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Knall auf Fall oder langsam im Alter Wenn das Innenohr Schaden nimmt

Unser Gehirn interpretiert alles, was wir hören. Z.B. das Auto, das sich gefährlich schnell nähert. Vorher muss das Innenohr die Impulse quasi "übersetzen": Akustische werden in elektrische Signale gewandelt. Schäden am Innenohr beeinträchtigen das Gehör dauerhaft.

Von: Sabine März-Lerch

Stand: 19.04.2019

Grafische Darstellung des Innenohrs | Bild: picture-alliance/dpa

Über Hammer, Amboss und Steigbügel wird der Schall vom Mittelohr ins Innenohr weitergeleitet. Dort befindet sich die sog. Schnecke, die Cochlea – ein mit einer wässrigen Flüssigkeit gefülltes Membransystem, das eben aussieht wie eine Schnecke. Feine Haarzellen sind hier beherbergt. Wird die Flüssigkeit durch den Schall bewegt, bewegen sich auch diese Haarzellen. Ihre Aufgabe: Sie verwandeln die Schwingungen in elektrische Impulse. Und diese wiederum erreichen über den Hörnerv das Gehirn. So spielt sich das jedenfalls beim normalen, gesunden Hören präzise ab.

"Wir sprechen von einer 'Wanderwelle', mit der der Schall in die Schnecke im Innenohr trifft. Die 'Wanderwelle' ist abhängig von der Frequenz: Wenn eine hohe Frequenz kommt, bildet die Welle ihr Maximum gleich am Anfang der Schnecke aus. Wenn eine tiefe Frequenz kommt, wandert die Welle darüber und bildet ihr Maximum ganz hinten an der Schneckenspitze aus. Die Eigenschaften der Membran der Schnecke führen dazu, dass die Welle sich an unterschiedlichen Stellen auslenkt: Tiefe Frequenzen führen also dazu, dass sich die Welle weiter hinten auslenkt, wo die Membran flexibler und dünner ist. Bei den hohen Frequenzen passiert das weiter vorne, da ist die Membran noch steifer und fester."

Prof. Markus Suckfüll

Der "Risikofaktor" fürs Gehör - das Alter

Auch die Haarzellen - die Sinneszellen des Hörens - unterliegen dem ganz normalen physischen Prozess der Alterung. Arbeiten sie nur noch reduziert, leiten sie also nur reduziert Signale weiter an den Hörnerv und damit an das Gehirn, dann ist das fein abgestimmte System des Hörens beeinträchtigt Je älter Menschen werden, desto schlechter hören sie. Allerdings äußert sich das individuell ganz unterschiedlich:

"Es gibt Leute, die schon sehr früh eine Alterung des Gehörs haben und solche, die im Alter von 80 Jahren noch ein fast jugendliches Gehör haben. Im Durchschnitt ist es so, dass bei den 70-Jährigen etwa jeder Dritte so schlecht hört und eigentlich ein Hörgerät bräuchte. Bei den 80-Jährigen sagt man, jeder zweite braucht ein Hörgerät. Das ist auch eine Frage der familiären Veranlagung."

Prof. Markus Suckfüll

Die hohen Frequenzen verschwinden zuerst

Oft beginnt die Altersschwerhörigkeit damit, dass man in der Unterhaltung in einem lauten Umfeld seine Gesprächspartner nicht mehr versteht – ein Hör-Eindruck, als ob diese nuscheln würden. Hauptsächlich die hohen Frequenzen sind von diesem altersbedingten Hörverlust betroffen. Der Bereich im Innenohr, der für die hohen Frequenzen zuständig ist, liegt direkt am Eingang zur Schnecke. In den hohen Frequenzen hört der Mensch normalerweise die leisen Konsonanten (f,s,p,t) – die Altersschwerhörigkeit beginnt also beim Sprachverständnis und entwickelt sich prozesshaft.

"Wenn man sich das an einem Bild merken möchte: Nehmen Sie einen Teppich am Eingang zu einer Halle (im übertragenen Bild: die Sinneshärchen in der Schnecke im Innenohr), hier müssen alle Menschen (im Bild die Schallwellen) rein, da tritt sich der Teppich schnell kaputt. Aber je weiter man in die Halle kommt, desto mehr verteilen sich die Leute. Ähnlich ist es bei den hohen Frequenzen: Die kommen ganz unten in der Schnecke an, über die muss jede Wanderwelle gehen, während sie zu den tiefen Frequenzen nicht immer kommt. Deshalb kommt es in den hohen Frequenzen viel häufiger zu Schädigungen als in den tiefen Frequenzen."

Prof. Markus Suckfüll

Akuter Breakdown im System – der Hörsturz

20.000 Menschen erleiden jährlich in Deutschland einen Hörsturz. Während durch Alterungsprozesse die Beeinträchtigung des Hörens prozesshaft und mehr oder weniger schnell voranschreitet, tritt beim Hörsturz ein plötzlicher Schaden am Innenohr auf. Das System des Hörens bricht sozusagen akut zusammen.

"Plötzlich hört man auf einem Ohr schlechter. Die Erholungsrate ist aber recht hoch - man sagt, 70 Prozent der Hörstürze und mehr erholen sich wieder. Davon erholen sich allerdings nur 30 oder max. 40 Prozent vollständig, je nach Hörverlust beim Hörsturz."

Prof. Markus Suckfüll

Hörsturz und Stress - ein altes Paar?

Hört man, dass jemand einen Hörsturz erlitten hat, ist oft die erste Vermutung: Hier war zu viel Stress im Spiel und hat "aufs Ohr geschlagen". Aber:

"Gerade das aber scheint es nicht zu sein. Die Ursache für einen Hörsturz ist unbekannt. Es werden verschiedene Gründe diskutiert: z. B. Durchblutungsstörungen oder entzündliche Veränderungen."

Prof. Markus Suckfüll

Behandlung bei Hörsturz

Das Zeitfenster, in dem sich ein Hörsturz erholt, beträgt sechs Wochen. Nach sechs Wochen bessert sich der Zustand in der Regel nicht mehr.

Umstritten, aber das Mittel der Wahl: Cortison

"Das ist sehr umstritten – das einzige Mittel, das uns zur Verfügung steht, ist Cortison. Aber wir wissen nicht genau, ob es wirklich hilft. Es gibt Studien, die dafürsprechen, und Studien, die dagegensprechen. Man hofft jedoch, dass Cortison in der Akutphase hilfreich ist. Vieles spricht jedenfalls dafür."

Prof. Markus Suckfüll

Da das Innenohr nur drei Millimeter groß ist, versucht man, mit einer neuen Methode die Cortisondosis so gering wie möglich zu halten.

"Man macht ein kleines Löchlein in das Trommelfell und gibt einen Tropfen Cortison hinter das Trommelfell. Von dort aus wandert es in das Innenohr hinein. So können wir das Cortison dort hinbringen, wo es gebraucht wird, und die Nebenwirkungen klein halten."

Prof. Markus Suckfüll


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