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Ursachen Bewegungsmangel, billiges Essen, Vererbung

Bewegungsmangel, unter anderem durch hohen Fernsehkonsum und stundenlanges Sitzen vor dem Computer, ist eine der Ursachen für Übergewicht bei Kindern. Doch bei weitem ist es nicht die einzige ...

Stand: 10.04.2018

Familie beim Fernsehen | Bild: picture-alliance/dpa

Eine weitere Ursache ist die Tatsache, dass heute im Durchschnitt für Nahrungsmittel wesentlich weniger Geld als früher ausgegeben wird. Wie Studien belegen, sinkt zudem der Zeitaufwand für die Zubereitung der Mahlzeiten.

Wesentlichen Einfluss haben auch die Essensgewohnheiten sowie die Qualität der Nahrungsangebote. Diese hat sich in den vergangenen 50 Jahren rapide verändert. Noch nie zuvor waren Industrieprodukte auf dem Markt, die in Relation zu ihrem Energiegehalt so klein und damit so schnell und leicht zu essen sind.

Leere Kalorien

Die Energie eines Schokoriegels entspricht der Energie von zwei Äpfeln und einer Banane. Während ein Schokoriegel mit zwei, drei Bissen verzehrt ist, kaut man an zwei Äpfeln und einer Banane – einer üppigen, vollwertigen Zwischenmahlzeit – wesentlich länger. Ökotrophologin Agnes Streber bezeichnet die Energiezufuhr aus Schokoriegeln als leere Kalorien, denn sie spenden kein anhaltendes Sättigungsgefühl, sondern entziehen dem Körper sogar wichtige Vitamine.

Problem: Billiges Essen

In Deutschland wird immer weniger Geld für Nahrungsmittel ausgegeben. Einer Vergleichsstudie zufolge werden heute im Durchschnitt 10,5 Prozent des Nettoeinkommens für Nahrungsmittel ausgegeben. Vor 40 Jahren waren es noch über 36 Prozent.

"Dabei ist eine gesunde Alternative zu Industrieprodukten nicht wesentlich teurer."

 Agnes Streber, Ökotrophologin

Studie: Was eine Familie ausgeben muss

In einer Studie wurde der Durchschnittsverbrauch einer vierköpfigen Familie für zehn Grundnahrungsmittel ermittelt: für Brot, Kartoffeln, Reis, Milch, Butter, Eier, Teigwaren, Weizenmehl, Bananen und Kaffee. Demnach kommt der Einkauf dieser Lebensmittel in Bioläden pro Tag nur rund 17 Cent teuerer als der Einkauf von konventionellen Markenartikeln. Im Vergleich zu Produkten aus dem Discountmarkt liegt der Unterschied bei 28 Cent pro Tag und Person.

Kochkunst und Esskultur

Als weiteren Grund für Übergewicht bei Kindern führt Ernährungsexpertin Streber an, dass immer weniger Erwachsene über ausreichendes küchentechnisches Know-how verfügen.

"Richtig kochen bedeutet möglichst naturbelassen kochen – mit Produkten, die der Saison entsprechen und weitgehend aus der Region stammen. Manche Erwachsene haben aber schon das Gefühl, eine Mahlzeit frisch zuzubereiten, wenn sie eine Tütensuppe zusammenrühren. Wer nur schnell ein Fertiggericht aufwärmt, nimmt sich meist auch nicht die Zeit, dieses mit anderen gemeinsam in Ruhe zu essen. Kinder brauchen aber nicht nur frisch zubereitete Mahlzeiten, sondern auch Essenstraditionen. Denn die Ernährung durch Fertigprodukte fördert die Gewichtszunahme ebenso wie häufiges Essen nebenbei."

Ernährungswissenschaftlerin Agnes Streber

Problem: Berieselungs-Futter

Im Schnitt sehen laut AGF/GfK Fernsehpanel Kinder zwischen drei und dreizehn Jahren fast eine Stunde pro Tag fern. Bei Kindern ab 14 sind es bereits über drei Stunden täglich. Dazu kommt noch die viele Zeit, die die Kinder am Handy verbringen. Sitzen Kinder nach der Schule zu Hause vorwiegend über den Hausaufgaben, vor dem Computer oder am Smartphone, bleibt immer weniger Zeit für Bewegung an der frischen Luft. Untersuchungen belegen jedoch, dass Sport das Essverhalten beeinflusst.

"Wer viel vor dem Fernseher oder dem Computer sitzt, hat auf andere Produkte Hunger, als ein Mensch, der sich im Freien bewegt. Zum einen sind Kinder vor dem Bildschirm - während sie kaum Energie verbrauchen - der Werbung ausgesetzt, die Lust auf Essen macht. Hingegen Kinder, die zum Beispiel eine Radtour machen, haben viel mehr Lust auf natürliche Lebensmittel, die eine hohe Sättigung und natürlicherweise einen niedrigen Energiegehalt haben."

Agnes Streber, Ökotrophologin

Die Rolle der Gene

Genetische Faktoren sind fürs Übergewicht verantwortlich, dennoch sollte man die Rolle der Gene nicht überbewerten.

Genetische Faktoren sind fürs Übergewicht mitverantwortlich, dennoch sollte man die Rolle der Gene nicht überbewerten. So verweist zum Beispiel die Kinderklinik Linz auf vergleichende Studien an eineiigen Zwillingen und misst der Genetik bei der Entstehung von Übergewicht eine Bedeutung zwischen 25 und 40 Prozent zu.

"Man sollte die Rolle der Gene nicht überbewerten. Wenn man sich die Entwicklung des Übergewichts in der westlichen Welt anschaut, muss man sich doch fragen: Haben sich unsere Gene in den vergangenen 50 Jahren so verändert? Die Frage lässt sich klar mit Nein beantworten. Nicht die Gene haben sich drastisch verändert, sondern die Lebensgewohnheiten.."

Agnes Streber, Ökotrophologin


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