Bayern 2


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Bayerische Traumpaare: Geben und Nehmen

Christoph Krix und Hermann Scherm untersuchen, wie es heute um das Verhältnis der beiden scheinbar unzertrennlichen Zwillinge "Geben und Nehmen" bestellt ist, die ohne einander nicht überlebensfähig scheinen. - Ein Paar, dessen Bedürfnis nach Ausgleich den Austausch in menschlichen Beziehungen erst möglich macht?

Von: Christoph Krix und Hermann Scherm

Stand: 24.12.2017 | Archiv

Dass Geben seliger sei denn Nehmen, steht schon seit Jahrtausenden in der Bibel geschrieben. Und über dem Hautportal der Kirche des Augustinerchorherrenstifts Polling aus dem 18. Jahrhundert stehen in goldenen Lettern die Worte 'Liberalitas Bavarica'. Diese 'Liberalitas' wiederum steht im Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts der 'Avaritia', dem Geiz, gegenüber und bedeutet soviel wie 'wohlbemessene Freigebigkeit'. Nach dem Kriegsende 1945 wurde dieser Begriff in 'Liberalitas Bavariae' umgewandelt und steht seitdem in dieser Form für die 'landestypische" Frei- und Großzügigkeit, die das Leben in Bayern so besonders und lebenswert macht.

Man zeigt, was man hat, und ein bisserl Prunk darf sein

Lamborghini auf der Münchner Maximilianstraße

"Liberalitas Bavarica" ist mittlerweile zu einem Motto geworden für das Leben in Bayern: Leben und leben lassen, geben und nehmen. Ob im Englischen Garten, wo man sich beim Sonnenbaden geben kann, wie der Herrgott einen geschaffen hat, oder auf der Leopoldstrasse im Porsche 911er oder im Bentley Cabriolet – man zeigt, was man hat, und ein bisserl Prunk darf sein. Das gilt in Bayern schon lang, wenigstens seit König Ludwig der Zweite seine Märchenschlösser gebaut hat. Aber ist es nicht so, wer sich was gönnt, wer "nehmen" kann, wer die Gaben des Lebens genießen kann, der kann auch "geben"? Wer das Leben genießt und zeigt, was er hat, der kann auch geben und andere leben lassen?

Geben und Nehmen sind der Motor des Lebens

Mutter in Erwartung neuen Lebens

Die Gabe steht am Anfang eines jeden Lebens. In den meisten Religionen gibt ein Gott, eine höhere Macht, das Leben - und nimmt es wieder am Ende. Irdisch gesehen sind es die Eltern, die Leben geben, vor allem die Mutter. Damit beginnt der Kreislauf des Gebens und Nehmens, dieser Austausch, der das ganze Leben durchzieht. Ein großes Bild dafür ist das Gastmahl, das gemeinsame Essen und Trinken. Jesus mit seinen Jüngern beim Abendmahl, die Vermehrung von Brot und Wein bei der Hochzeit zu Kanaan in Galiläa.

Die Münchner Tafel

Lebensmittelausgabe der Münchner Tafel am Großmarkt

Die Lebensmittelausgabe bei der Münchner Tafel, die seit 1994 Bedürftige versorgt, so schlicht und profan sie auf den ersten Blick auch daherkommen mag, trägt im Kern dieses Bild. Aber das kümmert zurecht niemanden hier. Hier geht’s ums konkrete Anpacken. Die Armut in der "leuchtenden" Stadt München steigt. Zehntausende stehen hier bei der Tafel regelmäßig an und müssen versorgt werden, weil's zum Leben nicht mehr reicht mit der Rente, dem Mini Job oder Hartz IV. Und das klappt nur, weil zahllose Ehrenamtliche mit viel Engagement dabei sind und viele Sponsoren großzügig geben. Das war nicht immer so. Vor allem der Anfang 1994 war nicht ganz einfach, wie Hannelore Kiethe, die Vorsitzende und Initiatorin der Münchener Tafel zu berichten weiß:

"Wenn Sie noch keinen Namen haben und nicht bekannt sind, tun Sie sich sehr schwer, Sponsoren zu finden. Heute sind wir aber bekannt, man vertraut uns, (...) wir sind gut aufgestellt, wir arbeiten mit der Lebensmittelaufsicht zusammen, und heute kommen die Sponsoren auf uns zu und wollen vor Ort auch helfen."

(Hannelore Kiethe)

“Herzensbildung: ein Plädoyer für das Kapital in uns”

Anselm Bilgri

Das sind nur einige der Ansprüche wie sie der katholische Geistliche Anselm Bilgri in seinen Publikationen an unsere heutige Wissensgesellschaft stellt. Der frühere Prior des Benediktiner Klosters Andechs arbeitet heute als Lebens- und Unternehmensberater. Seine “Akademie der Muße” leistet in Kursen, Seminaren und Vorträgen unter anderem Hilfestellung zu Entschleunigung und verloren gegangener Achtsamkeit. Ein klassischer Geber, könnte man meinen.  Doch gibt es das “reine, selbstlose Geben” überhaupt, ein Geben, das sich selbst genügt und als Gegenleistung nichts erwartet? Oder gehören geben und nehmen wie siamesische Zwillinge zusammen und bedingen einander gar?

"Ich glaub, dass die reine Form des Gebens und Nehmens, ohne jeweils Erwartung, da muss man sehr reif sein in der menschlichen Entwicklung, um das zu leben. Wir haben immer in uns das Gefühl, ich bin was schuldig. Eigentlich sind wir das nicht. Vielleicht ist das wenn ich was gebe und ich bekomme etwas dafür. Das Schöne wäre ja, dass ich das nicht erwarte, sondern dass das von alleine kommt. Aber weil wir eben diese Erfahrung machen und wenn‘s nur ein Lächeln ist, dann sind wir schon enttäuscht, wenn‘s dann ned kommt. Und das durchzuhalten, das ist für den Menschen wahnsinnig schwer."

(Anselm Bilgri)

Eines steht fest: Nur der ist froh, der geben mag!

Helfende Hände

Wie steht es heute um das Verhältnis dieser beiden scheinbar unzertrennlichen Zwillinge "Geben und Nehmen", die ohne einander nicht überlebensfähig scheinen? Ein Paar, dessen Bedürfnis nach Ausgleich den Austausch in menschlichen Beziehungen erst möglich macht? - Das Hörstück "Geben und Nehmen" untersucht dieses Wechselspiel, das im menschlichen Miteinander ein festes Prinzip zu sein scheint, und spürt den feinen Zwischentönen nach, die das Zusammenleben dieses sensiblen Paars bestimmen, bei dem auch so manches auf die Goldwaage gelegt wird.

Die Autoren sprechen mit einem katholischen Geistlichen, mit ehrenamtlich Tätigen und anderen Gebenden und Nehmenden aus ganz unterschiedlichen Bereichen des Lebens.

Wir geben unseren Hörern Gelegenheit, diese Sendung anzunehmen, und hoffen, dass sie uns im Gegenzug Gehör schenken. Denn eines steht fest: Nur der ist froh, der geben mag!


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