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Bayern klebt Von Süßkram und anderen Heimlichkeiten

Zucker lässt nicht nur den Gaumen, sondern auch den Geist jubilieren, macht ihn geschmeidig, produktiv und phantasiereich. Mit dem Segen von oberster theologischer Stelle avancierte er so einst von einem "Vergnügungs-" zu einem Heilmittel. - Thomas Kernert auf süßer Spur in Bayern.

Von: Thomas Kernert

Stand: 13.03.2021 | Archiv

"Vous aimez les bonbons, mademoiselle?"

Süße "Argumente" fördern den Erfolg beim "Fensterln"

"Seit einiger Zeit schon kamen immer wieder junge Burschen aus Irschenhausen, Icking oder Starnberg ins Dorf und führten imposante Balztänze auf. Doch niemand war ihr gut genug, der schönen Julia. Die Wagemutigsten versuchten gar, des Nachts mit einer Leiter bei ihr zu reüssieren: Sie stürzten tief. Der schönen Julia war's egal. Als begehrenswerte und begehrte Erbin eines großen Bauernhofes durfte sie wählerisch sein und auf ihren Traumprinzen warten. - Und ja, der kam dann auch: Natürlich hatte er eine reich bestickte Lederhose an und einen imposanten Musculus rectus abdominis. Doch das hatten die anderen auch. Sein Alleinstellungsmerkmal bestand in etwas ganz anderem, nämlich in - Bayrisch Malz:

Galant hielt er ihr die manierlich geöffnete Zellophantüte hin und fragte, französisch gurrend: 'Vous aimez les bonbons, mademoiselle?' Die schöne Julia konnte nur noch seufzen und zugreifen ...

Mit diesen und anderen süßen Argumenten - Lebkuchenherzen, Kirschnudeln, Apfelkücherl, Zwetschgendatschis, Bavesen - eroberte er schließlich ihr Herz, frei nach der indogermanischen Wortwurzel 'swad', auf die sowohl das englische Wort 'sweet' als auch das ebenfalls englische Wort 'persuade' - überreden, überzeugen - zurückgehen. Oder anders ausgedrückt: Gefühle gehen bekanntlich durch den Magen, Zucker indes dringt direkt ins Glückszentrum ein." (Thomas Kernert)

Die Dampfnudel ist erwiesenermaßen nicht bayerisch

Dampfnudeln mit Vanillesoße

Der Bayer liebt Süßes. Dies verwundert insofern, als er gemeinhin eher als Vernichter von Brühwürsten, Schweinsbraten und Semmelknödeln gilt. Auch halten sich seine Beiträge zur internationalen Hochküche der Desserts in engen Grenzen. Außer der berühmt-berüchtigten "Crème Bavaroise" und der Prinzregententorte findet man da kaum etwas original Bayerisches. Der nicht ganz lupenreine  Versuch, die Dampfnudel als typisch bayerisch zu etikettieren, scheiterte vor Jahren am heftigen Widerstand des rheinland-pfälzischen Landwirtschaftsministers.

Richtige Männer stehen nicht auf Zuckerwatte

Doch was soll’s? Richtige Männer stehen eh nicht auf Törtchen und Zuckerwatte. Richtige Männer lutschen und zuzeln nicht, richtige Männer beißen, kauen und schlucken runter. Oder wie es der Philosoph Peter Sloterdijk einmal formulierte:

"Der Intellekt, der seine Kraft auf würdige Objekte ansetzt, mag es in der Regel scharf, nicht süß. Man bietet Helden keine Bonbons an!"

Auf dem Butterbrot verzehrt der seine Kraft auf würdige Objekte ansetzende bayerische Intellekt am Morgen keine Marmelade, sondern Bierschinken oder Hirnwurst, am Mittag präferiert er Tafelspitz oder Schlachtplatte und am Abend delektiert er sich an einem sorgfältig übersalzenen Radi. Alles, bloß nix Süßes, lautet die Vorgabe aus dem Inneren seines Selbstverständnisses.

Und doch liebt der Bayer das Süße, Zuckrige, Klebrige!

"Auszogne" mit Puderzucker

Um diese Leidenschaft mit seinem heroischen Selbstanspruch auf einen Nenner zu bringen, geht er ihr möglichst diskret nach: Hier eine "Auszogne" oder einen Zwetschgendatschi, dort einen Apfelstrudel oder ein Tiramisu und dazwischen noch heimlich, still und leise ein Pralinchen oder einen schnellen Schokoriegel. In Italien findet man ihn mit Sonnenbrille in einer Eisdiele, in Belgien mit falschem Schnurrbart in einer Chocolaterie, in den USA mit Baseballcap in einem Candy Shop. Nur nicht in den Ruf eines Schleckermauls geraten!

Was wäre die Welt ganz ohne Zucker?

Sicherlich eine Welt mit weniger Karies, weniger Zahnärzten, weniger Fitness-Studios und weniger Moralaposteln ... Sicherlich aber auch eine Welt mit weniger Trost, weniger Wonne, weniger guter Laune, weniger Hoffnung und, zumindest am Weihnachtsabend, weniger Geselligkeit. Weshalb es auch heute noch eine verdammt gute Idee ist, sich oder anderen Süßes zu schenken!


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