Bayern 2


12

Ausflug in eine Welt der Ideen Yoko Ono zum 85. Geburtstag

Es gab Zeiten, da war sie die meist gehasste Frau der Welt. Nach Lennons Tod wurde sie zur berühmtesten Witwe: Yoko Ono. Mit beidem wird man ihr nicht gerecht. Zum 85. Geburtstag der vielleicht bekanntesten unbekannten Künstlerin der Welt.

Stand: 31.01.2018

Jeder kennt ihren Namen, doch wenige wissen, was sie eigentlich macht. Am 18. Februar wurde Yoko Ono - Provokateurin, Aktivistin, Gründerin einer Kunstbewegung - 85.

Zum Beispiel in die Upper Westside, 72. Straße, direkt am Central Park. Das Dakota Building ist eine Luxusadresse, Dirigent Leonard Bernstein hat hier gewohnt, Sting, oder Frankenstein-Monster Boris Karloff. Vor den schweren Flügeltüren: die klickenden Kameras der Touristen. Yoko Ono bekommt davon nichts mit. In Socken begegnen wir ihr in ganz realen Räumen, am Tisch neben ihrer gelben Einbauküche und im Flur, in dem ihre Gemäldesammlung hängt. Wir betreten aber auch virtuelle Räume, in denen Künstlerinnen wie Peaches ihre Songs remixen und davon erzählen, wie die alte Lady bis heute die Kunstwelt prägt. Und Räume voller Geräuschcollagen und Fluxuskunst, in denen wir in „Grapefruit“ lesen und in dem Buch für "Instructions and performances", das einen Einblick gibt in die Ideenwelt der Konzeptkünstlerin:

Sammelstück
Sammle Geräusche im Kopf, die du während der Woche überhört hast. Wiederhole sie im Kopf in verschiedener Reihenfolge an einem Nachmittag.

Viele von Yokos Ideen sind in „Grapefruit. A book of instructions and drawings“ versammelt, die Konzeptkunstbibel, deren Botschaft ist: „Das Leben ist Kunst! Kunst ist Leben!“ Sie ist voller Ideen, zum Nachdenken, Umdenken, Weiterdenken.

Sonnenereignis.
Beobachte die Sonne, bis sie viereckig geworden ist.

Hintergründige und ganz oder scheinbar profane Anweisungen für den Alltag und für kleine Performances. Und „Grapefruit“ ist 1964, als das quadratische, dicke Buch gedruckt wird, eine Provokation. Unfertige Kunst – ein starkes Stück!

Streichholzstück
Zünde ein Streichholz an und schau hin, bis es erlischt.

Heute mag dieses Konzept fast schon vertraut erscheinen. Aber in den 50er, 60er Jahren tut man das ab – als Spinnerei. Und doch ist eine kleine Gruppe von Künstlern mit so viel Leidenschaft dabei, dass sie daraus eine ganze Kunstbewegung erschafft.

Schlafstück I
Schreib all die Dinge auf, die du erledigen willst. Bitte andere, all diese Dinge zu erledigen und schlafe bis sie damit fertig sind. Schlaf solange du kannst.

Konzeptkunst ist eine kleine Revolution, das Herzstück von Fluxus. Und Yoko Ono die treibende Kraft. Immerhin war sie vielleicht eine der ersten, die überhaupt mit diesem Konzept experimentiert. Klaus Voormann, "fünfter Beatle" und ein langer Freund von John Lennon und Yoko Ono erinnert sich: "Sie hat eine Ausstellung in Berlin, da benutzte sie nur Teile einer Figur, die hat sie in eine Holzschachteln getan - da war ein Bauchnabel, oder eine Brust - und dann stand ein Behälter mit Wasser. Daneben die Aufforderung, man sollte Finger ins Wasser tun und die Körperteile berühren. Das provoziert bei einem Intellektuellen bestimmte Assoziationen, der eine sagt, was ist das für ein Scheiß, so ein Blödsinn. Und andere sagen: Ah ja, das könnte Weihwasser sein, das fühlt sich an wie ein Körper. Es bewegt etwas, es gibt dir Fragezeichen auf, es passiert was, egal was, aber es passiert was! Das ist es, was Yoko eben Kunst nennt."

Wandstück
Schlaft in Betten, die von einander durch zwei Wände getrennt sind. Flüstert miteinander.

John Lennon hat einmal gesagt: „Yoko hat Ideen wie andere Durchfall.“ Das war eine Anspielung auf „Fluxus“, die vielleicht radikalste, experimentellste Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts, eine Art Total Recall von Dada. Den Begriff hat sich Ono-Freund George Maciunas aus der Medizin geliehen. Hier heißt Fluxus „fließende Darmentleerung“. Was wiederum den Dadaisten Hans Arp dazu brachte, Fluxus als Antikunst zu bezeichnen, die „unmittelbar den Gedärmen des Dichters entspringt“.

Das Feature folgt diesen unermüdlichen Ideenströmen von Yoko Ono und erforschen, wie er bis heute Künstler und Wegbegleiter prägt und inspiriert.

Die Autorin

Jenni Roth ist Halbfinnin und arbeitet als freie Journalistin an Reportagen und Features, die sich im Spannungsfeld von Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur bewegen – und im Kleinen etwas über das Große Ganze erzählen. Lesen und hören kann man sie neben dem BR in diversen Printmedien wie etwa der ZEIT oder dem Reportagen-Magazin.

Redaktion: Ulrike Ebenbeck
Regie: Alexandra Distler
Ton und Technik: Yvonne Reitinger
Produktion: BR 2013

Hier können Sie das Manuskript zur Sendung herunterladen.


12