Bayern 2


27

Zitterspiele Oder: Wenn die Nerven tanzen

Eigentlich wäre bald wieder Wiesnzeit, doch stattdessen heißt es weiterhin: Abstand halten. Keine Achterbahnfahrt der Gefühle, kein Nervenkitzel. Was es mit der menschlichen Freud am Überschwang oder gar Überschlag, mit der Lust an der Angst auf sich hat, davon erzählt heute das Bayerische Feuilleton.

Von: Thomas Kernert

Stand: 11.09.2021 | Archiv

Menschen tun verrückte Dinge. Man weiß das - und lässt es geschehen.  Zum Beispiel: Auf einer großen, leeren Fläche mitten im Herzen einer der teuersten Städte der Welt drei Monate lang riesige, bis zu 7000 Quadratmeter große und 15 Meter hohe Hallen aufzubauen, um diese zwei Wochen nach ihrer Fertigstellung wieder abzureißen. Und das nicht nur einmal, sondern mittlerweile schon weit über hundert Mal, jedes Jahr wieder und wieder und wieder.

Weltweit freuen sich Alle auf die Wiesn - leider auch dieses Jahr vergebens

Auch dieses Jahr bleibt die Theresienwiese wegen der Corona-Pandemie leider leer

Und immer wieder kam mit dieser verrückten Wiesn-Aufbau-Aktion ein großes Zittern in die teure Stadt um jene große Fläche herum. Und in das Land um diese teure Stadt herum. Und in die Länder um dieses Land herum. Und in die Kontinente um diese Länder herum: Ob in Aubing, Augsburg oder Australien: Es pochten die Herzen, es scharrten die Hufe, es lechzten die Kehlen, es wurden die Tage, die Stunden, die Sekunden gezählt ... bis - ja bis im Jahr 2020 der weltweite, pandemiebedingte Shutdown alledem ein Ende setzte.

Der Mensch braucht Abwechslung vom grauen Alltag

Ganz offensichtlich braucht der Mensch Betätigungen und Belustigungen, bei denen er nicht normal, nicht alltäglich, nicht grau sein muss, sondern bunt sein darf. Zustände, in denen sein vegetatives Nervensystem zwei Gänge hochschalten kann, wodurch das Herz rascher schlägt, der Atem tiefer geht und im Magen tausend Ameisen herumkrabbeln. Und wenn dann auch noch die Extremitäten vom so genannten "physiologischen Tremor" ergriffen werden, dann ...

Viele Facetten des Nervenkitzels

Bungee-Jumping bringt die Nerven zum Zittern und erhöht die Herzfrequenz um ein Vielfaches

Angstlust gehört heute sicherlich zu den populärsten Lüsten. Die Sofanudel zieht sich einen "Tatort" rein, der Risikofetischist geht zum Bungee-Jumping oder bewirbt sich bei der Bundeswehr. Dazwischen liegen viele Facetten des Nervenkitzels. Relativ harmlos, dafür aber real und in Echtzeit erfahrbar, sind Achterbahnen, Geisterbahnen und all die anderen Apparaturen, die der postmoderne Rummel zu bieten hat.

Erst die Achterbahn bringt das Bier zum Schäumen!

Eine echte Zitterpartie - die Achterbahnfahrt

In Bayern gehört das Volksfest seit Jahrhunderten zu den beliebtesten Gemeinschaftserlebnissen überhaupt. Veranstaltungen wie das Straubinger Gäubodenvolksfest, die Würzburger Kilianimess, der Augsburger Plärrer oder die Münchner Wiesn genießen Weltruf.

Natürlich spielt der Gerstensaft auf ihnen eine tragende Rolle, kommt jedoch erst dann wirklich zum Tragen, wenn man ihn in einer Achterbahn, einer Geisterbahn oder anderen Apparaturen zum Schäumen und damit die Nerven "zum Tanzen bringt".

Erst dann entwickelt sich schon ein harmloses Nostalgie-Karussell  in ein veritables Zitterspiel (nicht zu verwechseln mit dem Zitherspiel eines Herzog Max Joseph und auch nicht mit dem Ritterspiel zu Kaltenberg). Erst dann mischt sich die Angstlust unters Volk auf seinem Fest!

Nur wer zittert, lebt

Menschen tun verrückte Dinge. Und das ist gut so. Zittern hält jung, so lange es genossen wird und zu keinen posttraumatischen Stressstörungen führt. Nur wer zittert, bebt. Nur wer zittert, lebt.

Sicherlich, es gibt auch andere, sehr wertvolle muskuläre Aktivitäten, spazieren gehen, schwimmen, arbeiten, beten. Sie alle helfen gegen Langeweile. Aber machen sie auch genauso viel Spaß?


27