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Wo die Angst herkommt Ursachen von Angststörungen

Kollektive Angstreaktionen, wie z. B. die vor Schlangen, sind tief ins Unterbewusste eingebrannt. Jedes Individuum erlebt allerdings auch seine eigenen Schrecken. Und manche suchen geradezu den Adrenalinflash, Extremsportler etwa. Andere mögen die Mischung aus Faszination und Angst wie sie Horrorfilme auslösen. Angst macht im besten Fall angenehm lebendig – vor allem, wenn man sie wohldosiert auf dem Sofa erlebt.

Von: Justina Schreiber

Stand: 18.04.2018

Langer, dunkler, gemauerter Gang mit Rundgewölbe. Das Licht am Ende des Tunnels ist sehr, sehr weit weg. | Bild: picture-alliance/dpa

Das menschliche Gehirn ist ein großes Netz- und Schaltwerk. Im Laufe des Lebens macht der Mensch unentwegt neue Erfahrungen. Er lernt ständig. Aber seine Nervenzellen verknüpfen sich nicht zwangsläufig nur "richtig", also zum biologischen und psychischen Vorteil. Zu viele Einflüsse sind wirksam. Auch das Angstgedächtnis formt sich höchst komplex aus.      

Wie ein Mensch Angst erlebt, hängt von drei Faktoren ab:

Die angeborene Veranlagung

Genetische Eigenschaften liefern die Grundlage dafür, ob jemand eine eher ängstliche oder mutige Persönlichkeit entwickelt. Hier können auch transgenerationale Übertragungsprozesse eine Rolle spielen: tief traumatisierende Erlebnisse der Eltern oder Großeltern hinterlassen möglicherweise Spuren im Erbmaterial. Sie könnten eine der Ursachen sein, wenn in der Generation der Kinder oder Enkel unerklärliche Ängste auftreten. Hier steht die sogenannte Epigenetik noch am Anfang ihrer Forschung.

Erworbene Verhaltensmuster, vor allem durch Erziehung

Eltern vermitteln ihren Umgang mit dem Gefühl der Angst. Kinder lernen von ihnen, ob Angst etwas selbstverständlich Zum-Leben-Gehörendes ist oder ob es ein katastrophales Gefühl ist, das es zu meiden gilt. Sie lernen, ob Angst auch wieder weggeht oder unterschwellig immer da ist. Und ob es sich lohnt, als Gegenmittel Mut und Selbstbewusstsein einzusetzen oder nicht.

"Es ist ein Unterschied, ob mir meine Eltern etwas zutrauen, ob ich also als Kind auf den Baum raufklettern darf oder ob meine Mutter drunter steht und ruft: Komm runter, das ist gefährlich, du kannst dir was brechen! Es ist ein Unterschied, ob ich das Gefühl insgesamt bekomme, na ja, mir wird schon nix Schlimmes passieren oder ob ich auf den Weg mitbekomme: lieber nichts riskieren!"

Prof. Dr. Reinhart Schüppel, Chefarzt der Johannesbadklinik Furth im Wald

Eltern oder andere Bezugspersonen prägen Kinder in ihrem Verhältnis zum Leben. Wenn alles gut geht, vermitteln sie ihnen Urvertrauen, also das Gefühl, grundsätzlich in der Welt geborgen zu sein - was den Umgang mit Ängsten enorm erleichtert. Die moderne Bindungsforschung spricht von sicher gebundenen Kindern, wenn der Nachwuchs eine vorübergehende Trennung von Mutter oder Vater aushalten kann, ohne in Panik auszubrechen. Das Vertrauen, dass die Eltern ganz bestimmt wiederkommen werden, stärkt sie. Sicher gebundene Kinder entwickeln weitaus weniger Ängste als unsicher gebundene.

Soziale und gesellschaftliche Umstände

Wer in prekären Verhältnissen aufwächst, bekommt schon von klein auf Sorgen mit: Geld, Wohnen, Essen, Arbeiten – alles ist ein Problem. Ähnlich kann ein von Krisen gebeuteltes gesellschaftliches System zur psychischen Destabilisierung einzelner Menschen beitragen.

"In einem achtsamen Umfeld fällt es leichter, Probleme als Herausforderungen zu betrachten. Aber wenn die Luft verschmutzt ist oder abgebrannte Brennstäbe kein Endlager finden, ist es auch nachvollziehbar, dass Menschen Ängste entwickeln."

Prof. Dr. Reinhart Schüppel, Chefarzt der Johannesbadklinik Furth im Wald

Ursachensuche

Wer medizinische oder psychologische Hilfe sucht, interessiert sich vielleicht nicht vorrangig für die Ursachen seiner Panikzustände. Ein Kranführer, der eine Höhenangst entwickelt hat, will möglicherweise schnell wieder arbeiten können und nicht zuerst seine Kindheit erforschen. Trotzdem suchen Therapeuten nach den Auslösern. Denn die Hintergründe sind für die Behandlung wichtig. Manchmal hängt die Ursache der Ängste nicht mit dem Symptom zusammen. So plagen den Kranführer vielleicht Eheprobleme und seine seelische Überforderung sucht sich nur "irgendein" Ventil. Höhenangst ist nämlich ziemlich verbreitet. Obwohl die wenigsten Menschen ständig auf Kirchtürmen oder Bergspitzen zu Gange sind:

"Mit schlimmen Erfahrungen hat Höhenphobie nur äußerst selten zu tun. Es handelt sich schlicht und einfach um eine Fehlschaltung des Gehirns."

Prof. Dr. Reinhart Schüppel, Chefarzt der Johannesbadklinik Furth im Wald

Risikofaktoren für Angststörungen

Überstandene Operationen oder körperliche Leiden befördern die Ängstlichkeit. Vor allem Krankheiten, die lebenswichtige Organe wie Herz oder Lunge betroffen haben, erschüttern die Betroffenen im Nachhinein oft seelisch mehr als sie zunächst annahmen. Keine Luft bekommen zu können, die Todesangst und die Schmerzen vor einem Herzinfarkt: Die Begleiterscheinungen des schlimmen Ereignisses haben sich als lebensbedrohliche Erfahrungen ins Gedächtnis eingeprägt. Nun kann alles, was daran erinnert, Panik auslösen – sei es ein hoher Blutdruckwert, ein schneller Puls oder beginnende Atemnot.


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