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Schuhe aus für Anfänger Unterwegs mit Japan-Bloggerin "Wanderweib"

In Japan gibt es für Touristen viele Fettnäpfchen - von der falschen Haltung der Fußsohlen bis zu gefährlichen Knöpfen in der Toilette. Darum holt sich radioReisen-Autor Andreas Pehl Hilfe von der Japan-Bloggerin "Wanderweib".

Von: von Andreas Pehl

Stand: 02.02.2018

Alleine in Japan – zum ersten Mal mitten in einer Kultur, deren Regeln für europäische Langnasen so kompliziert sind, dass es Wochen, wenn nicht Jahre bedarf, um sie zu kennen oder gar zu beherrschen. Ja, mir war ein wenig mulmig, als ich aus dem Flugzeug stieg. In den Tagen vor dem Abflug hatte ich stundenlang Ratgeber gelesen über die Sitten, die Stolperfallen und Verhaltensregeln in Japan. Als besonders hilfreich erwies sich der Japan-Blog „Wanderweib“ von Tessa, die seit einigen Jahren in Tokio lebt. Per Mail frage ich direkt bei Tessa an. Ich möchte weitere Fettnäpfchen gern in großem Bogen umschiffen. Vielleicht kann sie mir ja bei einem persönlichen Treffen helfen, Japan besser zu verstehen. Schnell bekomme ich eine Antwort, das Treffen klappt. „Wir treffen uns am West-Ausgang vom Bahnhof Chofu hinter den Schranken“, schreibt Tessa.

Die Kunst des sich Verlaufens

Dieses Treffen verspricht, ein richtiges Abenteuer zu werden: alleine, ganz ohne Japanischkenntnisse hinein in das öffentliche Netz Tokios, inklusive Umsteigen im Bahnhof Shinjuku – allein bei dessen Erwähnung haben meine japanischen Freunde die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Sicherheitshalber fahre ich eine Stunde früher los, um mich in Shinjuku ganz entspannt verlaufen zu können – doch dank der genauen Beschreibung und einer gewissen professionellen Gelassenheit schaffe ich es mich in der dahinfließenden Menschenflut treiben zu lassen. Vor der Ticketschranke am ersten Ausgang bildet sich ein kleiner Strudel, kurz danach zweigt ein Seitenarm an einem Mangashop vom Hauptstrom ab. Ich stemme mich kurz gegen die Strömung, werde dann mitgeschwemmt und direkt am richtigen Gleis angespült. Pünktlich auf die Minute fährt mein Zug in Chofu ein. Tessa erwartet mich wie vereinbart am Ausgang.

Die Kunst des Teetrinkens

Sie möchte mir bei einer Tasse japanischem Sencha-Tee von Japan, ihrem Blog und ihren Erfahrungen in Tokio erzählen. Die Bedienung bringt ein Tablett mit Kuchen, einer silbernen Thermoskanne, einer braunen Keramikschale mit Keramikkanne, dazu eine Sanduhr und eine blaue Schale – die nächste Herausforderung. Doch zum Glück hab ich ja jetzt Tessa an meiner Seite: Das Wasser muss zum Abkühlen zunächst in die braune Schale gegossen werden. Tessa erklärt mir die weitere Prozedur: „Dann schüttest du es vom Schälchen in die Kanne, dann drehst du die 30-Sekunden-Sanduhr um, wenn die 30 Sekunden um sind, schüttest Du es in das blaue Schälchen. Und dann isst du den Kuchen und trinkst dabei Sencha.“

Frühe Leidenschaft für Japan

So kann ich zumindest so tun, als hätte ich mein ganzes Leben lang noch nichts anderes getan, als japanischen Tee zu trinken. Bei Tessa scheint dies tatsächlich der Fall zu sein. Doch so lange ist die Bielefelderin noch gar nicht in Japan zu Hause. Ihre Begeisterung für das Land hat sie schon als Teenager zu Hause in Nordrhein-Westfalen entdeckt. Es fing an mit Anime und Mangas, dann lernte sie Japanisch, bekam ein Praktikum in Japan, lebte ein halbes Jahr in Nara und ist nun seit 2013 in Japan und erkundet das Land für ihre Blog-Leser. Als Informatikerin mit Master-Abschluss stehen ihr alle Möglichkeiten offen, ihren Blog auch technisch so zu gestalten, wie sie es möchte. Sie hat zum Beispiel ein Programm geschrieben, das den Nutzern ausrechnet, ob sich für ihre Reise ein Japan Rail Pass, also eine Netzkarte der japanischen Bahn lohnt. Und ihr Blog selbst ist so geschrieben, dass man ihn ohne Hintergrundwissen gut verstehen kann.

Wanderweib - der Japan Blog

„Wanderweib“ hat sie ihren Blog genannt, ein ungewöhnlicher Name für einen Japan-Blog. Doch das Wandern ist eine ihrer großen Leidenschaften, die sie zu Hause im Harz entdeckt und in Japan ausgebaut hat. Allzu viel von sich selbst möchte Tessa nicht preisgeben, zu unübersichtlich ist die Zahl der User, die ihren Blog lesen und da kommt es natürlich auch immer wieder vor, dass sie unangenehme Kommentare oder seltsame Mails erhält. Doch immer wieder trifft Tessa auch persönlich Besucher aus Deutschland, übersetzt und gibt Reisetipps – manches große deutsche Rundfunkorchester hat sie vor Ort begleitet, hat die Musiker in die Kunst des japanischen Essens eingeführt. Selbst die offizielle Japanische Fremdenverkehrszentrale JNTO in Frankfurt verlinkt auf den Wanderweib-Blog.

Mühsam aber lehrreich

Täglich steckt Tessa Zeit in ihre Artikel, überarbeitet sie regelmäßig auf Aktualität und recherchiert neue Themen. Inzwischen ist wanderweib.de ihr Hauptberuf geworden. Doch Geld lässt sich als Bloggerin derzeit noch nicht verdienen, dazu ist das Thema Japan vielleicht ein bisschen zu speziell. Aber Tessa lässt sich davon nicht abschrecken. Stundenlang saß sie an der Übersetzung von Zutatenlisten von Onigiri, einem typischen japanischen Streetfood aus Reis und Algen. „Das macht mir voll Spaß,“ schwärmt sie, „weil ich lerne so viel über Japan. Mit dem Onigiri-Artikel konnte ich plötzlich auch die Inhaltsangaben von anderen Produkten lesen.“

Die Kunst des Toilettengangs

Der Tee ist ausgetrunken, ich möchte mich kurz auf die Toilette verabschieden, da raunt mir Tessa eine kurze Warnung zu: „Vorsicht bei den Knöpfen!“ Nicht umsonst hat sie einen Artikel mit der Überschrift geschrieben: „Wie du Toiletten in Japan benutzt und trotzdem trocken bleibst!“ Diesen Artikel hatte ich mir bereits offline aufs Smartphone geladen, denn hier im falschen Augenblick den falschen Knopf drücken, kann verheerende Folgen haben: Kaltes, lauwarmes oder warmes Wasser spritzt in verschiedenen Stärken und Intervallen aus der Schüssel – oder statt der erwarteten Spülung ertönt Vogelgezwitscher aus einem Lautsprecher. Beim Druck auf den richtigen Knopf beginnt bei manchem Modell sogar eine Heißlufttrocknung.

Die Kunst des Schuhe-Ausziehens

Gefragt nach ihrem wichtigster Tipp für Europäer, wenn sie nach Japan kommen, rät Tessa: „Man zieht grundsätzlich die Schuhe aus, bevor man ins Haus reingeht. Meistens gibt’s auch auf der Toilette noch extra Latschen, die sollte man nicht anbehalten, wenn man wieder rausgeht, die sind wirklich nur für die Toilette.“ Über die vielen Tipps von Tessa ist es spät geworden, wir zahlen an der Kasse und das Wanderweib begleitet mich zurück zur Bahnstation. Diesmal freue ich mich auf das Chaos am Bahnhof Shinjuku, freue mich auf das Bestellen im Restaurant, auf einen Besuch in einem Onsen-Bad. Ich glaube, ich habe Japan dank Tessa ein bisschen mehr verstanden.

Alle Beiträge der Sendung

  • Big Apple per Bike - Mit dem Fahrrad durch New York. Von Caroline von Eichhorn
  • Schuhe aus für Anfänger - Unterwegs mit der Japan-Bloggerin "Wanderweib"
  • Von Walfängern und Whale-Watchern - In Island haben manche Touristen Wale zum Fressen gern. Von Simon Berninger

Die Songs der Sendung

  • Oki Dub Ainu Band - Matnaw Rera
  • Blágresi - Vio Gaflin

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Moderation: Bärbel Wossagk


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