Bayern 2


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Überqualifizierte Mütter Kompetenzverschwendung und Armutsfalle

Gut ausgebildete Mütter steigen häufig auf geringfügigen Stellen wieder in den Beruf ein – eine Kompetenzverschwendung und für die Frauen im schlimmsten Fall eine Armutsfalle. Denn sie erhalten am Ende ihres Arbeitslebens oft deutlich weniger Rente als Männer.

Von: Isabelle Hartmann

Stand: 30.01.2018

Frauenfüße in Businessschuhen und Kinderfüße | Bild: picture-alliance/dpa

Laut Innovationsreport des Deutschen Industrie- und Handelskammertags finden vier von fünf Betrieben nicht genügend Fachkräfte. Ein Blick auf Mütter könnte helfen. Denn viele sind gut ausgebildet und möchten auch mehr arbeiten, wie der aktuelle Gleichstellungsbericht der Bundesregierung zeigt. Aber viele Unternehmen bieten Stellen nur in Vollzeit an, was für die meisten Frauen nicht praktikabel ist. Und so steigen top ausgebildete Mütter oft auf geringfügigen Stellen wieder ein.

70 Prozent aller Mütter mit kleinen Kindern arbeiten in Teilzeit

Dass Frauen Familie vor Geld und Beruf stellen, ist in Deutschland die Regel, das zeigt der Gleichstellungsbericht der Bundesregierung. 70 Prozent aller Mütter, die Kinder unter drei Jahren haben, arbeiten in Teilzeit - bei kinderlosen Frauen sind es lediglich 20 Prozent. Und auch der Weg zurück in die Vollzeit bleibt vielen verwehrt. Noch gibt es darauf keinen Rechtsanspruch. Zudem arbeiten Mütter nicht nur weniger, sie verdienen auch über einen längeren Zeitraum kein Geld. Ist das Kind zwei Jahre alt, arbeitet in den alten Bundesländern nur jede dritte Mutter - im Osten Deutschlands ist zu diesem Zeitpunkt schon jede Zweite wieder berufstätig. Die negative Konsequenz: Im Durchschnitt bekommen Frauen etwa die Hälfte einer Männer-Rente.

"Der niedrige Rentenbescheid ist mit einer der Auslöser dafür gewesen, dass ich gesagt habe: Ich muss jetzt sozialversicherungspflichtig arbeiten. Die Entwicklung stagnierte fast, obwohl ich etwas dazu gezahlt habe - aber es reichte nicht. Man spricht da von Altersarmut."

Bärbel, arbeitende Mutter

30 bis 40 Prozent überqualifizierte Mütter

"Wenn die Rahmenbedingungen für Mütter stimmen, sind sie sehr treue Mitarbeiterinnen", beobachtet Martina Helbing von Power M.

Wer als Rentner weniger als rund 960 Euro netto im Monat erhält, gilt als armutsgefährdet. Der Weg zurück in einen sozialversicherungspflichtigen Job, der auch ihren Qualifikationen entspricht, gelang Bärbel mit Hilfe von "Power M". Power M ist eine Informations- und Coaching-Stelle der Frauenakademie e. V. in München. Das Ziel: Frauen wieder fit für den Arbeitsmarkt zu machen, dank intensivem Training und passgenauen Workshops, zum Beispiel im IT-Bereich. Martina Helbing, Chefin von Power M, hat schon viele Mütter beraten, die überqualifiziert für ihre Arbeit sind. Rund 30 bis 40 Prozent aller Frauen, die länger als drei Jahre pausierten, befänden sich in dieser Situation.

"Viele Frauen glauben: Wenn sie unterqualifiziert anfangen, sieht der Arbeitgeber, dass sie viel besser sind und kümmert sich um ihre Weiterentwicklung. Aber: Wenn ich eine tolle Frau für wenig Geld habe, warum soll ich ihr freiwillig mehr zahlen? Nicht umsonst bieten Arbeitgeber Minijobs an oder geringfügige Selbstständigkeit, um Engpässe ausgleichen zu können, Sozialabgaben zu sparen."

Martina Helbing, Chefin von Power M

Statt auf Gnade des Arbeitgebers zu warten, ermutigt Martina Helbing die Frauen, selbst aktiv zu werden, ihre Computer-Kenntnisse aufzufrischen, sich ihre Stärken bewusst zu machen - mit Erfolg: 70 Prozent der Frauen, die das Coaching von Power M durchlaufen, steigen auf ihrem Qualifikations-Niveau wieder ein. Eine Win-Win-Situation, auch für die Firmen.


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