Bayern 2


2

Krankheitsbild Was ist Migräne, was ist Kopfschmerz?

Migräne ist eine Sonderform des Kopfschmerzes. In Deutschland leiden Millionen Menschen daran, manche nur ein paar Mal im Jahr, andere mehrmals im Monat. Die meisten erkranken in der 2. oder 3. Lebensdekade, aber auch Kinder können betroffen sein.

Von: Monika Dollinger

Stand: 20.06.2018

Migräne ist oft ein Zeichen von Überlastung - im Bild: Überlastete Frau am überfüllten Schreibtisch | Bild: Getty Images

Bei den sogenannten primären Kopfschmerzerkrankungen ist der Schmerz selber die Krankheit. Migräne und Spannungskopfschmerz sind die beiden häufigsten primären Kopfschmerzerkrankungen. Im Gegensatz dazu ist bei den sekundären Erkrankungen der Schmerz ein Warnsymptom. Beispiele hierfür sind Hirnblutung oder Hirnhautentzündung.

Viele Arten von Kopfschmerz

Insgesamt unterscheiden die Mediziner hunderte Arten von Kopfschmerz. Nur wenn die Kopfschmerzen die typischen Migräne-Charakteristika aufweisen, wiederholt auftreten und nicht anders erklärt werden können, handelt es sich wirklich um eine Migräne.

Definition der Migräne

Migräne ist gut definiert, und man kann sie auch gut diagnostizieren, weil es ein sehr charakteristischer Kopfschmerz ist:

  • tritt in Attacken auf
  • ist häufig halbseitig (aber muss es nicht sein)
  • Vom Schmerzcharakter ist er pulsierend und stechend, besonders bei Belastung; am Beginn steht meist ein drückendes Gefühl im Kopf.
  • mittlere bis hohe Intensität
  • legt den Patienten ziemlich lahm

Typische Begleitsymptome sind:

  • Übelkeit und Erbrechen
  • Lärm-, Geruchs- und Lichtempfindlichkeit
  • Gereiztheit, Müdigkeit, Unruhe oder eine andere psychische Veränderung können den Attacken vorausgehen.

Unbehandelt dauert die Attacke bei Erwachsenen mindestens vier Stunden bis zu drei Tage. Rund 15 Prozent der Betroffenen sind Frauen und fünf Prozent Männer. Migräne kann in jedem Lebensalter auftreten, ist aber meist zwischen dem 25. und dem 45. Lebensjahr am schlimmsten. Am häufigsten ist die episodische Migräne mit gelegentlichen oder mehrfach im Monat auftretenden Attacken. Wenn Migräneattacken und weitere Kopfschmerzen ähnlicher Art an  15 oder mehr Tagen über mehrere Monate auftreten, spricht man von einer chronischen Migräne.

Was bei der Migräne im Gehirn geschieht

Dem Migränekopfschmerz liegt eine sogenannte neurovaskuläre Entzündung zugrunde: Ein Prozess, der wahrscheinlich durch einen Nervenknotenpunkt im Hirnstamm, dem sogenannten Migränegenerator angestoßen wird und dessen Aktivierung auch für die typischen Begleitsymptome der Migräne verantwortlich ist. Dabei kommt es - vermittelt über diverse Botenstoffe - zu einer Entzündung an den Blutgefäßen des Gehirns und der Hirnhäute: Die Blutgefäße weiten sich und halten nicht mehr dicht. So tritt Flüssigkeit aus der Blutbahn in das umliegende Gewebe, so dass auch im Gewebe eine Entzündungsreaktion in Gang gesetzt wird. Da die Blutgefäße pulsieren und viele Schmerzrezeptoren haben, werden die Schmerzen als pulsierend wahrgenommen und werden bei körperlicher Belastung, wenn der Blutdruck steigt und die entzündeten Gefäße stärker gedehnt werden, intensiver.

Der Migräneschmerz

Die Nervenzellen selber empfinden keinen Schmerz, sie leiten ihn nur. Der Schmerz wird am deutlichsten im Stirn- und Schläfenbereich gespürt. Die Entzündung kann man im wissenschaftlichen Experiment durch erhöhte Spiegel bestimmter Botenstoffe im Blut nachweisen. Wenn man mit einem Medikament den Schmerz unterdrückt, sinken auch die Botenstoffe der Entzündung wieder ab, aber der Migränegenerator bleibt aktiv, und die Attacke läuft oft weiter. Wenn in dieser Phase die Wirkung der Akutmedikation abklingt, kommt der Schmerz mit allen Begleitsymptomen wieder zum Vorschein, bis die Migräne irgendwann von alleine vorbeigeht. Warum die Migräneattacke selbstständig aufhört, weiß die Wissenschaft noch nicht.

Symptom: Die Aura

Bei zehn bis 15 Prozent der Patienten tritt - meistens schon vor dem Einsetzen der Kopfschmerzen - eine sogenannte Aura auf. Sie "entsteht" an den Nervenzellen selbst und zwar typischerweise in den Arealen der Gehirnrinde am Hinterkopf, an denen das Sehen verschaltet ist. Das führt dann zu vorübergehenden Sehstörungen. Bei der Aura kommt es dort zu einer Art Erregungswelle, die über die Hirnrinde schwappt. So entsteht das typische Flimmer- oder Zickzacksehen. Wenn sich die Erregungswelle weiter zu den Hirnarealen, die für das Gefühl in der Haut zuständig sind ausbreitet, entstehen Gefühlsstörungen: Kribbeln oder Taubheit im Mund und in der Hand. Auch das Sprachzentrum kann erfasst werden, dann zeigen sich Sprachstörungen wie Wortfindungsschwierigkeiten. Über welchen Mechanismus diese Veränderungen an der Hirnrinde und die neurovaskuläre Entzündung der Migräne mit einander gekoppelt sind, ist wissenschaftlich noch nicht entschlüsselt.

Neuro-Anatomie

Während einer Migräne-Aura weisen die Hirnnervenzellen eine Fehlfunktion auf, die die Wahrnehmung visueller Eindrücke kodieren. Die Aura breitet sich typischerweise allmählich über die Hirnrinde aus. Deshalb entwickeln sich die Aurasymptome auch langsam und nicht abrupt, wie bei einem Schlaganfall, über die Mitte nach außen aus. Aura-Bilder tauchen sehr selten nur auf einem Auge auf, meist auf beiden Augen, aber nur auf einer Hälfte des Gesichtsfelds. Typischerweise können die Lichtblitze und das Flimmern auch mit geschlossenen Augen wahrgenommen werden.

"Deswegen dürfen Migräne-Patienten in der Aura nicht Autofahren und sind oft gar nicht fähig, am Bildschirm zu arbeiten oder zu lesen. Denn in der Regel tauchen da, wo sie scharf sehen wollen, die Lichtphänomene auf."

Stefanie Förderreuther

Aura-Dynamik

Typischerweise dauert eine Migräne-Aura zwischen fünfzehn und dreißig Minuten. In der Zeit wachsen die Lichtphänomene, sie breiten sich aus und wandern. Oft erleben Patienten zum Schluss eine Phase, in der sie gar nichts mehr sehen. Das ist die Erholungsphase der Nervenzellen. Danach kommt das normale Sehen wieder zurück. Eine Akuttherapie gegen eine Migräne-Aura ist nicht bekannt, Schmerzmittel helfen nicht.

Wichtig: Für die Diagnose zum Arzt

Die sichere Diagnose „Migräne“ kann eigentlich nur der Arzt stellen. Hinter dem Symptom Kopfschmerz können sich auch andere Erkrankungen verbergen. Daher sollte man sich am besten von einem Arzt untersuchen lassen – dies gilt insbesondere auch dann, wenn sich bestehende Kopfschmerzen verändern, oder wenn im mittleren und höheren Lebensalter erstmals Kopfschmerzen auftreten.


2