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Loriot, haben Sie das wirklich gesagt?! Wie das Internet mit Zitaten umgeht

In den sozialen Medien verbreitet sich seit gestern ein angebliches Zitat von Loriot. Wer wirklich dahinter steckt, ist aber noch unklar. Der Fall zeigt wieder einmal, wie wichtig es ist, auch im Internet die Quellen zu hinterfragen.

Von: Marlene Mengue, Bayern 2 Digitalredaktion

Stand: 12.05.2020

Loriot auf der berühmten Couch | Bild: picture-alliance/dpa

Bei Twitter wurde am Anfang dieser Woche sehr oft ein Zitat geteilt:

"Intelligente suchen in Krisenzeiten nach Lösungen, während die Idioten nach Schuldigen suchen."

Zitat bei Twitter

Es ist ein geradezu perfektes Zitat in der aktuellen Krise – besonders unter dem Eindruck der vielen „Hygiene-Demos“, bei denen am Wochenende Tausende in deutschen Städten gegen die Einschränkungen durch Corona protestierten.

Loriot ist ein Social-Media-Liebling

Noch passender kommt einem das Zitat vor, weil es von einem der zweifellos beliebtesten Deutschen zu kommen scheint: vom Komiker Loriot. Er wurde in zahlreichen Tweets, auch von Wissenschaftlern und Politikern, als Zitatgeber genannt. Dass ausgerechnet der 2011 verstorbene Humorist etwas gesagt haben soll, das nun perfekt zur Stimmung passt, wäre fast zu schön, um wahr zu sein. Genauer gesagt: Es WAR zu schön, um wahr zu sein.

Der Tweet wurde oft geteilt und auch in anderen sozialen Medien verbreitete sich das Zitat. Viele User teilten fleißig mehr oder weniger hübsche Zitattafeln, versehen mit den Worten „frei nach Loriot“.  Aber ziemlich schnell meldeten sich auch skeptische User, die fragten: „Gibt es dazu eine Quelle?“ Sie waren misstrauisch, denn: „Das klingt so gar nicht nach Loriot“, wie ein User meinte.

Facebook kann vieles gut – übersetzen gehört nicht dazu

Auch wir, das Digitalteam von Bayern 2, haben das Zitat auf einer Bildtafel geteilt. Zu sehen war Loriot, im Teasertext hatten wir noch vermerkt: „Dieses Zitat wird Loriot zugeschrieben.“ Kurze Zeit später haben wir den Post aber wieder gelöscht.

Denn ungefähr zeitgleich meldete sich bei Twitter Bernd-Christoph Kämper zu Wort. Er ist Bibliothekar an einer Stuttgarter Universitätsbibliothek, und von Berufs wegen auf Quellenrecherche spezialisiert. Kämper hatte das angebliche Loriot-Zitat gefunden und sich gewundert: „Loriot wäre viel zu vornehm gewesen, das Idiot-Wort in den Mund zu nehmen.“ Auf Facebook fand er eine mögliche Fehlerquelle. Die linke sozialdemokratische italienische Partei Articolo 1 postet am 7. Mai:

"Totò disse che in tempo di crisi gli intelligenti cercano soluzioni mentre gli imbecilli cercano colpevoli."

Also: "Totò - ein bekannter italienischer Schauspieler - sagte, dass in Krisenzeiten die Intelligenten nach Lösungen suchen, während die Schwachköpfe nach Schuldigen suchen."

Facebook hat eine eigene Übersetzungsfunktion. Es erkennt automatisch Fremdsprachen und übersetzt – meist eher schlecht als recht – in die Sprache des jeweiligen Users. Auch dieses Mal macht Facebook einen Fehler: In der automatischen Übersetzung übersetzt es Totò mit Loriot! Der neapolitanische Humorist Totò wird also in den deutschen Vicco von Bülow alias Loriot umgewandelt. So, als wäre das Motto: Komiker sind doch überall gleich, finden wir einfach den nächstbesten, der für das deutsche Publikum passt.

„Kuckuckszitate“ verbreiten sich schnell

Im Zuge seiner Recherche findet der Bibliothekar Bernd-Christoph Kämper übrigens noch weitere angebliche weise Männer, denen das Zitat zuzuordnen ist: Dem griechischen Astronom Hipparch von Nicäa (130 v. Chr.) zum Beispiel. Die Twitter-Community ist gut vernetzt, und so wendet sich Kämper an Gerald Krieghofer. Der arbeitet für die Österreichische Akademie der Wissenschaften und betreibt privat einen Blog über sogenannte Kuckuckszitate, also Zitate, die den falschen Leuten untergejubelt werden.

"Gute Witze und starke Sprüche werden sehr oft aus Spaß oder irrtümlich oder um zu manipulieren einer Autorität untergeschoben."

Gerald Krieghofer, Zitatexperte

So verbreiten sich Falschzitate schnell in den sozialen Medien. Der Spruch sei besonders gut geeignet dafür gewesen, weil er in die aktuelle Situation wie die Faust aufs Auge passt. Ob nun Totò, Loriot, oder ein Astronom aus dem alten Griechenland diesen weisen Satz von sich gegeben hat, erscheint den Usern zweitrangig.

"Dass es besser ist, nach Lösungen zu suchen und nicht nach Schuldigen, steht so ähnlich seit Jahrzehnten in vielen Ratgeberbüchern."

Gerald Krieghofer, Zitatexperte

Gerald Krieghofer konnte das Zitat so gut es ging nachverfolgen: Am 25. März postete es ein User aus dem spanischsprachigen Raum, allerdings ohne eine Quelle zu nennen. Es verbreitete sich auch in den italienischsprachigen Raum hinein, wo dann wahrscheinlich die Übersetzung von Facebook dafür sorgte, dass das Zitat plötzlich Loriot zugeschrieben wurde. Wie die italienischen Nutzer auf Totò als Zitatgeber kamen, ist noch nicht klar. Auch bei diesem Humoristen lässt sich nicht nachweisen, dass er es wirklich gesagt hat.

Quellenkritik ist auch im Internet wichtig

Wenn wir herausfinden, von wem das Zitat kommt, aktualisieren wir selbstverständlich diesen Artikel. Fakt ist: Wieder einmal ist deutlich geworden, dass die größte Stärke des Internets auch seine größte Schwäche ist: Jeder darf sich äußern, und zwar ohne es mit den Quellenangaben allzu streng zu sehen.

Helfen Sie mit!

Haben Sie einen Nachweis, woher das Zitat stammen könnte? Wir freuen uns über Hinweise. Wenden Sie sich an entdecken@bayern2.de


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