Bayern 2


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Glaube, Hoffnung, Feierei Timkat - eine Geschichte über Glück und nasse Menschen

Das ist Reporterglück: Unser Autor lernt in einem Kaffeehaus in Gondar einen Mann kennen, der ihn spontan mitnimmt auf das Tauffest Jesu. Nicht die offiziellen Feierlichkeiten, sondern die privaten, bei seinen Freunden. Die dauern zwei Tage lang.

Von: Tom Noga

Stand: 05.04.2018

"Bist du wegen dem Timkat hier?" Ich habe Teshe in einem Kaffeehaus in Gondar kennengelernt, der alten äthiopischen Kaiserstadt. Ich bejahte und Tashagar Sartadengar, wie Teshe eigentlich heißt, bot mir an, mir das Tauffest Jesu zu zeigen. Nicht nur die offiziellen Feierlichkeiten, sondern auch die privaten bei seinen Freunden. Zwei Tage dauert das Fest - 10.000 Menschen werden erwartet, darunter ein paar hundert Touristen. Und am Ende werden alle nass sein, pitschnass.

Wir sind auf dem Weg hinunter zur Piassa, dem zentralen Platz in Gondar. Das Wort leitete sich vom italienischen Piazza ab - mit Schreibfehler. Ein Überbleibsel aus den 1930ern, als das faschistische Italien Mussolinis Äthiopien knapp sechs Jahre besetzt hielt.

Man wähnt sich im Altertum

Auch die senfgelben Steinhäuser entlang der Straßen im Zentrum sind noch aus der Besatzungszeit. Ansonsten dominieren Holzhütten. Hirten treiben ihre Ziegen durch die Straßen, Händler bringen ihre Ware auf den Rücken von Eseln zum Markt, knorrige Männer in schlichten Umhängen lehnen auf Hirtenstäben. Denkt man sich die wenigen Autos weg, das Wirrwarr an Strom- und Funkkabeln, das die Straßen überspannt, und die Unmengen an dreirädrigen Moped-Taxis, so genannten Tuk Tuks, dann wähnt man sich im Altertum.

Teshe und ich sind nicht allein unterwegs. Von überall strömen Menschen herbei, gekleidet in Weiß. Die Frauen in langen bestickten Gewändern, die Männer in Kaftan und Pluderhose. Sie trommeln, tanzen, singen.

Die Piassa. Sie ist nicht viel mehr als ein Parkplatz. Sonst halten hier die Reisebusse, die Gondar mit der 730 Kilometer entfernten Hauptstadt Addis Abeba im Süden verbinden und mit den Grenzstädten zum Sudan im Norden. Jetzt aber ist die mit bunten Wimpeln geschmückte Piassa voller Menschen. Das eigentliche Tauffest beginnt erst um zwei Uhr nachmittags, mit einer Prozession zum Bad des Kaisers Fasilides. Auch wenn man beim afrikanischen Kontinent nicht gerade an Monarchien denkt: Abessinien, wie Äthiopien früher hieß, war ein Kaiserreich mit Wurzeln in der biblischen Zeit. Und mit dem orthodoxen Christentum als Staatsreligion.

Taufe eines gesamten Volkes

"Ende des 16. Jahrhunderts waren die Jesuiten nach Äthiopien gekommen, um das Land zu missionieren," erklärt Teshe. "Fasilides’ Vater konvertierte zum Katholizismus und erklärte ihn zur Staatsreligion." Ansatt des orthodoxen Christentums - das führte zu Unruhen mit vielen Toten. Im Tumult der Aufstände kam Fasilides an die Macht. Er verwies die Jesuiten des Landes und kehrte zur Orthodoxie zurück. "Nach unserem Glauben war dadurch eine erneute Taufe des gesamten Volkes erforderlich. Deshalb ließ Fasilides außerhalb von Gondar ein Bad anlegen."

Seit jener Massentaufe wird Timkat gefeiert. An jedem 19. Januar, in Schaltjahren einen Tag später. Überall in Äthiopien. Aber in Gondar ist der historische Bezug besonders greifbar. Und nirgends sonst ist die Feier größer.

Wir sind bei Teshes Freund Adono und seiner Familie. "Wir alle lieben dieses Fest. Es bringt die ganze Familie zusammen. Wir lachen viel, wir bekommen Besuch. Alle sind glücklich. Und das heilige Wasser gibt uns Kraft. Es wäscht uns rein von Sünden", erzählt Adono.

Die Zeremonie

Die Prozession beginnt. Vorneweg tanzen die junge Leuten. Hinten die Priester in ihren bunten Roben - unter Schirmen zum Schutz gegen die brennende Sonne. Der Zug wälzt sich aus Gondar hinaus. Adono und seine Familie sind längst im Menschengewirr verschwunden. Von überall strömen weitere Gruppen hinzu. Ein großes fröhliches Chaos. Unten im Tal kommen wir an einen Exerzierplatz, angelegt während der sozialistischen Militärdiktatur. Das Militär herrschte von 1975 - vom Sturz Haile Selassies, des letzten Kaiser Äthiopiens - bis 1991. Seitdem wird Äthiopien von der Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker regiert, einer linken Sammelbewegung.

Hinter dem Exerzierplatzes ist eine Gartenanlage. In deren Mitte steht ein steinerner Turm, zwei Etagen hoch, umgeben von Wasser, zugänglich über eine Brücke. Man kann sich das Gebäude wie eine Badeinsel inmitten eines Schwimmbecken vorstellen. Das ist das Bad des Fasilides.

Teshe und ich haben bis Mitternacht getanzt und geredet. Und uns dann in Decken gehüllt schlafen gelegt. Unbequem war es und kühl, aber schön, Teil dieser Gemeinschaft zum sein. Nun wischen wir uns die Müdigkeit aus den Augen. Die Sonne geht auf. Und die Priester treten hinaus. Mittlerweile ist das Bad des Fasilides voller Menschen. Sie sitzen auf Mauern, drängen sich an den Rand des Wassers. Ein junger Mann hat einen Feigenbaum erklommen, dessen Äste weit hinein ins Bad reichen.

Wer es nicht ins Bad schafft, wird per Schlauch nassgespritzt

"Er will als Erster im Wasser sein, um die Kerze zu bekommen. Der Bischof dort hinten wird gleich eine Kerze in eine Schale stellen und schwimmen lassen. Wer die Kerze kriegt, dessen Wünsche gehen in Erfüllung“, erklärt Teshe.  Der Bischof segnet das Wasser. Nun gibt es kein Halten mehr. Von überall springen die Menschen ins Wasser, Männer und Frauen. Die einen freiwillig, die anderen werden von der nachrückenden Menge ins Becken geschoben. Es wird gespritzt, geplanscht, geschwommen. Über hölzerne Leitern erklimmen Priester die Mauern, Wasserschläuche in Händen. Sie richten den Strahl auf die Menge in der Gartenanlage, auf diejenigen, die es nicht hinter die innere Mauer geschafft haben. Teshe entschuldigt sich kurz - auch er will einen Tropfen abbekommen. Als er zurückkommt ist er klitschnass - und glücklich.

Ein Fest für die ganze Straße

Später Nachmittag. Nun beginnt der private Teil des Timkat. Teshe schleppt mich zu einer Nachbarin, zu einem Fest für die Familie und die ganze Straße. Es gibt geröstete Nüsse und Ingera, das äthiopische Fladenbrot. Dazu Hackfleisch in Tomatensoße. Teshe nimmt reichlich, seit gestern hat er nichts gegessen. Auch von den Getränken: Vor ihm steht ein Becher mit Tella, selbstgebrautem Hirsebier. Unter den Gästen auch Männer in Lumpen, barfuß und zahnlos. "Timkat heißt teilen, auch mit Menschen, die auf der Straße leben. Das ist normal in Äthiopien", so Teshe.

Es wird ein langer Abend. Für Teshe. Und für mich. Gegen Mitternacht falle ich hundemüde ins Bett. Beseelt von einem Fest, das bunt und laut und fröhlich ist. Und mich mitgerissen hat, wie kaum eine religiöse Zeremonie zuvor.

Die Beiträge der Sendung

  • Timkat - Das Tauffest Jesu in Äthiopien. Von Tom Noga
  • Von Geistern, Rhythmen und Heilung: Die Gnaoua in Marokko. Von Christiane Zwick
  • Tanz mit den Teufeln: Wie Mallorca zu sich selbst findet. Von Brigitte Kramer

Die Songs der Sendung

  • Bole 2 Harlem - Bole 2 Harlem
  • Aziz Sahmaoui & The University of Gnawa - Maktoube
  • Akale Wube - Jawa Jawa

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Moderation: Bärbel Wossagk


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