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Jahrestag in Österreich Vor 80 Jahren: Anschluss an das Deutsche Reich

Vor 80 Jahren ist die deutsche Wehrmacht in Österreich einmarschiert - auf Widerstand traf sie nicht. Der damalige österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg hatte bis zuletzt die Unabhängigkeit Österreichs beschworen und wollte die Bevölkerung abstimmen lassen, aber dazu kam es nicht mehr.

Stand: 12.03.2018

radioWelt: Über diesen Begriff "Anschluss" ist viel diskutiert worden, weil er nach freiwilligem Entschluss und nicht nach Zwang klingt. Wie war denn die Stimmung in Österreich am 12. März 1938?

Heidemarie Uhl, Historikerin, Institut für Zeitgeschichte in Wien: Das heute in Österreich diskutierte, interessante Phänomen ist, dass man davon ausgeht, dass die Nationalsozialisten vor dem Anschluss keine Mehrheit in der Bevölkerung hatten. Man geht von 30 bis 35 Prozent der Österreicherinnen und Österreichern aus, die wirklich Anhänger des Nationalsozialismus waren. Und das Erschreckende ist, wie schnell die österreichischen Nationalsozialisten - natürlich durch den Druck aus Berlin, denn sonst wäre das nie gegangen - wie schnell der gesamte Staat, die gesamte Verwaltung schachmatt gesetzt werden konnte. Bereits um Mitternacht des 11. März, noch bevor der erste Soldat der deutschen Wehrmacht die Grenze überschritten hat, war Österreich nationalsozialistisch.

radioWelt: Man kann also davon ausgehen: Wenn es diese Abstimmung noch gegeben hätte, ob Österreich unabhängig bleiben will oder nicht, dann wäre die Unabhängigkeit durchgekommen?

Heidemarie Uhl: Davon gehen die Zeitgenossen aus. Deswegen haben Hitler und Göring auch so reagiert. Davon gehen aber auch die Historiker aus. Und es gibt verschiedene Gründe dafür, aber ein ganz banaler Grund: In Diktaturen gehen Volksbefragungen zumeist für die Macht aus.

radioWelt: Was auch dafür spricht, wie Herr Schuschnigg das Land geführt hat.

Heidemarie Uhl: Das war natürlich eine Diktatur!

radioWelt: Wie schnell ist denn in Österreich dann die NS-Ideologie umgesetzt worden?

Heidemarie Uhl: Das ist auch ein Unterschied zu Deutschland: In Deutschland hat es Jahre gedauert - von 1933 bis 1938 - bis das gesamte anti-jüdische Gesetzeswerk gegriffen hat, bis die Polizei in den Händen der Nazis war, bis die Wehrmacht-Führung ausgeschaltet war etc. In Österreich ist das alles innerhalb weniger Tage erfolgt. Und was das Erschreckende ist: Gerade die Situation in Wien hat die anti-jüdische Politik des Nationalsozialismus noch um eine Eskalationsstufe angehoben, nämlich durch die Pogrome, die hier von den Menschen vor Ort ausgeführt wurden, also von den normalen Wienerinnen und Wienern. Und die beginnen noch in der Nacht des 11. März, also noch bevor der erste deutsche Soldat die Grenze überschreitet.

radioWelt: Inwieweit haben sich Politik und Gesellschaft in Österreich später für dieses nationalsozialistische Kapitel ihrer Geschichte verantwortlich gefühlt?

Heidemarie Uhl: Wir wissen alle, dass nach 1945 Österreich versucht hat, sich aus der historischen Verantwortung hinauszuargumentieren - durchaus nicht zur Freude der Bundesrepublik Deutschland. Die hat das auch sehr scharf kritisiert mit der sogenannten Opfer-These, basierend auf der Moskauer Deklaration, und dann quasi mit dem Staatsvertrag beurkundet bekommen hat, dass es mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun hatte. Die Sprachregelung war: Österreich wurde im März 1938 das erste Opfer der Hitlerischen Aggressionspolitik. Erst mit der Waldheim-Debatte hat sich das geändert.

radioWelt: Es ist auffällig, dass in Österreich rechtslastiges Gedankengut einen festen Platz in der Gesellschaft hat. Liegt das möglicherweise an einer mangelnden Aufarbeitung der Vergangenheit?

Heidemarie Uhl: Diesem Argument würde Ihnen wahrscheinlich jeder Zeithistoriker zustimmen. Ich erinnere nur an die Berichterstattung der deutschen Medien über Österreich in der Waldheim-Debatte, wo das große Erstaunen war, wie sehr rechte Haltungen zum Nationalsozialismus in breitesten Bevölkerungsschichten verankert sind. Ich habe jetzt nachgelesen, das war auch sehr erstaunlich für die ausländischen Medien, wie stark der Antisemitismus im Wahlkampf um die Bundespräsidentschaft von Kurt Waldheim reaktiviert werden konnte.

radioWelt: Wie geht man mit dem Jahrestag in Österreich um?

Heidemarie Uhl: Wenn wir das vergleichen mit 1978, dem ersten großen Gedenkjahr, in dem erstmals dem Nationalsozialismus in Österreich Raum eingeräumt wurde, dann ist es heute einerseits ein distanzierter, andererseits ein genauerer Blick, der sich auch die Grauzonen anschauen kann. Und ich denke, das ist ein neuer Ton, eine neue Sichtweise - auch im Hinblick auf die Frage: Wie gefährdet ist unsere demokratische Kultur durch den Aufstieg des Rechtspopulismus, durch Fremdenfeindlichkeit, durch eine Haltung, die zum Teil Semantiken aus der SS-Zeit reaktiviert - wenn etwa von Lügenpresse, von Systempresse die Rede ist. Die NS-Zeit wird so gewissermaßen zu einem Memento für: Wie gefährdet kann Demokratie heute sein? Können wir uns auf unsere Demokratie verlassen?


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