Bayern 2


19

Das Krankheitsbild Wie Alzheimer das Gehirn verändert

Auslöser von Alzheimer sind Eiweiße wie Amyloid und Tau, die die Funktion und Struktur der Nervenzellen schädigen.

Stand: 16.09.2019

Auslöser von Alzheimer sind Eiweiße wie Amyloid und Tau. Sie bilden Klumpen im Gehirn und schädigen die Nervenzellen - im Bild: Neurodegeneration - Foto einer grafischen Darstellung | Bild: picture-alliance/dpa

Symptome

Der Betroffene benötigt zunächst Unterstützung bei anspruchsvollen Aufgaben (z.B. Bankgeschäfte, Steuererklärung). Zu Beginn ist die Demenz nicht selten von einer Depression begleitet. Die Symptomatik nimmt meist langsam zu. Doch es gibt große Unterschiede von Patient zu Patient. Im Stadium der mittelschweren Demenz benötigt der Betroffene auch Hilfe bei einfacheren Tätigkeiten (z.B. Hygiene, Anziehen, Aufräumen und Einkaufen). Bei einigen Patienten können in dieser Phase Angst, Aggressivität und Halluzinationen auftreten. Die dritte Phase der schweren Demenz bedeutet, dass der Patient eigentlich bei allen Aufgaben Hilfe braucht. Doch die subjektive Belastung für Patient und Betreuer kann abnehmen, da der Betroffene ruhiger wird und subjektiv weniger unter seinen Einschränkungen leidet.

Klassifikation

Vorstufe I: z.B. Alzheimer-Krankheit, also die typischen Eiweißablagerungen, noch ohne Beschwerden und messbare Probleme

Vorstufe II: leichte Gedächtnis- oder andere Störungen (Mild Cognitive Impairment)

Leichte Demenz:

  • man benötigt Hilfe im Alltag bei komplexen Angelegenheiten, die früher selbstständig erledigt werden konnten
  • nicht selten überlagert von einer Depression

Mittelschwere Demenz:

  • Hilfe bei einfacheren Alltagsverrichtungen notwendig
  • kann begleitet sein von Störungen der Wahrnehmung und des Verhaltens

Schwere Demenz:

  • braucht Hilfe rund um die Uhr

Woher kommt Alzheimer?

Grundsätzlich lagern sich bei der so genannten Alzheimer-Krankheit unterschiedliche Eiweiße im Gehirn ab. Die bekanntesten heißen Amyloide. Sie lagern sich zwischen den Nervenzellen ein, bilden Kugeln, so genannte Plaques. Ein weiteres beteiligtes Eiweiß ist das Tau, das die Nervenzellen in Form fadenförmiger Knäuel ausfüllt. Ganz grob kann man sagen, je mehr Amyloid und Tau, desto stärker ist die Funktionsstörung der Nervenzellen.

"Wir brüten alle die Alzheimer-Krankheit aus. Schon in der Kindheit haben wir Eiweiß-Ablagerungen, die unerwünscht sind. Zunächst stören sie wenig, aber im Laufe eines langen Lebens immer mehr."

Professor Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München

Woher kommen die Amyloide?

Amyloide werden aus einem Vorläuferprotein gebildet, dem Amyloid-Präkursor-Protein (APP). Es ist länger als das Amyloid und ist wie Klebstoff, der Nervenzellen miteinander verbinden kann.

"Das APP ist mit dafür verantwortlich, dass wir lernen können, dass wir Dinge aus dem Kurzzeitgedächtnis überführen können ins Langzeitgedächtnis. Das Kurzzeitgedächtnis ist ein elektrochemischer Schwingungszustand des Gehirns, das Langzeitgedächtnis ist Hirnarchitektur. Wenn ich mir was merken will, dann muss das Spuren im Hirn hinterlassen und das schaut so aus, dass sich Nervenzellen verbinden, so genannte synaptische Knöpfchen bilden."

Professor Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München

Da unser Gehirn sich aber ständig im Umbau befindet, werden Nervenzellverbindungen immer wieder auch gekappt. Dabei werden die klebstoffartigen langen Eiweißbänder durchtrennt. Was übrig bleibt, kann dann im ungünstigsten Fall irgendwann Alzheimer verursachen.

"Man weiß, dass weniger das einzelne Amyloidmolekül, sondern so genannte Oligomere, Bällchen aus ein paar Dutzend dieser Eiweiße, in dem synaptischen Spalt zwischen den Nervenzellen herum randalieren und Schaden anrichten."

Professor Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München

Dabei haben die Forscher noch nicht ganz verstanden, was dabei genau passiert und wie es vor sich geht, dass Nerven im Gehirn dabei zerstört werden.

"Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem Nervennetzwerke nicht mehr neu gebildet und angesteuert werden können, sodass Lernen und Erinnern beeinträchtigt werden."

Professor Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München

Was nützt? Was schadet?

Insbesondere negativer Stress, ist unserem Gehirn auf Dauer nicht zuträglich und erhöht das Demenzrisiko:

"Ich kann mir aussuchen: Womit beschäftige ich mein Gehirn? Schau ich mir einen Horrorfilm an oder gehe ich in die Vorlesung? Unterhalte ich mich mit anderen Leuten oder bevorzuge ich einsamere Tätigkeiten? Mache ich etwas, das mir sinnvoll erscheint oder setze ich mich einfach nur unangenehmem Stress aus?"

Professor Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München

Stress und Depression

Wer sein Gehirn überfordert und sich selbst beispielsweise zu einer Tätigkeit zwingt, auf die man selbst keine große Lust hat und die einen nur stresst und unzufrieden macht, dann ist der Nährboden für eine Depression gelegt.

"Man weiß, dass diese Art von Stress und eine Depression Gift sind fürs Gehirn."

Professor Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München

Die Rolle von Kortison

Andererseits tut jedem Menschen Stress in gewissem Umfang gut, im Sinne einer Herausforderung im Leben. Wer unterfordert ist, kann ebenso depressiv werden, wie jener, der sich anhaltend überfordert. Dadurch kann das Gehirn regelrecht zurückgebaut werden. Schuld daran ist auch eine langfristige Erhöhung des körpereigenen Stresshormons Kortison.

"Was man ganz klar weiß: Bei einer Depression herrscht ein hoher biochemisch ungünstiger Stress im Gehirn und das Hirn wird buchstäblich in Kortison gebadet, über Monate, vielleicht sogar über Jahre. Kortison wirkt bei einer Entzündung sofort heilend, wenn man es sich auf die Haut schmiert Man weiß aber auch, dass bei zu langer Anwendung die Haut immer dünner wird. Genauso ist es im Gehirn auch. Das verliert tatsächlich an Substanz. Es wird bei einer lang andauernden, schweren Depression immer schmächtiger."

Professor Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München

Nervenwachstumsfaktoren

Zur schädlichen Kortisonausschüttung kommt, dass depressive Menschen zu wenig Nervenwachstumsfaktoren haben. Diese werden gebraucht, um neue Nervenzellen bilden zu können und um Nervenzellenfortsätze zu entwickeln, die wir zum Lernen benötigen. Wer keine Nervenwachstumsfaktoren hat, kann sich nichts mehr merken.

Antikörper

Der gesunde Mensch bildet permanent Antikörper gegen Alzheimer. Es gibt Hinweise darauf, dass die eigene Antikörperproduktion bei Depressiven nachlässt. 

"Depressive schlafen meistens schlecht. Der Tiefschlaf ist aber die Phase, wo wir aus dem Gehirn unerwünschte Eiweiße ausspülen. Wenn ein Mensch nicht richtig schläft, dann bleibt das Eiweiß im Gehirn stecken, lagert sich vermehrt ab."

Professor Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München

Weitere Ursachen für Alzheimer:

  • ungünstige Gene, die dafür sorgen, dass der Körper etwas mehr Amyloid produziert
  • Schlafmangel
  • Veranlagung zu Herz-Kreislauferkrankungen
  • Übergewicht
  • Rauchen
  • Herzinfarkt, Schlaganfall, kranke Gefäße
  • Alkoholkonsum
  • Nikotinismus
  • Bewegungsmangel

Exkurs: Demenz und Fernsehen

Eine Studie aus Großbritannien, publiziert 2019, hat sechs Jahre lang über 3.500 Leute im Alter 50+ nach ihrem Fernsehkonsum befragt, Tests auf verbale Leistungsfähigkeit des Gehirns gemacht und kam zu dem Ergebnis, dass es eine fernseh-assoziierte Demenz gibt.

(Quelle: Fancourt D, Steptoe A. Television viewing and cognitive decline in older age: findings from the English Longitudinal Study of Ageing. Nature Scientific Reportsvolume 9, Article number: 2851 (2019).)

Tatsächlich lässt sich sagen, so interpretiert Prof. Förstl die Studie, dass diejenigen, die jahrelang über 3,5 Stunden am Tag fernsehen, hinsichtlich verbalem Gedächtnis und flüssiger Wortproduktion abbauen. Fernsehzeiten von über sieben Stunden waren mit dem höchsten Risiko verbunden. Doch Förstl warnt vor voreiligen Schlüssen:

"Man kann die Ergebnisse der Studie nicht verkürzen auf: Fernsehen macht dement. Man muss sich eher fragen: Wer schaut denn so viel fern? Der, der so richtig im Saft steht mit seinen 65, der viel zu tun hat, Freunde hat, Schach, Kegeln oder Golf spielt, ein Opernabonnement hat, der kommt gar nicht dazu, so viel fernzusehen; er ist in der Regel auch nicht depressiv, dem geht es manchmal sogar richtig gut."

Professor Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München

Fernsehen als Symptom

Wer so viel Zeit hat, fernzusehen hat auch häufiger andere Probleme, die das eigentliche Demenzrisiko bestimmen. Sprich: Das Fernsehen ist lediglich ein Aspekt eines ungünstigeren Lebenswandels.

"Unter denen, die sieben Stunden am Tag fernsehen, da gibt es sicher viele weniger gut Betuchte, viele Gehbehinderte, die nicht ins Kino gehen oder Freunde treffen können. Was bleibt ihnen? Sie sitzen zu Hause, pflegen nachteilige Diätgewohnheiten, bekommen Herz-Kreislaufprobleme und sind weit weniger lebensfroh als jene, die durch den Wald joggen und in der Oper sitzen."

Professor Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München

Konsequenzen aus der Studie?

Prof. Förstl hält die Studie für solide, doch die Frage sei, was man aus ihr ableite:

"Dass das Fernsehen als solches zur kognitiven Verschlechterung führt, das ist nicht bewiesen. Auch wer fernsieht und nicht mit anderen spricht, kann viele Informationen aufnehmen. Er weiß vielleicht sogar mehr, auch wenn das dann zu Lasten des aktiven Wortschatzes geht. Fernsehen kann ein Motor sein, der einen am Laufen hält, wenn man sehr alt, gehbehindert und zurückgezogen lebt. Dann sind Fernsehen, Radio und das Internet Bildungs- und Trainingsinstrumente, von denen man früher nur träumen konnte. Insgesamt würde ich davon abraten, ein Fernsehverbot für alte Menschen auszusprechen."

Professor Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München


19