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Weiß-blau ins All Bayerns Raumfahrt auf Wachstumskurs

Technologien rund um das Weltall gehören zu unserem Alltag. Wichtig sind da auch Firmen und Forscher aus Bayern. Bayern ist auf dem Weg, einer der weltweit führenden Luft- und Raumfahrtstandorte zu werden.

Von: Stephan Lina

Stand: 23.06.2020 | Archiv

Der wohl größte Tankdeckel der Welt kommt aus Augsburg. In einer riesigen Werkshalle direkt am Lech baut MT Aerospace aus ultra-festen Metallen den sogenannten Abschluss für den Tank der Ariane-Raketen. Für Laien sieht das aus wie eine umgedrehte Suppenschüssel mit mehreren Metern Durchmesser. Doch in Wirklichkeit ist so ein Space-Tankdeckel ein Stück High-Tech, das mit größter Präzision über Jahre entwickelt und nun auf Mikrometer genau zugeschnitten und geschweißt wird.

"Wir machen ja für die Ariane 6 alle Tanks, also für flüssigen Sauerstoff und für flüssigen Wasserstoff. Was wir hier machen, das sind - etwas profan ausgedrückt - die Tankdeckel. In der alten Welt haben wir etwa drei Wochen gebraucht um einen Tankdeckel herzustellen, da wurde ganz normal seriell geschweißt. Das heißt, ein Teil nach dem anderen wurde drangeschweißt. In der neuen Anlage, die wir selbst gemeinsam mit einem Maschinenbauunternehmen entwickelt haben wird alles auf einmal gebaut. Um Ihnen nochmal ein Gefühl zu geben: In der alten Anlage hat man 21 Tage gebraucht um einen Tank-Dom herzustellen. In der neuen Anlage braucht man drei, vielleicht vier Tage. Der große Unterschied von der Ariane 5 zur Ariane 6 ist: Gleiche Leistung, halber Preis. Das ist einfach die Forderung des Weltmarktes."

Hans Steininger, Vorstandsvorsitzender MT Aerospace

Ein Teil einer Ariane 6 Rakete steht in einer Produktionshalle des Raumfahrtunternehmens MT Aerospace.

Ohne die Tanks aus Augsburg würde keine einzige Ariane-Rakete in den Weltraum starten können. Doch die Bauteile aus Schwaben sind bei weitem nicht die einzigen High-Tech-Produkte, die in Bayern für den Weltraum gebaut werden. Der Freistaat hat sich nämlich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem globalen Zentrum der Luft- und Raumfahrtindustrie entwickelt. Nach den Zahlen des Wirtschaftsministeriums arbeiten hier etwa 60.000 Menschen in der Branche, Tendenz steigend. Aus Bayern kommen Satelliten, Motoren für Raketen, Roboter und vieles mehr, unterstützt und gefördert von der Regierung. Und von Oberpfaffenhofen aus wurden und werden zahllose Weltraummissionen überwacht. Das zieht viele Forscher und Firmen an - erklärtes Ziel der Bayerischen Staatsregierung seit Jahrzehnten. Vor allem der langjährige Ministerpräsident Franz Josef Strauß hat ab den 70er Jahren viel Überzeugungsarbeit geleistet, um Europas Regierungen dazu zu bringen, Milliarden in die Entwicklung und den Bau einer eigenen Trägerrakete zu investieren. Daraus wurde die Ariane. Sonst wäre man bis heute abhängig vom Wohlwollen der US-Behörden, wenn es darum geht, Satelliten ins All zu transportieren.

"Luft- und Raumfahrt. Ich weiß, da wird immer gespottet - Markus will zum Mond und so. Ich hatte letztens eine super Diskussion. Ich war bei der OTH in Regensburg. Da kamen ein paar junge Studenten von Fridays for Future. Und dann hat einer gerufen: 'Hören Sie auf mit der Raumfahrt! Geben Sie Geld für den Klimaschutz!'. Da bin ich stehen geblieben und habe gefragt: Sagen Sie mal: Woher kommen eigentlich die Satellitenbilder? Werden die gezeichnet oder ausgewürfelt? Wie wird denn überhaupt Wetter heute verstanden? Nur über die Beobachtung aus dem Weltraum. Es werden heute Meeresströmungen vermessen. Da hockt kein Taucher mit einem Zähler am Boden, sondern das wird aus dem Orbit beobachtet."

Markus Söder, Bayerischer Ministerpräsident

Markus Söder (CSU,l), bayerischer Ministerpräsident mit Hans Steininger, Vorstand von MT Aerospace.

Die Antwort zu einem besseren Verständnis des Klimawandels soll Merlin geben. So heißt der Satellit, an dem Airbus Space in Ottobrunn arbeitet. Er soll mit seinen höchst empfindlichen Lasersystemen in einigen Jahren vom Weltraum aus erkennen können, wo und in welchen Mengen Methan vom Boden aus in die Atmosphäre kommt. Das Gas gilt als ein wichtiger Faktor für die Erderwärmung. Bis jetzt gibt es kaum Methoden, um zuverlässig zu messen, wie viel Methan zum Beispiel freigesetzt wird, wenn in Nordsibirien der Permafrost-Boden zu tauen beginnt.

"Merlin soll das klima-relevante Gas Methan messen. Und zwar mit einem aktiven Instrument, womit man an Gebieten messen kann, wo man bisher nicht messen konnte. Und wo man auch eine Genauigkeit erreicht, die bisher nicht da war. Es ist also ein neuer Typ von Instrument, den es bisher in Space nicht gibt."

Christian Wührer Airbus Aerospace

Wenn es um Raumfahrt geht, wird es oft teuer. Aber das Geld rentiert sich. Studien belegen, dass jeder Euro, den eine Regierung in Weltraumprogramme steckt, das 6- bis 10-fache an wirtschaftlichem Nutzen auf der Erde generiert. Bei der Vielzahl der künftigen Anwendungen und Missionen steht die Raumfahrt generell aber unter höchstem Kostendruck. Auf ihn soll eine neue Entwicklung der Rocket Factory Augsburg antworten - eine eigene Rakete.

"Die Rakete, die wir entwickeln ist relativ klein. Kleiner als ein Kirchturm. Sie ist komplementär zu den großen Raketen. Wir können keine großen Raketen ersetzen.
Man kann das vergleichen wie das Taxi- mit dem Busfahren. Ich muss quasi das Taxi nehmen, ich kann nicht den Bus nehmen. Ich muss die kleine Rakete nehmen, die mich persönlich - also ich bin jetzt praktisch der günstige Satellit - genau in diese Laufbahn bringt, wo ich hinmöchte. Ziemlich rasch und ziemlich schnell muss das alles passieren, sonst können wir mit der internationalen Konkurrenz nicht mithalten. Das heißt, wir können uns hier nicht erlauben, irgendetwas zu gut zu machen. Sondern wir müssen alles genau so konstruieren, auslegen und herstellen, dass es gerade so gut ist, wie wir es brauchen, aber nicht besser. Wir schießen Satelliten ins All, die billig sind. Wenn da eine Rakete mal nicht funktioniert, dann ist das nicht der Weltuntergang."

Stefan Brieschenk, Geschäftsführer der Rocket Factory Augsburg

Klappt alles, dann wird in knapp zwei Jahren erstmals eine rein bayerische Rakete in den Weltraum starten. Doch die Augsburger Forscher sind nicht die einzigen in Bayern, die an einer Rakete Made in Bavaria tüfteln. Mit Isar Aerospace arbeitet eine weitere junge Firma aus dem Freistaat an einem solchen Projekt.

Bayern leistet beides: Klassische, aufwändige Raumfahrtforschung für die großen, staatlichen Projekte und die schnelle Entwicklung von kleinen Raketen und Satelliten. Wie die Raketen aus dem Freistaat heißen werden, ob sich zum Beispiel das Wort Bavaria im Namen wiederfinden wird, das ist bisher übrigens noch nicht bekannt.


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