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Wettermacher in Bayern Von Hexen, Meteorologen und Luftverpestern

Im späten Mittelalter glaubte man, Hexen und Zauberer könnten das Wetter bestimmen. Heute sind es Meteorologen, die mit wissenschaftlichen Daten das Wetter zwar nicht beeinflussen, aber ziemlich genau vorhersagen können. Ein Streifzug durch die Geschichte der Meteorologie in Bayern.

Von: Carlo Schindhelm

Stand: 22.07.2021 | Archiv

Reik Schaab beim Deutschen Wetterdienst in München hat sechs Computer-Bildschirme im Blick. Darauf sind Wetterkarten zu sehen: Bunte Bilder mit Farbflecken in grün, blau, gelb und auch rot. Noch ist die Wetterlage ruhig, aber gegen Abend drohen Gewitter. Reik Schaab muss an Hand der Vorhersagemodelle einschätzen, wie stark die Niederschläge werden. Und dann möglicherweise eine Unwetterwarnung herausgeben.   

"Damit einfach nicht nur der Mensch auf der Straße entsprechende Informationen bekommt, sondern vor allem die Katastrophenschützer vielleicht so eine gewisse Alarminformation haben: Achtung es wird wieder heftig zur Sache gehen und das vielleicht sogar schon irgendwelche Einsatzkräfte in Rufbereitschaft versetzt werden. Das ist eben genau unser Job, das mit ausreichend Vorlaufzeit zu signalisieren, damit die Leute sich drauf einstellen können."

Reik Schaab, Deutscher Wetterdienst

Bei seiner Vorhersage greift Reik Schaab auf drei verschiedene Vorhersagemodelle zu. Eines zeigt das weltweite Wettergeschehen an. Ein zweites konzentriert sich auf das europäische. Ein drittes Modell ist noch viel detaillierter und hat den Schwerpunkt auf das Wetter in Deutschland. Während die überregionalen Modelle lediglich etwas Regen für das Allgäu und die Oberpfalz vorhersagen, meldet das Vorhersagemodell für Deutschland große Niederschlagsmengen.

Mehr als 2.000 Wetterstationen liefern gigantische Datenmengen

Bildschirme beim Deutschen Wetterdienst in München

Gespeist werden die Wettermodelle mit gigantischen Datenmengen. Über das ganze Land verteilt liefern über 2.000 Wetterstationen Daten an den Deutschen Wetterdienst. Hinzu kommen Daten von mobilen Messstationen an Schiffen und Bojen im Meer und Linienflugzeugen in der Luft. Zwei Mal täglich steigt ein Wetterballon auf und liefert Daten zur Beschaffenheit der Atmosphäre. Ist sie stabil geschichtet oder eher labil – drohen also Gewitter? Radarstationen liefern Informationen darüber, was in den Wolken passiert. Wie viel Regen oder gar Hagel tragen sie mit sich? Und natürlich die Satellitendaten – die zeigen, wie sich die Wolken bewegen und wie sie sich verändern.

"Da ist man heute sehr, sehr weit, das kann man teilweise auch schon Tage vorher solche Gebiete feststellen, wo ein hohes Risiko für Unwetter besteht. Aber wo man sich immer noch schwertut, oder was nahezu unmöglich ist, ist um acht Uhr morgens zu sagen, um 10 Uhr wird es irgendwo in München über dem Oktoberfest ein Schwerstgewitter geben – da ist man noch entsprechend entfernt und das ist natürlich auch ein Ansporn, was das betrifft, an die Präzision und die Vorhersagbarkeit solcher Ereignisse noch näher heranzukommen."

Guido Wolz, Deutscher Wetterdienst

Guido Wolz ist der Leiter der regionalen Wetterberatung des Deutschen Wetterdienstes in München. Die Gewittervorhersage bleibt eine Herausforderung. Aber meist gibt es doch eine ziemlich exakte Wettervorhersage für die nächsten Tage.

Rückblick: die Vorläufer der Bauernregeln

An welchem Wochentag donnert es, und aus welcher Himmelsrichtung ist der Donner zu hören? In fränkischen Klöstern zogen Mönche im 15. und 16. Jahrhundert aus diesen Beobachtungen ihre Schlüsse. In einer Art Gewitterlehre deuteten sie den Donner auf ihre Weise und legten Wetterregeln fest – die Vorläufer der Bauernregeln.

"Das liest sich eigentlich ganz merkwürdig für unsere heutigen Begriffe und man kriegt aber dann den Eindruck man muss das so interpretieren wie Kinderreime, die damals so von Generation zu Generation tradiert wurden."

Peter Winkler, Meteorologe

Aus heutiger Sicht war das Kaffeesatzleserei, sagt der Meteorologe und langjährige Mitarbeiter des Deutschen Wetterdienstes Peter Winkler. Kürzlich ist von ihm ein Buch erschienen zur "Geschichte der Meteorologie in Bayern bis zum Jahr 1900". Was sich am Himmel abspielte war für die Menschen früher ein großes Rätsel: magisch und unerklärlich. Zerstörten Hagel, Fröste und Regenmassen die Ernten, so hungerten die Menschen. Das Wetter war also nicht nur ein Spektakel hoch oben am Himmel. Auf der Erde bedeutete es oft Hunger und Leid.

Der Glaube an Wetterhexen und Zauberer

Seen und Bäche waren zugefroren, Blätter und Blüten zu Eis erstarrt. Das 17. Jahrhundert gilt bei Klimahistorikern als der Höhepunkt der sogenannten kleinen Eiszeit. Der Zeiler Bürgermeister Johann Langhanns schreibt im Jahr 1626 am 27. Mai in sein Tagebuch, dass der Wein im ganzen Frankenland erfroren sei. Die Menschen suchten nach Schuldigen und fanden sie in vermeintlichen Hexen und Zauberern. Im unterfränkischen Zeil wurden in der Hochzeit des Hexenwahns alle 25 Türme entlang der Stadtmauer zum Hexengefängnis umfunktioniert.  

"Man wurde mit einem Seil, mit einem Stück Holz auf das man gesetzt wurde oder einem Korb hinuntergelassen und man saß dann da unten."

Christine Schroll, Dokumentationszentrum Zeiler Hexenturm

Allein in Zeil werden 420 "Hexen" getötet

Der Hexenturm in Zeil

Neun Meter tief in der Dunkelheit – umgeben von dicken Steinmauern. So warteten die zu Unrecht Beschuldigten auf Folter oder Hinrichtung. Anlass für die beiden Hexenverfolgungswellen 1616 und 1636 war wahrscheinlich ein ungewöhnlicher Kälteeinbruch Ende Mai.

"Und das Volk hatte zu leiden. Und irgendwer muss dann ja Schuld sein, denn man ging davon aus, dass jemand Gott verärgert hat. Wir müssen schauen, dass wir ihn wieder gnädig stimmen und der Teufel ist auf dem Vormarsch und damals war man ja wirklich der festen Überzeugung, dass es Geister, Dämonen und Hexen gab und natürlich und selbstverständlich den Teufel, der uns immer wieder am Schlawittchen hat."

Christine Schroll, Dokumentationszentrum Zeiler Hexenturm

Im unterfränkischen Zeil war die Hexenverfolgung besonders ausgeprägt. Das Dokumentationszentrum Zeiler Hexenturm zählt 420 Opfer, die in den Zeiler Hexengefängnissen und auf dem Scheiterhaufen ums Leben kamen.

Glockenläuten und Kanonenschüsse gegen das Unwetter

Die Sehnsucht, das Wetter zu verstehen, es vorhersagen zu können oder sogar darauf Einfluss zu nehmen, war schon immer groß. Früher versuchten sich die Menschen mit Glockenläuten und Kanonenschüssen gegen Unwetter zu wehren.

"Ich tue rechtzeitig was, indem ich die Glocken läute oder mit Kanonen gegen das Gewitter schieße und da wird das Gewitter schon sehen, was ich kann – also es ist ein Stärken des Selbstvertrauens und das dient dem Überwinden der Hilflosigkeit."

Peter Winkler, Meteorologe

Umstrittene Hagelbekämpfung – mit Kanonen und Flugzeugen

Geschossen wird heute immer noch – am Bodensee betreiben Obstbauern über zehn Meter hohe Kanonen zur Hagelabwehr. Ein Rohr, das sich nach obenhin verbreitert. Die Zündung der Pulverladung erzeugt einen Wirbelring in der Luft darüber. Der soll die Hagelbildung verhindern. Beweise, dass das funktioniert, gibt es nicht. Ebenfalls umstritten ist der Einsatz von Hagelfliegern. In Rosenheim hat die Hagelabwehr eine lange Tradition, bis heute.

Im Flugzeug ist eine Art "Hagel-Navi". In Echtzeit werden Daten vom Deutschen Wetterdienst ins Cockpit weitergeleitet. So können die Piloten die Hagelwolken gezielt ansteuern. Möglich gemacht hat das Peter Zentgraf, Professor für Mess- und Reglungstechnik an der Hochschule in Rosenheim.

"Das heißt, sie können sich dann orientieren. So ein Hagelabwehrpilot versucht dann, dieses verbrannte Silberjodid in sogenannte Aufwindkanäle einzubringen, dass sich das dann schön in den Wolken verteilt. Und dann muss er halt wissen, wo er einfach gerade ist innerhalb der Wolke oder innerhalb der Wolken."

Peter Zentgraf, Professor für Mess- und Reglungstechnik an der Hochschule in Rosenheim

Wolken werden "geimpft"

Ein Hagelflieger

Auf Knopfdruck sprühen die Piloten Silberjodid in die Wolken – das sogenannte Impfen. Damit sind nun viele kleine Partikel in der Wolke, an denen sich ebenfalls Eis bilden kann. Im besten Fall verhindert so das Silberjodid, dass große Hagelkörner entstehen. Peter Zentgraft hat an seinem Lehrstuhl auch untersuchen lassen, ob sich die Mühe der Hagelbekämpfung hoch in den Wolken überhaupt lohnt. Dabei haben er und seine Studenten die Flugbahnen der Piloten und die Entwicklung der Hagelzellen für das Jahr 2018 genau untersucht.

"Da haben wir halt festgestellt, dass relativ eindeutig bei allen Einsätzen, also während des Fluges, immer eine Reduktion zu erkennen war. Und vorher halt nicht auffällig, und nach dem Flug hat es dann teilweise auch wieder zugenommen."

Peter Zentgraf, Professor für Mess- und Reglungstechnik an der Hochschule in Rosenheim

Die Hagelwolke verkleinerte sich also beim "Impfen". Zufall? Es ist auf jeden Fall eine Tendenz, die optimistisch stimmt. Der Meteorologe und ehemalige Mitarbeiter des Deutschen Wetterdienstes Peter Winkler hingegen sieht die Hagelbekämpfung mit dem Flugzeug kritisch.

"Ich muss aber die Möglichkeit haben, in einem kleinen Gebiet und in einem Zeitfenster von nur zehn Minuten zu impfen. Und ob das gelingt und statistisch ein Erfolg ist, dazu ist in den 70er Jahren in der Schweiz im Hagelgroßversuch gemacht worden und der Erfolg war statistisch nicht nachweisbar. Es ist also ein frommer Glaube. Manchmal gelingt es eben und manchmal gelingt es eben nicht. Und in der Mehrzahl der Fälle gelingt es eben nicht."

Peter Winkler, Meteorologe

Blick in die Sterne – auf der Suche nach Wetterregeln

Astrometeorologen glaubten bis ins 18. Jahrhundert, eine Erklärung für das Wettergeschehen zu haben. In Altdorf bei Nürnberg errichtete der Mathematiker Abdias Trew 1636 auf einem der nördlichen Stadtmauertürmen eine Sternwarte mit einem drehbaren Dach. Auch er suchte in den Sternen nach Wetterregeln. So war er der Ansicht, dass der Planet Merkur Winde hervorrufen könne. Die seien verhältnismäßig reich an Dunst und könnten Schnee- oder Regenfälle mit sich bringen.

"Die haben einfach Tag für Tag notiert, heute ist das Wetter so und so und dann hatten die natürlich daneben ihre Kalender, wo die ganzen Planetenaspekte eingezeichnet sind, wo einfach drinsteht, wo welcher Planet am Himmel stand. Und dann hat man verglichen. Und hat versucht, darüber irgendwas über das Wetter aussagen zu können und hat versucht darüber Regeln zu entwickeln. Und das war halt mehr oder auch weniger erfolgreich."

Hans Gaab, Nürnberger Astronomische Arbeitsgemeinschaft

Hans Gaab ist Mitglied in der Nürnberger Astronomischen Arbeitsgemeinschaft und interessiert sich für die Geschichte der Sternkunde in der Region Nürnberg. Das Bedürfnis nach einer Wettervorhersage war zu allen Zeiten groß – größer als das tatsächliche Wissen. So gab es im späten Mittelalter und auch noch in der Neuzeit sogenannte Prognostika: Kalender, die für jeden Tag das Wetter vorhersagten. Für Bauern war das eine wichtige Information, wenn auch das Wetter selten so eintraf wie in den Kalendern beschrieben. Hinzu kam: in Bayern gab es viele Kalendermacher. Denn damit ließ sich gutes Geld verdienen.

Wetterstationen heute – Hoffnung auf Erkenntnisse zum Klimawandel

Die neue Klimastation im Wildpark Hundshaupten

Pressetermin im Wildpark Hundshaupten im Landkreis Forchheim. Auf einer Wiese wird eine neue Wetterstation in Betrieb genommen. Sie sieht aus wie ein Kamerastativ, an das verschiedene Messinstrumente montiert sind, etwa um die Temperatur und den Wind zu messen. Das Landratsamt erhofft sich von der Station Erkenntnisse zum Klimawandel. Denn in der Fränkischen Schweiz liegt eines der größten Kirschanbaugebiete Deutschlands und die Obstbauern haben zunehmend mit Dürren und späten Frösten zu kämpfen. Aus den Daten der Wetterstation lassen sich möglicherweise Handlungsempfehlungen für die Bauern ableiten, hofft Sebastian Maier vom Landratsamt Forchheim.

Der Klimatologe Harald Zandler von der Universität Bayreuth beteiligt sich an dem Projekt. Er erforscht unter anderem die Auswirkungen des Klimawandels auf die Kulturlandschaft der Fränkischen Schweiz und wie sich das lokale Wetter dort ändert.

"Es ändert sich dadurch, dass der Mensch natürlich durch Ausstoß von Treibhausgasen aber auch lokale Maßnahmen wie zum Beispiel Landnutzungsänderungen das Wetter und über längere Zeiträume vor allem das Klima beeinflusst. Also der Mensch hat durchaus einen Einfluss – das ist klar."

Harald Zandler, Klimatologe

Wetterstationen damals – in den Klöstern

Der Mensch selbst wird zum Wettermacher in einem chaotischen System, das von vielen Faktoren beeinflusst wird. Die Bayerische Akademie der Wissenschaften ermöglichte im 18. Jahrhundert in Bayern ein erstes Netz von Beobachtungsstationen.

"Da wurden die ganzen Klöster eingebunden, weil die für die Kontinuität sorgen konnten. Wenn der eine Beobachter ausfiel, dann konnte der Ersatzmann einspringen, die waren eben immer besetzt und das konnte man an Schulen oder anderen Einrichtungen nicht so leicht garantieren und deshalb hat man von vorneherein hier in Bayern auf die Klöster gesetzt."

Peter Winkler, Meteorologe

Wetterstation am Hohen Peißenberg

Die Messungen widerlegten zum Beispiel die damals verbreitete Ansicht, dass die Alpen für die Kälte in Bayern verantwortlich sind. Die Messstation auf dem Hohen Peißenberg in Oberbayern lieferte nämlich eine niedrigere Temperaturkurve als eine Messstation in der Stadt Tegernsee, die näher an den Alpen liegt. Damit war klar: Nicht die Nähe eines Ortes zu den Alpen lässt die Temperatur sinken, sondern die Höhe.

"Die Meteorologie hat aber gesehen, unser Wissen, was wir in einem kleinen Gebiet sammeln können, reicht nicht aus, um das Ganze zu verstehen."

Peter Winkler, Meteorologe

Der Schotte Johann von Lamont, war der erste Astronom und Physiker in Bayern, der im 19. Jahrhundert die Komplexität des Wetters systematisch zu untersuchen begann. Er verbesserte die Messinstrumente und erreichte eine Standardisierung der Messmethoden. Er war es auch, der erstmals ein Internationales Beobachtungsnetz forderte. Die notwendige staatliche Unterstützung blieb ihm aber versagt. Dennoch ermöglichten nach und nach die verbesserten Messemethoden und die immer größeren Beobachtungsgebiete, die Zusammenhänge des Wetters immer besser zu verstehen.

Automatisierung und künstliche Intelligenz 

Noch heute liefert die Wetterstation auf dem Hohen Peißenberg in Oberbayern Daten an den Deutschen Wetterdienst. Temperaturvorhersagen entstehen inzwischen automatisch und die Automatisierung dürfte mit Hilfe von künstlicher Intelligenz weiter voranschreiten, sagt Guido Wolz vom Deutschen Wetterdienst in München.


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