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Wie Künstlerpaare ihre Beziehung leben „Andere Leute wären schon hunderttausendmal geschieden“

Wie führt man eine glückliche Beziehung - besonders wenn beide Partner Künstler sind? Sechs Künstlerpaare erzählen vom Verlieben, Streiten und der gemeinsamen Arbeit. Dabei geben sie tiefe Einblicke – auch in ihr Beziehungsgeheimnis.

Von: Sandra Hoffmann

Stand: 19.06.2020

Streiten geht gar nicht. Ach wirklich? Die Künstlerpaare, mit denen die Schriftstellerin Sandra Hoffmann gesprochen hat, streiten sich oft und heftig. Aber das ist für die meisten kein Problem – im Gegenteil. Die Fähigkeit, sich sehr bewusst auseinander zu setzen, ist vielleicht sogar das Geheimnis einer langjährigen Beziehung. Sechs Künstler*innenpaare erzählen von ihren gemeinsamen Lebens- und Arbeitsbeziehungen. Wie haben sie sich kennengelernt? Wie leben und wie arbeiten sie miteinander? Welche Krisen haben sie durchgestanden? Was hat das für eine Bedeutung für ihre Beziehung? Die sechs Paare geben erstaunlich persönliche Einblicke in ihre künstlerische Arbeit und ihre Privatleben und verraten dabei das eine oder andere Beziehungsgeheimnis.

EVA & ADELE

Das Berliner Künstlerpaar EVA & ADELE.

Das Berliner Künstlerpaar EVA & ADELE ist vor allem bekannt durch Performanceauftritte. Daneben arbeiten sie aber auch mit Fotografie, Video und Malerei. Sie treten für eine Geschlechtsidentität ein, die sich nicht durch Gesellschaft definiert, sondern frei wählbar ist. Adele sagt: "Wir sind sozusagen aneinander gekettet durch die Erscheinung EVA & ADELE und das Werk EVA & ADELE. Wir wollen in keiner Weise das Werk gefährden – schon als Künstlerinnen nicht und auch nicht als Menschen. Deswegen ist unsere Beziehung so irrsinnig radikal. Wir sagen uns alles. Ich glaube andere Leute wären schon hunderttausendmal geschieden." Eva meint: "Wenn man die Entscheidung trifft, transgender zu leben, dann ist das schon ein großes Abenteuer. Als wir damit begonnen haben, wussten die Transgender-Leute selbst noch nicht einmal, was das eigentlich ist. Es gab auch sehr viele Leute, die uns gemobbt haben. Wir haben also die volle Härte erlebt."

Katharina Adler & Benjamin Fröhlich

Autorin Katharina Adler und DJ Benjamin Fröhlich aus München.

Katharina Adler ist Schriftstellerin und wurde bekannt mit dem Roman "Ida". Darin erzählt sie die Geschichte ihrer Urgroßmutter Ida Bauer, die eine Patientin des bekannten Psychoanalytikers Sigmund Freud war. Benjamin Fröhlich ist DJ und Plattenproduzent, er betreibt das House-Label Permanent Vacation. Die beiden leben in München. Benjamin sagt: "Wir waren in der Paartherapie. Das war tatsächlich auch sehr hilfreich, weil da wir ein paar Mechanismen durchschauen konnten, in die man dann schnell hineingerät und die wir jetzt wieder durchbrechen können. Ohne das wäre es tatsächlich kritisch gewesen." Katharina meint: "Da gab es das Bild, dass unsere Beziehung noch auf Windows 98 läuft – wir aber im Jahr 2019 leben. Und dann haben wir sozusagen ein Update gebraucht, von unserem Betriebssystem."

Alexander Hacke & Danielle de Picciotto

Alexander Hacke & Danielle de Picciotto führen als Musiker- und Künstlerpaar ein modernes Nomadenleben.

Alexander Hacke und Danielle de Picciotto sind seit 2006 verheiratet. Er ist Bassist bei den Einstürzenden Neubauten, sie arbeitet als Muldimediaküntlerin und hat 1989 die erste Loveparade mit initiiert. Danielle sagt: "Was ich wirklich toll fand: Dass Alex trotz seiner Lebenskrise und vielleicht Midlife-Crisis sich eben nicht eine 18-Jährige geholt hat – wie sehr viele andere Männer, die wir kennen. Er hat den Schwachpunkt nicht in der Beziehung gesehen, sondern hat verstanden, dass es etwa mit seiner eigenen Auseinandersetzung mit dem Leben zu tun hat. Das hat meine Achtung ihm gegenüber noch höher steigen lassen". Alexander entgegnet: "Für mich ist immer klar gewesen: Nach Danielle kommt nichts mehr. Und das ist für mich immer noch klar. Das ist überhaupt gar keine Frage."

Lotte Lindner & Till Steinbrenner

Lotte Lindner und Till Steinbrenner – Künstlerpaar für Performance und Installation aus Hannover.

Lotte Lindner und Till Steinbrenner leben und arbeiten in Hannover. Ihr gemeinsames Werk bewegt sich zwischen Installation und Performance. Till sagt: "Es gibt jeden Tag Krisen. Es gibt jeden Tag auch Streit, wir streiten viel. Wenn man eng zusammen lebt und viele Entscheidungen trifft, die auch das gemeinsame Leben und Werk betreffen, dann meint man es auch ernst. Und wenn man es erst meint, streitet man auch". Lotte entgegnet: "Ich glaube: Unbedingt dazu gehört, so aufrichtig sein wie möglich. Über Streit hat jeder für sich die Möglichkeit zu merken, wann er nicht aufrichtig ist. Und das hat gar nicht so viel mit Aufrichtigkeit dem anderen gegenüber zu tun, sondern viel mehr mit der Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber."


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