. Im Griechischen bedeutet hora Jahreszeit und Tageszeit. Bei den Römern wandelte sich die Wortbedeutung in Stunde. Unsere deutschen Wörter Uhr und Jahr haben also tatsächlich eine uralte Geschichte...

Aber zurück zu unserem Thema. Obwohl die Wurzeln des Feierns älter sind als das Christentum und heute auch zahlreiche Leute Feiern, die mit dem Christentum gar nichts oder auch gar nichts mehr am Hut haben – Weihnachten in seiner heutigen Form gibt es nur christlich. Und da schadet es nix einmal zu den, wenn man so will, Profis zu schauen. Das Wort ist gar nicht so unangebracht. Profi kommt vom Lateinischen professio und das bedeutet zunächst einmal Bekenntnis zu oder Hingabe an etwas, später dann eben auch: Beruf, Kunst und Gelübde. Ein Professor zum Beispiel ist einer, der sich ganz und gar seinem Forschungsgebiet hingibt, seine Sache professionell betreibt. Und ein Mönch legt die ewige Profess ab und verspricht damit, sein Leben ganz und gar Gott zu weihen. Und dieser Gott kommt jetzt zur Welt, auf die Welt, in die Welt, er wird Mensch. Trotzdem hat der Abt in Bayerns altehrwürdiger Benediktinerabtei Scheyern noch Wünsche…

Zum Schluss ....

Weihnachten ist nicht von ungefähr ein Mehrzahlwort. In drei Tagen ist Winteranfang, die Thomasnacht, die längste des Jahres - und damit fängt ja eigentlich schon das Neue Jahr an, auch wenn sein kalendarischer Beginn dann noch zwölf rauhe Nächte auf sich warten lässt. Zwölf lange Nächte, heilige Nächte, Weih-Nächte.

Schon die allerersten Menschen haben die Zeit des kürzesten Tags und der längsten Nacht als geweihte, heilige, als besondere, aus dem Alltag herausgehobene Zeit begangen. Das Lebensrad, der Jahreskreis dreht sich unaufhörlich - und doch gibt es den einen Punkt der Gegenwart, den einen Augenblick, an dem sich das Jahr, an dem sich alles wendet. Es ist die Zeit, in der die Zeit kurz einhält – wenn auch nur in der Vorstellung. Vorher: Vergangenheit - Zeit, die nicht mehr existiert. Nachher Zukunft, Zeit die noch nicht existiert. Dazwischen die einzige Zeit, die es wirklich gibt, der winzigkleine Augenblick der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft gewissermaßen zusammenfallen. Und damit alle Gegensätze: Hell und Dunkel, Plus und Minus, Tag und Nacht.

Wenn man sich das so recht bewusstmacht, kann einem leicht schwindlig werden. Das ist auch den mittelalterlichen Philosophen nicht anders gegangen. Sie haben für diesen einzig existierenden Zeit-Punkt den Begriff Augenblick geprägt. Augenblick bedeutet ja nicht nur die jeweilige Gegenwart, sondern konkret auch Ansehen, Anblicken. Gemeint ist damit: Gott sieht alles. Alle Geschöpfe existieren nur durch diesen Anblick Gottes. Sie kommen nur aus seiner Sicht zur Welt, deswegen, weil er sie ersehen hat.

Solche Metaphern weisen weit zurück in die Antike, wo der Gottessohn Horus seinem (jedes Jahr im Winter gestorbenen) Vater Osiris sein Falkenauge gibt, wodurch dieser (jedes Jahr aufs Neue) geboren wird als sein eigener Sohn, wobei er sich selbst als Gest die Seele einhaucht. Die Philosophen des Mittelalters aufgrund dieser heiligdreifaltigen Übereinstimmung das dreieckige Horusauge als Bild für das Auge Gottes übernommen. Heidnische Herkunft? Kein Problem! Man kanns ja wahrscheinlich nicht besser ausdrücken, dieses Wunder der Zeit und des Lebens: Wenn in dem einen Augenblick Gottes das Früher und das Später, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenfallen und die Ewigkeit geboren wird. Weihnachten eben.

Ja, und da hat viel Platz - Geschmackloses und Großes gradso wie wohlbedachtes Kleines. Und Einfältiges ebenso wie einfach Geschmackvolles oder Gedankenloses. Die Ewigkeit hat ein großes Herz.


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