Bayern 2


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Im Warschau der Vorkriegszeit Szczepan Twardoch: "Der Boxer"

Jakub, ein jüdischer Boxer im Warschau der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, ist der gewalttätige Helfer des Paten Jan Kaplica. Ein fulminanter Roman über die Unterwelt.

Von: Stefan Berkholz

Stand: 15.05.2018

Szczepan Twardoch: "Der Boxer" -  | Bild: BR/ Rowohlt

Gleich zu Beginn fallen wir in einen Boxkampf, der minutiös und wie gefilmt beschrieben wird, mit allen technischen Details und Niederschlägen, die möglich sind. Der Roman heißt im Deutschen "Der Boxer", im Original "Krol", also "König". Wir befinden uns im Warschau der Vorkriegszeit, 1937. Gespalten ist diese Stadt, Juden sind bloß geduldet in diesem katholischen Polen.

"Und geblendet von seiner eigenen Kraft, versteht Jakub nicht, dass sie hier nicht mehr zu Hause sind, vielleicht waren sie es nie, alle paar hundert Jahre durch Europa gejagt, hin und her. Nein, sie lässt sich nicht blenden von der Kraft, Emilia sieht: Sie sind hier nicht zu Hause. Die Polen lassen das nicht zu. (…) Ihr seid nicht zu Hause, nicht einmal in euren Vierteln seid ihr das, nicht auf euren Plätzen, nicht vor euren Synagogen. Dies ist ein katholisches Land, es gehört alles uns, ihr werdet hier nur geduldet. Und unsere Geduld ist nicht unerschöpflich."

Ausschnitt aus 'Der Boxer'

Doch eine Handvoll Juden glaubt immer noch, diese Stadt für alle Zeit regieren zu können. Sie sind gewalttätig, sie treiben Schutzgelder ein, sie prügeln, sie morden, sie haben, so scheint es, die Stadt vollends im Griff. Denn Korruption, Intrigen, Macht und Geld ermöglichen ihnen die Manipulation höchster Amtsträger. Szczepan Twardoch wagt einen tiefen Blick in die Unterwelt Warschaus in jener Zeit vor dem deutschen Überfall.

"Das ist die andere Seite einer Stadt, die in Polen oft als Paris des Ostens gesehen wird. Und ich denke, dass dieses Bild nicht ganz wahr ist. Denn das frühere Warschau war eine Stadt mit vielen politischen Kämpfen. Es war eine sehr unruhige Stadt, auch mit ständigen Straßenkämpfen. Und ich wollte diese dunkle Seite der Stadt zeigen."

Szczepan Twardoch

Dieser historische Hintergrund wird immer wieder skizziert, auch mit realen Personen der Zeitgeschichte. Die Hauptfiguren aber sind der Pate, Jan Kaplica, und sein gewalttätiger Helfer, der Boxer Jakub Shapiro, dazu diverse andere Gangstertypen und Frauengestalten drumherum.

Gangstergeschichte, Liebe, Sehnsucht - alle Facetten

Ist das nun eine jüdische Gangstergeschichte? Eine Parabel auf das Böse im Menschen? Oder stehen die Sehnsucht nach Liebe und die Suche nach Glück im Mittelpunkt? Auf einen Aspekt festlegen lassen wolle er sich nicht, erwidert Twardoch. Literatur bilde immer diverse Facetten des Lebens ab und so finden sich in seinem Roman viele Aspekte wieder, die ihm gleich wichtig seien.

"Dies ist ein Buch über Liebe. Aber es ist auch ein Buch über jüdische Identität in Warschau. Und über Gewalt und die Konsequenzen von Gewalt. Es ist ein Buch über Warschau selbst, das mich sehr interessiert. Und es dreht sich um das Boxen und über Fragen der Schuld und wie wir damit umgehen."

Szczepan Twardoch

Palästina bleibt der Traum für viele, doch nur zwei kommen durch in diesem Roman. Und der Erzähler, mittlerweile Ende achtzig, blickt zurück auf seine unheilvolle Geschichte und die Verwicklungen und Irrwege eines Lebens. All das ist in einer schwebenden, sirrenden, fließenden, sehr melodiösen Sprache verfasst. Wobei die vielen Wiederholungen zu diesem Stil naturgemäß dazu gehören.

"Ja, ich benutze eine Menge Wiederholungen im Polnischen. Das ist für mich eine Frage des Stils. Ich versuche, so viel Fluss wie möglich in mein Schreiben zu bringen. Und diese Wiederholungen sind eines meiner Instrumente dafür."

Szczepan Twardoch

Szczepan Twardoch

Szczepan Twardoch hat einen fulminanten Roman geschrieben - großartig und flüssig ins Deutsche übertragen worden von Olaf Kühl. "Der Boxer" ist plastisch, ungemein lebendig und farbig veranschaulicht, raffiniert kombiniert, mit stimmigen, knalligen Dialogen und raschen Blenden wie für den Film gemacht. Der Schriftsteller spielt mit der Fragwürdigkeit von Erinnerung, und er bringt den Leser immer wieder ins Zweifeln. Bis zur letzten Zeile nimmt dieser Thriller gefangen und gibt wie nebenbei Einblicke in eine verwickelte, düstere Geschichte der Polen. Twardoch erzählt eine große Moritat, eine Geschichte wie eine antike Tragödie.

Szczepan Twardoch: Der Boxer. Roman. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin, 2018. 464 Seiten, 22,95 Euro


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