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Eine Lebensader blutet aus Wasserkraft am Mekong - Gefahr für Mensch und Tier?

Der Mekong ist die Lebensader Südostasiens. Über 4.300 Kilometer fließt der Fluss durch sechs Länder und hat auf seinem Weg ein Gefälle von fast 5.000 Metern. Seit der Jahrtausendwende nutzt der Mensch auch das Wasserkraftpotenzial des Mekong. Klimafreundliche Energieproduktion - mit allerdings verheerenden Folgen: Staumauern quer durch den Fluss ersticken die größte Binnenfischerei der Welt; und sie tragen dazu bei, dass das Mekong-Delta, das größte Reisanbaugebiet Südostasiens, allmählich im Meer versinkt.

Von: Thomas Kruchem, Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 14.06.2018

Die in Laos gelegenen Mekong-Fälle sind ein grandioses Naturschauspiel. So weit das Auge reicht, stürzen Wolken weißer Gischt kaskadenartig glitzernde Felsen hinab - bis zu 50.000 Kubikmeter pro Sekunde. Mit zehn Kilometern Breite sind die Mekong-Fälle die breitesten Wasserfälle der Erde und die größten Asiens. Eigentlich ein Touristenmagnet. Doch auf dem Dorfplatz von Preag Ronkeil herrscht kaum Betrieb in den Souvenirshops und Restaurants. Und niemand wartet auf ein Boot, um Delfine zu beobachten.

"So viele Fische sind verschwunden - und mit ihnen die meisten Delfine. Ein totes Delfin-Baby ist vor einigen Wochen nicht weit von unserem Dorf ans Ufer gespült worden."

Houth Seng, Preag Ronkeil

Schlecht für den Tourismus: Seit die Bauarbeiten am Don-Sahong-Damm die berühmten Irawadi-Delfine vertrieben haben, bleiben die Ökotouristen aus

Der Mekong entspringt im Hochland von Tibet. Er fließt durch China, Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha und schließlich durch Vietnam, wo er in einem weit verzweigten Delta ins Meer mündet. Im biologisch besonders reichen Einzugsgebiet des unteren Mekong leben rund 800 verschiedene Säugetiere, 2.800 Vogelarten, Hunderte Arten von Reptilien und Amphibien, 1.300 Fischarten und 65 Millionen Menschen aus fast 100 ethnischen Gruppen. Ein Hotspot des Lebens - und des Klimawandels. Denn das Flussgebiet des Mekong ist gleich zwei Monsunphänomenen ausgesetzt und klimatisch eine bewegte Region, in der Stürme, Fluten und Dürren zum Alltag zählen.

Lauf des Mekong in Süd-Ost-Asien

Der Mekong als Energielieferant - massiver Ausbau der Wasserkraft

Die Baustelle des Don-Sahong-Damms in Laos

Die Region hat einen rapide wachsenden Energiebedarf und will ihn möglichst klimaneutral decken; als naheliegende Alternative zu fossilen Brennstoffen erschien zur Jahrtausendwende deshalb die Wasserkraft des Mekong. China ging voran und baute sieben Staudämme in den Schluchten des Lancang, wie die Chinesen den Mekong nennen; zwölf weitere Dämme sind geplant. Laos, Kambodscha und Vietnam haben zwei Dutzend Talsperren an den Mekong-Zuflüssen Sesan, Srepok und Sekong errichtet. Am Mekong selbst baut Laos derzeit zwei Kraftwerke: Don Sahong und den riesigen Xayaburi-Damm mit einer Kapazität von 1.300 Megawatt. Insgesamt sollen allein am unteren Mekong und seinen Nebenflüssen 160 Wasserkraftwerke entstehen.

Wertvolles Ackerland geht verloren

Die fruchtbaren Böden am Mekong gehen verloren, den Menschen wird die Lebensgrundlage entzogen.

Die problematischen Auswirkungen des Staudammbaus ignorierten die Mekong-Länder lange Zeit. Da sind zunächst all die Bauern und Fischer, denen die Stauseen Heimat und Existenz rauben. Außerdem blockieren die Staudämme den Transport von Sediment, also nährstoffreichem Erdreich und Gesteinsmaterial flussabwärts. Mekong-Sediment hat das Delta zur wohl fruchtbarsten Agrarregion Asiens gemacht, die 250 Millionen Menschen mit Reis versorgt. 200.000 Hektar Agrarfläche pro Jahr verliert das Mekong-Delta heute. Denn der Fluss spült immer weniger Erdreich in diese Region und der Wasserspiegel steigt. Für das Jahr 2100 prognostizieren offizielle Studien die Überflutung von 40 Prozent des Deltas. Bis zu 17 Millionen Menschen werden ihre Heimat verlieren; Reis für 250 Millionen Menschen muss woanders angebaut werden.

Auch der Fisch verschwindet

Der Fisch verschwindet: Ein Fischer zeigt seinen mageren Fang.

Sechs Millionen Kambodschaner leben von der Fischerei, das sind fast 40 Prozent der Einwohner. Fisch ist, neben Reis, das Grundnahrungsmittel in Kambodscha; es deckt drei Viertel des Proteinbedarfs. Der Tonle Sap-See ist das Zentrum der Fischerei in Kambodscha, die 18 Prozent des Sozialprodukts erwirtschaftet. Fischer klagen, dass sie selbst zur Regenzeit nur mehr kleine Fische fangen. Während der Trockenzeit gehen sie heute sogar leer aus. Eine wesentliche Ursache dafür sind die vielen Wasserkraftwerke am Mekong. Sie haben die Laichgründe vieler Fischarten zerstört. Außerdem wandern im Mekong viele Fischarten, um flussaufwärts zu laichen. Sie scheitern aber an den Staumauern.

Weltweit wächst der Widerstand gegen den Staudammbau am Mekong

Undichte Dächer, schlechtes Trinkwasser: Neugebaute Siedlung für Menschen, die dem Lower-Sesan-2-Damm weichen mussten.

Die "Mekong River Commission" widmet sich der nachhaltigen Bewirtschaftung des Flusses. Die Kommission vertritt die Mekong-Unteranrainer Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam und legt seit Jahren den Finger auf die Wunde: Bis 2040 würden, wenn alle Staudämme wie geplant gebaut werden, 40 Prozent der Fisch-Biomasse am Mekong verschwinden, sagt eine Studie der Kommission. Die Artenvielfalt wird sich der Studie zufolge drastisch verringern - zugunsten kleiner, schnell wachsender Fische. Auch viele Schildkröten, Schlangen und andere Wassertiere werden demnach aussterben. Und die Armen, die großenteils vom Fischfang leben, würden noch ärmer - so wie auch die Kleinbauern des untergehenden Mekong-Deltas.

Geld regiert die Welt

"Der Mekong und seine Nebenflüsse werden de facto privatisiert."

Jeremy Carew-Reid, Generaldirektor des Internationalen Zentrums für Umweltmanagement

Im Mekong-Flussgebiet werden erstmals internationale Flüsse an private Unternehmen übergeben. Gewinnorientierte Konzerne sollen diese Flüsse managen. Vom Staudamm profitierten vor allem einflussreiche Großunternehmen: Energieriesen, Baukonzerne, Banken, energiehungrige Industrie und die Großlandwirtschaft. Was sind gegenüber Milliardeneinnahmen aus Stromverkäufen schon Fischbestände der Zukunft und die Arbeitsplätze von Millionen Fischern und Kleinbauern wert?


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