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Sicherheit garantiert? Wie verlässlich sind Früherkennung und Co?

Früherkennung, Vorsorge und Prävention sind wichtig. Sie sind wichtig, um Krankheiten vorzubeugen oder sie rechtzeitig behandeln zu können. Ein Garant für Gesundheit sind sie jedoch nicht.

Von: Sabine März-Lerch

Stand: 26.11.2018

Eine Mutter mit ihren beiden Töchtern beim Hausarzt | Bild: picture-alliance/dpa

Mit dem Schlagwort "Gesundheits-Check: Sicherheit ab 35" wird mancherorts für Vorsorge geworben. Doch darf es dabei bleiben?

"Keine Vorsorge bringt 100 Prozent Sicherheit, wir decken ja nur einen Bruchteil der Krankheiten ab. Ein Beispiel: Lunge und Bauchspeicheldrüse haben mit der Vorsorge nichts zu tun. Und man muss dem Patienten schon sagen, dass auch die GU 35 kein 'gründlicher' Check ist im Sinne eines Gesundheits-TÜV, nach dem man sich sicher fühlen kann."

Prof. Jörg Schelling

Auf die Bereitschaft der Patienten kommt es an

Jeder gesetzlich Versicherte hat (im entsprechenden Alter) einen Anspruch auf die Gesundheitsuntersuchung. Die Teilnahme an diesem kostenlosen Vorsorgeprogramm der gesetzlichen Krankenkassen ist freiwillig. Aber:

"Nur gut ein Drittel der Versicherten nimmt den Anspruch wahr. Gehen wir pfleglicher mit unserem Auto um als mit unserer Gesundheit?"

Prof. Jörg Schelling

Wer kommt eher zur Gesundheitsuntersuchung?

"Es sind immer eher die Frauen, die kommen. Weil Frauen eine bessere Selbstwahrnehmung haben, weil sie in der Familie für die Gesundheit zuständig und auch über ihre Kinder mehr im Vorsorgerhythmus drin sind. Das Selbstverständnis einer Frau für ihren Körper ist einfach aufmerksamer, kritischer. Es ist ein Klischee, aber auch statistisch wahr: Männer haben keine Zeit, keine Lust, wollen ihr Image als ‚ganzer Kerl‘ aufrechterhalten. Das sind so weiche Faktoren. Ich höre viel öfter, dass ein Mann kommt und sagt seine Frau habe ihn motiviert, als dass eine Frau sagt, ihr Mann habe sie geschickt."

Prof. Jörg Schelling

Eigenverantwortung

Wer regelmäßig an Früherkennungsmaßnahmen wie der Gesundheitsuntersuchung 35 teilnimmt, darf nicht übersehen, dass er für Vorsorge und Prävention selbst verantwortlich ist. Die Ganzkörperuntersuchung bei der Früherkennung ersetzt nicht die Ertüchtigung des Körpers z.B. durch Sport als Vorsorge und Prävention. Kein Mensch hat einen "Rechtsanspruch" auf Gesundheit, kein Arzt kann eine hundertprozentige Vorhersage treffen, niemand kann Sicherheit für ein gesundes Altern garantieren – auch nicht mit regelmäßigen Check-ups. Aber es gibt ein menschliches Bedürfnis nach Sicherheit. Mit dem andere wiederum spielen:  

"Das treibt grauenvolle Stilblüten: z.B. Ganzkörper-MRTs wie bei Raumschiff Enterprise - einmal hinlegen und komplett durchscannen lassen. Oder z. B. Herz-Computertomographien ohne Indikation, da gibt es furchtbare Dinge, das sind hunderte von Röntgenbildern, die durch die Leute durchgeballert werden ohne Grund. Und dann kommt noch der ganze große Bereich der Altersmedizin, wo den Patienten dann Hormonpräparate und Vitalisierungsstoffe um die Ohren gehauen werden, damit sie versuchen können, den Alterungsprozess aufzuhalten, und natürlich den Leuten der letzte Mist verkauft wird."

Prof. Jörg Schelling

Große Radiologie-Praxen in großen Städten bieten ihren Kunden unter dem Motto "Nutzen Sie die modernen Möglichkeiten der individuellen Früherkennung!" die Ganzkörper-Magnetresonanztomographie (MRT) an. Das Argument: die MRT leiste eine sorgfältige Früherkennungsuntersuchung des ganzen Körpers. Ergänzend wird eine Ganzkörper-MR-Angiographie angeboten, die mittels Kontrastmittel die Darstellung der Arterien ermöglicht. Warum also beim Hausarzt nur an der GU 35 teilnehmen und z.B. den Cholesterinwert bestimmen lassen, wenn man dort auch gleich den ganzen Körper checken kann?

"Eine Lanze für die Hausarztpraxis brechen"

"Ich möchte hier eine Lanze für die allgemeinärztliche Hausarztpraxis brechen: Was aus meiner Sicht die Sicherheit ausmacht ist die Bindung an eine Hausarztpraxis: Wenn man über viele Jahre immer wieder, und wenn es auch nur für ein paar Minuten ist, einen Menschen trifft, der einen auch fachkundig berät und einen beurteilt, dann ist das schon ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor, den man nicht unterschätzen darf, die kontinuierliche Arzt-Patienten-Beziehung ist da also ein ganz entscheidender Faktor. Weil unabhängig von der GU gibt es ja davor und danach Termine wegen Schnupfen…, wegen Bauchschmerzen…, wegen Krankmeldung oder was auch immer – an all diesen Terminen gibt es ja die Chance zu fragen. Das heißt für mich: Ein kontinuierliches Arzt-Patienten-Verhältnis, ein vernünftiges Selbstverhalten, Selbstuntersuchungen, Partneruntersuchungen und überhaupt das Wahrnehmen der Vorsorge ist die größtmögliche Sicherheit, die man haben kann. Nichts ist sicher im Leben, mehr Sicherheit können wir nicht bieten."

Prof. Dr. Jörg Schelling

Wer ist zuständig für Vorsorge und Prävention?

"Selbstvorsorge ist sehr wichtig. Dazu gehört auch das ganze große Thema der Selbstuntersuchung: ob das das Abtasten der Brust oder der Hoden ist, oder beim Partner und der Partnerin die Haut anzuschauen. Der Patient sollte ein gesundes Leben führen, Rauchen ist immer noch eins der größten Probleme. Man kann nicht sagen, ich geh wohin, jemand schaut mich an und dann ist alles erledigt. Es ist ja nur ein Tag im Jahr, nur ein Tag im Leben."

Prof. Dr. Jörg Schelling


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