Bayern 2


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Tegernseer Berge Unterwegs im Urwald in den Alpen

Kaum jemand würde vermuten, dass sich nur einen Steinwurf entfernt vom mit Touristen überfluteten Tegernsee ein Urwald befindet. Versteckt und schwer zugänglich ist er wie eine andere Welt.

Von: Georg Bayerle

Stand: 22.07.2019

Im Urwald unterwegs: Caro und Julia | Bild: BR

Auch in Zeiten als im 18. Und 19. Jahrhundert die Bergwälder für die damalige Glashütte und für den Bedarf der Orte und Bauten nahezu abgeholzt wurden, blieb dieser Teil des Waldes stehen, weil es unmöglich war, ihn wirtschaftlich zu nutzen. Nur spärliche Trittspuren führen heute dorthin durch absturzgefährliches Steilgelände.

Bäume, denen der Lebenskampf anzusehen ist

Wir haben die normalen Wege verlassen und stapfen durch eine steile Grasflanke. Tief unter uns rauscht der Bach; um uns verdrehte, gekrümmte Bäume, denen der Lebenskampf anzusehen ist: Steinschlag, Lawinen, Schneelasten oder Sturm und Blitze. Unser Ziel liegt ganz hinten in diesem abgelegenen Seitental.

Caro, obwohl Tegernseerin und als Bergsteigerin hier in diesen Bergen zuhause, tut sich schwer mit der Orientierung. Mit ihr und Julia, einer Wahl-Tegernseerin, will ich nach Jahren wieder einmal in den ‚Urwald’.

Das Wachstum, das Werden, nährt sich hier aus dem Vergehen. Zusammengestauchte, bonsaiartige Minifichten vegetieren vor sich hin: wenn man an den gedrungenen Stämmchen die Astreihen für die Lebensjahre abzählt, dann kommt man bei Bäumchen, die einen halben Meter groß sind, schon mal auf 50 Jahre.

Der Bergwald erneuert sich im Zyklus von 300 bis 500 Jahren

Der Zustieg gleicht dem Eintritt in eine andere Zeit: der Bergwald erneuert sich im Zyklus von 300 bis 500 Jahren – das Erlebnis ist ganz anders als im Flachland, wo sich die Generationen im Wald nach rund 100 Jahren ablösen und die Bäume viel schneller wachsen.

Wir haben den Platz erreicht: eine weitläufige Senke umgeben von senkrechten Felswänden. Umgestürzte Bäume liegen wild durcheinander, einige dienen als Ammenbäume: auf ihnen wachsen in Reih und Glied die Jungbäumchen.

Andere sind von zersetzenden Baumpilzen übersäht. So wächst eins aus dem anderen. Eine gewaltige Tanne steht da, so hoch, dass wir erst beim Versuch, sie zu dritt zu umfassen merken, wie mächtig sie ist.

Rund vier Meter Umfang hat der schlank erscheinende Stamm dieses bayerischen Urwaldriesen, der 300 oder 400 Jahre alt sein kann. Einzelne Bäume sind markiert, Wissenschaftler beobachten hier, wie sich der Bergurwald entwickelt, den es in Bayern nur noch an wenigen Stellen gibt.

Ein Kreislauf, der weit über ein Menschenleben hinausgeht

Seit über 10.000 Jahren setzt sich hier der Kreislauf fort, in dem sich der Bergmischwald in seinen langen Zyklen immer wieder von selbst erneuert. Für uns ist es die Erfahrung einer Natur, die unter ihren extremen Lebensbedingungen weit über ein Menschenleben hinausreicht.


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