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Unfallschäden Die Tricks der Autoversicherer

Immer häufiger ist zu hören, dass Unfallbeteiligte lange auf ihren Reparaturkosten sitzen bleiben. In vielen Fällen versuchen die Autoversicherer zudem die Schadenssummen zu drücken – zum Nachteil der Unfallopfer. Auch Sarah Kühne* aus Hof hat diese Erfahrung gemacht.

Von: Hanna Heim

Stand: 13.09.2018

Autounfall | Bild: picture-alliance/dpa

Es war einer der ersten warmen und sonnigen Tage im Mai dieses Jahres, als es beim Überholen knallte. Sarah Kühne* war nicht dabei, als von rechts jemand gegen ihr Auto fuhr. Ihr Freund fuhr den Wagen. Aber sie hat jetzt den Schaden. „Zum Glück ist niemandem etwas passiert“, sagt die 29-jährige Frau aus Hof. „Aber der Schreck war ziemlich groß.“ Und das Auto: Etwa 1.800 Euro Schaden. Dass es am Ende diese Schadenssumme sein würde, die ihr den meisten Ärger bereitet, das hätte Kühne damals nicht gedacht.

Kühne ist eine von vielen Deutschen, die sich mit den Verzögerungstaktiken einer Versicherung rumschlagen muss. Insgesamt dreieinhalb Monate hat sie gewartet, bis die Haftpflichtversicherung der Unfallgegnerin ihr das Geld ausgezahlt hat. Und zwar vierhundert Euro weniger als veranschlagt – und das Auto ist immer noch kaputt.

Die Gegnerin leugnet ihre Schuld

Eine Frau war damals bei einem Überholvorgang ausgeschert, hatte Kühnes Auto übersehen und es am Radkasten getroffen. Durch den Aufprall vorne, brach ihr Auto hinten aus und rammte die Leitplanke. Die Unfallgegnerin leugnete später ihre Schuld. „Zwar kam die Polizei und hat uns anhand der Spuren auch Recht gegeben. Aber die Frau hat sich danach weder bei mir noch bei ihrer Versicherung gemeldet“, erzählt Kühne. „Allein deswegen hat es schon ein paar Wochen gedauert, bis sich da jemand mal meines Falls angenommen hat.“

Für Kühne begann ein heißer Sommer, in dem sie fast täglich bei der Versicherung anrief. Immer wieder sollte sie neue Unterlagen zusenden, dann auf den Polizeibericht warten, der aber, als er endlich kam, nicht lesbar war. Später dann brauchte es zwei Gutachter, die jeweils den Unfallschaden auf eine Summe zwischen 1.400 und 1.800 Euro schätzten. Zu ihrer eigenen Werkstatt sollte Kühne laut Versicherung nicht gehen, die sei zu teuer, hieß es. Immer wieder wurde Kühne vertröstet – mal freundlich, mal schroff, jedes Mal hieß es: Man bearbeite ihren Fall in der kommenden Woche, andere Angelegenheiten seien gerade wichtiger. Selbst die Drohung mit dem Anwalt ließ die Sachbearbeiter kalt.

Nicht länger als zwei Monate sollte es dauern

Online und in Foren kann man häufig von solchen Fällen lesen. Offenbar versuchen die Versicherungen immer öfter, die Kosten zu drücken oder die Haftungsquote zu verhandeln. Manchmal warten sie auch so lange, bis jemand keine Lust mehr hat, sich mit dem Schaden und dem Geld zu beschäftigen. Rechtlich gesehen haben die Versicherungen zwar sogar die Pflicht, genau zu prüfen, wie ein Unfall passiert ist und welche Seite die Haftung übernimmt. Aber dieser Vorgang sollte nicht länger als zwei Monate dauern.

Irgendwann ärgert Sarah Kühne sich so sehr, dass sie bei Facebook einen wütenden Kommentar auf der Seite der Versicherung hinterlässt. Er ist für alle lesbar. „Ich habe dieser Versicherung genug Chancen und Zeit gegeben“, schreibt sie da, „aber anscheinend möchte die Versicherung sehr gerne, dass es vor Gericht landet. Naja, wenn sie unbedingt noch Prozesskosten übernehmen wollen, ist es ihr Problem“.

Und plötzlich geht alles ganz schnell. Zwar zahlt die Versicherung am Ende wirklich nur die kleinere Gutachtensumme von 1.400 Euro, aber das ist Kühne inzwischen auch egal. „Ganz ehrlich: Ich hatte einfach keine Lust mehr, mich mit denen rumzuschlagen“, erzählt sie. So fährt Sarah Kühne jetzt in einem links und rechts demolierten Auto herum und weiß eines ganz sicher: „Wenn mir so etwas noch einmal passiert, dann schalte ich sofort einen Anwalt ein.“

*Name von der Redaktion geändert

Tipps bei Ärger nach einem Unfall:

  • Bleiben Sie besonnen und freundlich.
  • Wenn nötig: Schalten Sie einen Arzt und die Polizei ein.
  • Nehmen Sie so viele Daten und Beweise wie möglich auf.
  • Unterschreiben Sie am Unfallort keine Schuldzugeständnisse oder Ähnliches.
  • Suchen Sie einen Anwalt auf – er wird bei Beweis der Unschuld von der gegnerischen Versicherung bezahlt.
  • Wenn Sie den Unfall verursacht haben, ziehen Sie in Betracht, die Schadenssumme aus eigener Tasche zu bezahlen. Auf lange Sicht kann es sich lohnen, bei der eigenen Haftpflichtversicherung den Schadensfreiheits-Rabatt zu behalten.

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