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Wladimir Kaminer über Komiker in der Politik "Ich bin auf jeden Fall für die Neuen"

Den ersten Wahlgang bei den ukrainischen Präsidentschaftswahlen hat Wladimir Selenski gewonnen - ein Komiker. Der Schriftsteller Wladimir Kaminer hofft, dass er die Stichwahl am Sonntag gewinnt und findet das Wort "Komiker" abwertend.

Von: Kerstin Grundmann

Stand: 18.04.2019

Wladimir Kaminer | Bild: picture-alliance/dpa

Herr Kaminer, bei Facebook schreiben Sie, dass Sie auf einen Sieg von Wladimir Selenski am kommenden Sonntag hoffen. Warum wollen denn die Ukrainer einen völligen Polit-Neuling für das höchste Amt im Staat?

Ich glaube, die Ukrainer nutzen einfach ihr Recht, einen neuen Präsidenten zu wählen. Sie haben keine Hoffnung mehr, was die alte Elite betrifft. Und da sie diese Möglichkeit haben, wechseln sie ihr politisches Personal. Meine Landsleute schauen sehr neidisch und neugierig in Richtung Ukraine, weil sie ja noch 75 Mal ihren Putin haben. Deswegen gibt es zur Zeit überhaupt kein anderes Thema im russischen Fernsehen. Sogar der Brand in Paris hat sie nicht ablenken können von dieser spannenden ukrainischen Wahl.

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Wladimir Kaminer

Alles spricht dafür, dass in der Ukraine in einer Woche ein neuer Präsident gewählt wird: den Schauspieler Selenski, der...Gepostet von Wladimir Kaminer am Freitag, 12. April 2019

Nun wäre Selenski nicht der erste Schauspieler und Comedian, der von der Bühne in die Politik wechselt. Man denke zum Beispiel an Italien, Island, Slowenien. Wie erklären Sie sich diesen Komiker-Boom in der Parteien- und Regierungslandschaft?

Ich hatte eine Idee, dass die Komiker eine neue Internationale bilden könnten, die sechste Komiker-Internationale, um gemeinsam die Welt zu retten. Ich erkläre es mir durch die Möglichkeit. Überall haben die Leute ihr Vertrauen verloren in die politischen Eliten. Die Probleme sind ganz neu, also diese Auseinandersetzung zwischen dem Mensch der Moderne und dem Mensch der Archaik braucht, glaube ich, auch neue und ungewöhnliche Lösungen. Die alten Parteien kommen damit nicht klar. Ich glaube sogar, dass es den alten Parteien recht ist, dass die Komiker jetzt übernehmen, weil die Komiker scheitern könnten und die Parteien denken, dann kommen sie wieder zurück.

Die Komiker sind sicherlich eine sehr ungewöhnliche Lösung – sind sie die richtige Lösung?

Ich finde das Wort "Komiker" etwas abwertend, muss ich ehrlich sagen. Es gibt keine Universität, wo Präsidenten geschult werden. Wer war schon der heutige ukrainische Präsident, bevor er Präsident wurde? Er war ein Konditor, er hat Süßigkeiten gemacht. Wer war der russische Präsident, bevor er Präsident wurde? Er hat auch nicht Politologie studiert. Die Neuen sind quasi ein unbeschriebenes Blatt. Sie haben nicht bei der Taufe des Chefrichters vor zehn Jahren teilgenommen. Sie haben nicht die Verbindungen, sie waren noch nicht etabliert als Politiker, und deswegen verbinden die Menschen eben Hoffnungen mit diesen frischen Leuten. Sie denken auch, dass diese sogenannten Komiker vielleicht ein besseres Gehör haben, um das Volk auch richtig zu hören, das, was die Menschen wollen. Ob sie dann den Mut und die Chuzpe aufbringen, das auch zu realisieren, ist eine andere Frage. Aber einen Versuch ist das allemal wert. Ich bin auf jeden Fall für die Neuen.


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