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100 Jahre Waldorfpädagogik Traumschule oder Schule für Traumtänzer?

Im September 1919 wurde in Stuttgart die erste Waldorfschule gegründet. Das pädagogische Konzept stammte von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie. In München waren seine Ideen schon vor dem Ersten Weltkrieg auf fruchtbaren Boden gefallen.

Von: Ulrich Trebbin

Stand: 06.09.2019 | Archiv

Andrea Wiericks ist Lehrer an der Waldorfschule in Prien am Chiemsee. Sie steht morgens um viertel vor acht an der Schulhaustür und begrüßt jede Schülerin und jeden Schüler per Handschlag. Sie wirkt gar nicht wie eine Lehrerin, sondern eher wie eine Mutter, der das Wohl der Kinder und Jugendlichen am Herzen liegt. Später beim Gang über den Hof hinüber zum Neubau wird sie einen vorbeikommenden Buben auf seinen Tretroller ansprechen, der letzte Woche verloren war. Und sich mit ihm freuen, dass er wieder aufgetaucht ist.

Kleine Klassen und eine enge Bindung an die Lehrkräfte. Viele sehen darin das Erfolgsrezept der Waldorf-Pädagogik.

Erste Stunde: Fünfte Klasse bei Wiericks' Kollegin Stefanie Gerber. Heute begrüßt sie ihre Schüler auf Neugriechisch, denn im so genannten Hauptunterricht, also in den ersten zwei Schulstunden, ist gerade die "Epoche" des antiken Griechenlands dran. "Epochenunterricht" bedeutet, dass in diesen beiden Stunden für mehrere Wochen ein einziges Thema vertieft behandelt wird - und das über mehrere Fächer hinweg. Weil an der Schule bald auch olympische Spiele stattfinden sollen, treffen sich die beiden fünften Klassen nach einer halben Stunde in einem größeren Raum, um sich im Ringkampf zu üben. Eine Matte ist ausgerollt und zwei Schülerinnen oder Schüler fassen sich an den Händen und versuchen, einander von der Matte zu schieben.

Sind die Waldorfschulen die besseren Bildungsstätten?

Die Waldorf-Einrichtungen sind ein pädagogischer Versuch unter vielen. Aber einer, der in vielen Bereichen überzeugt. Die Kinder bleiben zum Beispiel über die ersten acht Jahre mit ihrem Klassenlehrer zusammen, der den Hauptunterricht gibt. Das bedeutet auch, dass dieser Lehrer kein Fachlehrer ist, sondern sich acht Jahre lang alle Stoffe selbst erarbeitet – von Mathematik, Chemie über Malen und Singen bis hin zu Geschichte oder Geografie. Kritiker bezweifeln allerdings, dass die Klassenlehrer den Stoff so qualifiziert vermitteln können, wie ein eigens dafür ausgebildeter Fachlehrer.

Die Dokumentarfilmerin Maria Knilli hat eine Klasse der Waldorfschule durch die ersten acht Schuljahre begleitet und dabei eine Beobachtung gemacht: Das Wichtigste ist, dass der Lehrer die Inhalte, die er vermittelt, bestimmt. Dass er nicht nach dem Lehrbuch vorgeht, sondern den Kinder das serviert, was er selbst verdaut hat. "Und das geht ganz gut auf, weil man dann als Erwachsener einfach authentisch und interessiert bleibt", sagt Knilli. Nach einer Studie der Uni Düsseldorf haben Waldorfschüler weniger Schulängste und schulbedingte Schlafstörungen, dafür mehr Selbstbewusstsein. Allerdings fühlte sich ein Viertel der Waldorfschüler in Mathe, Englisch oder Deutsch unterfordert. Ein weiteres Viertel fühlte sich in einigen Fächern überfordert, was dazu führte, dass die Waldorfschüler der Studie genauso viel Nachhilfe in Anspruch nahmen wie Regelschüler.

Ein freies System ohne Noten und Sitzenbleiben

Wenn Eltern ihre Kinder auf die Waldorfschule schicken, ist das meist eine bewusste Entscheidung. Denn die Eltern müssen sich mit den drei - für Waldorfeltern vertrauten – "Bs" engagieren – nämlich Backen, Bauen und Blechen. Die Kinder bekommen im besten Falle eine individuelle und wertschätzende Förderung in einer selbst verwalteten Gesamtschule, aber das freie System ohne Noten und Sitzenbleiben tut nicht allen Schülern gut. Einige wenige legen sich auf die faule Haut oder ihnen fehlt die Eigeninitiative zum selbstständigen Lernen, so dass sie am Ende keinen Abschluss schaffen: Im Jahr 2017 waren das knapp sechs Prozent der deutschen Waldorfschüler, allerdings genauso viele an öffentlichen Schulen.

Weil die Waldorfschulen in Bayern nur staatlich genehmigt sind, müssen die Schüler die staatlichen Abschlüsse extern machen – parallel zu den zwölf Waldorfjahren. In einem zusätzlichen 13. Jahr pauken viele aufs Abitur. Das ist in der Regel ein enormer Kraftaufwand, weil das staatliche Schulsystem ihnen eine ganz andere Art von Lernen abverlangt. Trotzdem schafften im Jahr 2017 knapp 50 Prozent der deutschen Waldorfschüler das Abitur – an öffentlichen Schulen waren es 35 Prozent.

Privatschulen haben in Deutschland deutlichen Zulauf - mit konstanten oder weiter steigenden Schülerzahlen in den einzelnen Bundesländern.

Zurück an die Waldorfschule in Prien am Chiemsee. Hier unterrichtet Gartenbaulehrer Martin Leistner seit 38 Jahren. Er zeigt seinen Schülerinnen und Schülern, wie sie für jede Pflanze die richtige Erde mischen oder einen Komposthaufen anlegen, wann welche Pflanze gezogen und wann sie geerntet wird. Der Gartenbauuntericht ist aus gutem Grund in die 6. bis 9. Klasse gelegt, weil hier die Schüler selbst stark wachsen und körperlich reifen. In der 9. Klasse zeigt Leistner ihnen zum Beispiel, wie sie einen Apfelbaum veredeln.

"Da wird die eigene Persönlichkeit - so könnte man das allegorisch betrachten - unten auf die Mutter- oder Vaterpflanze draufgesetzt und dann wird der Schüler in der 9. Klasse hoffentlich so langsam selbständig werden. Die Schüler bekommen für drei veredelte Bäume einen nachhause und den pflegen sei dann meistens lange Zeit."

- Gartenbaulehrer Martin Leistner

Auch Brotbacken gehört an der Waldorfschule zum Lehrplan.

Im Herbst backt Leistner mit den Schülern Brot und Pizza, die mit dem geernteten Gemüse belegt wird. Sie ziehen aus den Waben der drei Bienenvölker Kerzen oder machen Kräutersalz. Der 13-jährige Camillo hat Gefallen an dieser Arbeit gefunden: „Das macht richtig Spaß, man lernt viel über Pflanzen, die verschiedenen Gerüche, was man sonst in der normalen Schule nicht lernen würde."

Kleines Gewächshaus im Schulgarten der Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart.

In einer Stunde sind die Schüler Gemüsegärtner, in einer anderen Holzbildhauer oder Buchbinder. Sogar eine Schmiede steht auf dem Schulgelände. Wenn man ältere Schüler fragt, was wichtige und schöne Erfahrungen für sie waren, dann erzählen sie mit leuchtenden Augen von einer Alpenüberquerung, vom Theaterspiel in der achten Klasse, von den Praktika in der Landwirtschaft, einem Betrieb und in einer sozialen Einrichtung oder von den beiden großen Einzelarbeiten, die sie in der achten und elften Klasse gemacht und hinterher vor der Schulgemeinschaft vorgestellt haben. Und sie schwärmen von der über Jahre hin gewachsenen Klassengemeinschaft. Luisa Lautenbacher – eine ehemalige Waldorfschülerin, hat gerade ihren Bachelor in Psychologie gemacht und will vor allem eines nicht missen:

"Ich habe das Gefühl, dass ich gelernt habe, beurteilungsfreier durch Straßen zu gehen, weil man hier Akzeptanz erfährt und das weitergibt. An Staatsschulen gibt es ein System der ständigen Beurteilung. Man wird ständig bewertet für fachliches Wissen, aber letztendlich wird ein großer Deckel über Deine Person an sich getan. Also wenn du eine fünf hast, habe ich das Gefühl, bist du auch mangelhaft. An der Waldorfschule habe ich das beurteilungsfreier erlebt."

 - Luisa Lautenbacher, ehemalige Waldorfschülerin


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