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Auslöser und Begleitfaktoren Wann wird man depressiv?

Früher unterschied man zwischen endogenen und exogenen Depressionen – also Diagnosen, die durch ein äußeres Ereignis, etwa den Verlust des Partners oder des Jobs ausgelöst wurden, und solche Erkrankungen, die "hirnorganisch" bedingt schienen ohne äußeren Stressor. Von dieser Unterscheidung ist man inzwischen abgekommen. In der Regel kommen mehrere Faktoren zusammen.

Von: Holger Kiesel

Stand: 15.12.2020

Depressionen: Depressiver Mann mit Whiskyglas vor vollem Aschenbecher | Bild: picture-alliance/dpa

Aus der klinischen Erfahrung hat sich gezeigt: Manche Menschen reagieren sehr stark etwa auf einen Todesfall. Bei anderen gleicht eine Depression dagegen eher einer Art "Verbitterungsstörung", also den Folgen einer fortwährenden oder über einen Lebensabschnitt aufsummierten Kränkung – ob nun beruflich oder privat. Die Betroffenen haben dann beispielsweise das Gefühl, immer den Kürzeren zu ziehen, mehr arbeiten, mehr kämpfen, sich mehr beweisen zu müssen als andere.

Bei wieder anderen findet man eine familiäre Häufung ohne externen Anlass. Hier wird die Rolle der Genetik diskutiert. Neuere Forschungen rund um sogenannte transgenerationale Traumata haben in diesem Zusammenhang gezeigt: Eine schwer belastende Erfahrung wirkt sich auf die Folgegeneration aus. Kriegserfahrungen z. B. ließen sich in der nachfolgenden Generation "epigenetisch" zeigen. Das heißt: Nicht die Gene an sich waren verändert, sondern das Ablesen der Gene hatte sich durch diese traumatischen Erfahrungen in der Nachfolgegeneration geändert.

"Das kann man am besten greifbar machen, wenn man sich die Gene mit einer CD-Sammlung vorstellt. Diese bleibt von Generation zu Generation erstaunlich konstant. Was sich ändert, ist, welche CD aufgelegt wird."

Prof. Reinhart Schüppel

Und so weiß man beispielsweise aus Tierversuchen. Mäuse, die schlecht behandelt wurden, geben ihre Ängstlichkeit an die Nachkommen weiter. Allerdings darf die Rolle der Gene und der Epigenetik nicht überschätzt werden.

"Man muss jeder Generation die Chance geben, nicht mit einer Hypothek, sondern mit neuen Möglickeiten ins Leben zu starten."

Prof. Reinhart Schüppel


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