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Interview mit Dr. Carsten Krohn Verbrennungsgefahren für Kinder vermeiden

Offenes Feuer, Kerzen, Kaminöfen - dafür ist nun kurz vor Weihnachten die richtige Zeit. Das alles kann für Kinder allerdings sehr gefährlich werden. Auch Verbrühungen mit heißem Tee gibt es sehr häufig, warnt der Kinderarzt Dr. Carsten Krohn. Er ist leitender Oberarzt in der Kinderchirurgie im Klinikum München-Schwabing, dort ist ein Zentrum für brandverletzte Kinder.

Stand: 07.12.2017

Adventskranz, ein kleines Mädchen im Hintergrund | Bild: picture-alliance/dpa

radioWelt-Moderator Uwe Pagels: Sie behandeln schwer brandverletzte Kinder, bieten auch eine "Verbrennungsprechstunde". Wie sind Ihre Erfahrungen? Was sind die häufigsten Ursachen für Verbrennungsunfälle bei Kindern?

Dr. Carsten Krohn: Bei Kindern sind die Verbrühungsunfälle im Vordergrund. Weil ein kleines Kind nie weiß, was beispielsweise in der Tasse des Vaters drin ist. Es weiß auch nicht, dass Spaghetti-Wasser in das jetzt gleich die Spaghetti hineingeworfen werden sollen, heiß ist, und eine Verletzungsgefahr darstellt. Das heißt, das Kind greift in die Behältnisse, weil es die Gefahr als solche gar nicht kennt. Es ist in der Regel eine Leichtsinnigkeit der Eltern, die diese heißen Flüssigkeiten zu nah in der Reichweite ihrer Kinder haben stehen lassen. Ein schönes Beispiel sind gerade im Herbst die Menschen, die ihre Kinder über heißem Wasser inhalieren lassen. Die Kinder kriegen dann einen Schreck, ziehen den Kopf zurück und schütten die heiße Flüssigkeit in ihren Schoß.
Wenn das Wasser nur kurz auf die Haut des Kindes aufditscht und sofort wieder ablaufen kann, passiert meistens nur relativ wenig. Aber wenn zum Beispiel Kleidung in der Nähe ist und sich das Wasser hineinsaugt, dann reichen schon gute 50 Grad um eine wirklich tiefe Verbrühung zu hinterlassen. Das heißt, es muss gar kein kochendes Wasser sein. Kochendes Wasser macht, wenn es in Kleidung eindringt, immer tiefe Verbrühungen.

radioWelt: Jetzt haben wir die Weihnachtszeit: offene Feuer, Kerzen, Kaminöfen. Was ist besonders gefährlich?

Dr. Carsten Krohn: Was zur Zeit wirklich im Kommen ist: Wir haben einen extremen Anstieg dieser Verletzungen bei kleinen Lauflernkindern. Damit meine ich die Kinder, die entweder gar noch krabbeln und sich irgendwo hochziehen oder gerade mal eben das Laufen gelernt haben. Die sich gegen eine heiße Fläche, wie zum Beispiel die in Mode geratenen Kaminöfen, lehnen. Diese Kinder können ihre Hand nicht zurückziehen. Sie wissen nicht, wie dieser Mechanismus funktioniert, sondern sie schieben die heiße Fläche von sich weg, das heißt, sie drücken sogar noch viel fester gegen die heiße Fläche. Und das gibt immer extrem folgenreiche Handverletzungen. Das ist, was momentan sozusagen die Modevebrennung ist. Die meisten Eltern, die zu uns kommen, sagen: Wir haben doch nur eine Sekunde nicht aufgepasst.

radioWelt: Wenn sich ein Kind verbrannt hat, zum Beispiel am Kamin, was tut man dann?

Dr. Carsten Krohn: Was immer vorgeschlagen wird, ist das Kühlen. Das ist ein bisschen in Verruf geraten, weil wir wissen, dass bei großflächigen Verbrennungen ein langfristiges Kühlen zum Auskühlen des Kindes kommen kann.  Aber wenn Sie eine kleinflächige Verbrennung haben, wie zum Beispiel eine Handkontaktverbrennung, ist Kühlen sicher das allererste Mittel, sicher auch über die Zeit hinaus, die es braucht, um den thermischen Effekt der Hitze wegzunehmen, weil Kühlen eine Schmerzreduktion bringt. Man sollte aber immer darauf achten, dass man nicht zum Beispiel ein ganzen Kind zehn Minuten lang abduscht. Kinder können extrem schnell auskühlen und das ist für den zukünftigen Heilungsprozess sicher nicht gut. Das zweite, was man tun kann, ist dem Kind ein Schmerzmittel zu geben; oder gar, wenn es noch Kleidung anhat, die vollgesogen ist mit heißen Flüssigkeiten, diese vom Leib zu schneiden. Wenn's geht, nicht übers Gesicht ziehen, damit das Gesicht nicht zusätzliche Schädigungen hat.

radioWelt: Was kann man tun, um solche Vorfälle zu vermeiden?

Dr. Carsten Krohn: Nachdenken. Einfach um zu verstehen, dass Kind möchte zum Beispiel die Tasse, die Vater oder Mutter an den Mund führen, auch sich selber mal an den Mund führen. Weil es offensichtlich etwas ist, das Papa und Mama gerne machen. Man muss schauen, dass man alle heißen Flüssigkeiten in die Mitte oder hinten vom Tisch abstellt, dass Kinder nicht drankommen können. Kinder haben auch nichts neben Kochtöpfen zu suchen und bei Wasserkochern darf auf keinen Fall das Kabel für das Kind erreichbar sein, weil das Kind wird dran ziehen um zu sehen, was dann passiert.


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