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Männer und ihr Körperbild Von der Angst junger Männer, ein Lauch zu sein

Diäten, übertriebene Eitelkeit, Fitness-Sucht – das sind Themen, die bislang eher von Frauen besetzt wurden. Tatsächlich aber sind es immer mehr junge Männer, die in Sachen Schönheit ehrgeizige Ziele verfolgen. Sie wollen stark sein, athletisch, ein Alpha-Tier. Alles, bloß kein "Lauch"! Wenn Muskelfitness zur Sucht wird, spricht man vom Adonis-Komplex. Was ist los mit den jungen Männern?

Von: Laura Selz

Stand: 07.01.2019

Zwei junge Männer trainieren nebeneinander in einem Münchner Fitnessstudio. Der eine, 25, seit sechs Jahren fast täglich. Jeweils zwei Einheiten, wie er sagt: zum Beispiel Brust und Schultern, Rücken und Bizeps. Es gebe immer etwas auszusetzen, man wolle immer mehr. Früher war er richtig dünn und hatte Probleme zuzunehmen, heute wiegt er dank seiner Muskelmasse 88 Kilo. Der andere, Sebastian, ist 31 und trainiert seit über zehn Jahren.

"Wenn ich sage, meine Freundin soll schlank und sportlich sein, dann kann ich nicht auf der Couch liegen und nichts tun."

Sebastian

"Sei kein Lauch!"

Ist gerne Alpha-Männchen: Kollegah.

Natürlich reicht es schon lange nicht mehr aus, einfach nur ein Mann zu sein, um zu beeindrucken. Doch bei vielen jungen Männern wirkt der Körperkult wie ein neoliberaler Konkurrenzkampf, so als würden auf dem Arbeits- wie auf dem Liebesmarkt nur die Stärksten überleben - eben die Alpha-Männer. Kollegah, einer der erfolgreichsten Rapper Deutschlands, predigt das seit Jahren und beeindruckt mit Muskeln und Kampfgetöse seine Fans. Doch auch jenseits von ihm ist das Schimpfwort der Stunde: "Du Lauch!".

Die richtigen Vorbilder suchen

Ercan Demir kann da nur schmunzeln. Er ist Bodybuilder der alten Schule, ehemaliger Vizeweltmeister und Trainer. Zwar kennt auch er die Scherze, die sie untereinander machen: "Kauf bloß keinen Lauch im Supermarkt", und so weiter. Aber:

"Einen jungen Menschen kann das bestimmt beeinflussen, wenn man zehnmal sagt 'Du Lauch'. Wenn man jemandem zehnmal sagt 'Du bist dumm', denkt er auch irgendwann, dass er dumm ist."

Ercan Demir, Bodybuilder, Vizeweltmeister und Trainer

Wichtig sei es, die richtigen Vorbilder zu suchen. Kollegah zählt Ercan Demir nicht dazu. Der habe zwei, drei Jahre trainiert, pumpe sich da und dort auf und denke, er sei Bodybuilder.

"Nein, er ist von vorneherein ein sehr aggressiver Mensch gewesen und mit dem Sport ist er immer noch aggressiv."

Ercan Demir über Kollegah

"Bodybuilding ist Kopfsache, kein Balzritual"

Ercan Demir, ehemaliger Vizeweltmeister und Trainer.

Für Ercan Demir ist Bodybuilding Kopfsache, kein Balzritual. Er betreibt heute ein Studio in München und beobachtet, wie sich vor allem die jüngeren Männer medial beeindrucken lassen und glauben, auch sie müssten möglichst schnell möglichst stark werden. Vor allem in den sozialen Netzwerken wie Instagram und Facebook glaubt jeder, sich von seiner allerbesten Seite zeigen zu müssen. Das, so Demirs Einschätzung, setzt viele unter Druck. Über die letzten 20 Jahre hat Ercan Demir beobachtet, dass sich das immer mehr ausgeprägt hat. Nur, dass diejenigen, die auf ihr Aussehen achten, das ganz besonders tun, und die anderen so gar nicht mehr darauf achten. Er bringt es auf den Punkt:

"Es ist so geworden, dass wir halt fit und fett haben."

Ercan Demir

Ein junger Mann stellt seinen Oberkörper auf Instagram zur Schau.

Diesen Trend beobachtet auch Dr. Christian Strobel. Allerdings aus einem anderen Blickwinkel. Er ist Psychotherapeut in München und behandelt Männer, die unter Essstörungen und Muskelsucht leiden. Lange Zeit, so Strobel, wurden Frauen auf äußerliche Dinge reduziert. Nun ziehen seiner Beobachtung nach die Männer nach. Auch die Männer erfahren jetzt am eigenen Leib, wie es ist, wenn der Selbstwert auf Körperlichkeiten basiert. Und das wird immer ausgeprägter.

Körperkult: Wann wird es zuviel?

Die wöchentliche Trainingszeit oder der Umfang des Bizeps sind laut Dr. Strobel keine verlässlichen Indizien, ob es jemand übertreibt. Entscheidend sei, wie man sich fühlt. Krankhaft werde es, wenn mit dem Training tieferliegende Komplexe kompensiert werden. Daher fragt Strobel seine Patienten:

"Was passiert denn, wenn ich nicht trainieren kann? Kommen da Anspannungsgefühle, kommen da Gefühle wie Angst, Unsicherheit, solche Dinge. Zu überlegen, was kommt denn da, wenn diese Kompensationsstrategie nicht da ist."

Dr. Christian Strobl

Adoniskomplex

Statistisch gesehen entwickeln zwei Prozent der Sporttreibenden einen sogenannten Adoniskomplex. Das Phänomen ist also noch überschaubar. Bei der jüngst eröffneten Beratungsstelle der Caritas, die Dr. Christian Strobel in München leitet, melden sich bislang nur wenige, vielleicht auch aus Scham.

"Für Betroffene ist es wahnsinnig schwierig, darüber zu sprechen, denn wer unter dieser Störung leidet, hat vielleicht einen relativ geringen Selbstwert, will sich stärken, will irgendwie unverwundbar wirken. Und sich dahinter blicken zu lassen, ist natürlich erstmal eine Überwindung."

Dr. Christian Strobl

Eines von vielen Postings unter dem Hashtag #muskeln auf Instagram.

Strobel wünscht sich, dass junge Männer ihren Unsicherheiten mehr Raum geben können. Und dass ihnen das vor allem auch ihre Umwelt zugesteht. In Zeiten von Instagram & Co. ist das jedoch umso schwieriger. Denn dort überwiegen Posts der Selbstoptimierung. Work hard. Play hard. Train hard.


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